06. 12. 2006

 

11.30 Uhr 

 

Die IG Unfreie Theater gründen.
Aber nicht so und weswegen Sie jetzt denken...

 

07. 12. 2006

 

23.11 Uhr 

 


Das Büro für theatralische Sofortmaßnahmen
bittet zum

Ernstfall 4:
An die Fritzpunkt-Komplizinnen und -Komplizen

Sie sind das Gegenteil von Parasiten.
Sie verwandeln Ihre Angst in Lust.
Sie folgen Affekten, Verführung, Begehren,
etablieren temporäre Strukturen und
sind ein Beispiel für die Kraft des Schwachen.

Weil Sie es sind, werden Sie in die Postgasse gebeten. Weil Sie in die Postgasse gebeten werden, stehen dort 15 Marianne Fritz-Texte zur Ihrer Verfügung. Weil sich diese anlaßdramaturgischen Texte rasch aneignen lassen, können Sie noch bis Ende des Jahres ein Ernstfall werden.

Mit herzlichem Dank an Gesa Ziemer,
Ihr Büro für theatralische Sofortmaßnahmen


Dieser Ernstfall zur Komplizenschaft war naturgemäß als konspirative Sitzung unter Stroemfelds rotem Stern angelegt (den das Büro vor zwei Tagen von KD Wolff erhalten hatte). Gedämpftes Sprechen, Zuweisen eines Textes nach Einschätzung des jeweiligen Gastes und schrittweise, individuell verschiedene Einweihung in die Gepflogenheit der Ernstfälle griffen um sich. Nach und nach gab es mehr Textauswahl, emsiges Schreiben und leise Gespräche. Die an den Enden der aus neun Tischen bestehenden Tafel sitzenden Fritzpunkte kamen immer wieder zu internen Gesprächen am einen oder anderen Ende der Tafel zusammen. Dabei wurde auch erörtert, solange im Raum zu bleiben, bis der letzte Gast den Raum verlassen haben würde...
Die Erweiterung des bestehenden Auftrags Trappl, noch ein (anderer) Trappl-Auftrag und die Anbahnung eines Auftrags (Kellner) konnten verbucht werden.

 

08. 12. 2006

 

22.11 Uhr 

 


(Ernstfall)Auftrag Wieser

Art: Lesung unter dem Stern, neben dem Pazifischen Ozean

Thema: "...der Tod. Unverkennbar er. Ihn ganz brechen, es hätte auch die Leistung ins schiefe Licht gerückt, die Fass-ad für die Nachkommen ersann. Den Tod schafft man nicht aus der Welt hinaus, in der man regiert. Man kontrolliert ihn und sein Treiben, das ist alles. Mit dem Tod wird gehandelt; das tut ihm gut. Aber zudringlich darf der Tod nicht werden." Marianne Fritz

Ort: 1030 Wien, Privatwohnung

Personal: 3 Personen lesend / 9 Personen hörend

Anlaß: Feier

 

 

23.54 Uhr 

 


Anwesend bei Abwesenheitspflicht
Abwesend bei Anwesenheitspflicht

Für Fritz Moser:

"Daß Wörter Worte wurden, Haltstangen, Sitzbänke, wärmender Mantel im eisigen Wind mit Temperaturen unter Null, Pelerine im Regen, Feuer im Ofen und trockene Wände, ein Stück Brot und nicht verseuchtes Wasser, das alles mußten Wörter werden; also Worte mußten sie werden, egalwie, aber anderes war nicht die Aufgabe"
Marianne Fritz Naturgemäß I, 1996

 

14. 12. 2006

 

20.08 Uhr 

 

In der kleinen Flußschrift. Ein Leseweg
Markierungen zu einem Text von Marianne Fritz

(Entwurf zu einem Anlass; Bernhard Kellner)


[...] Gleichzeitig jedoch ist die kleine Flußschrift wie das Entlanggehen an einem Ufer, wider die Laufrichtung des Wassers, mit der kleinen Flußschrift kann folglich das Einzugsgebiet des Meeres, des Stromes, des Flusses, des Baches, des Rinnsales, der Quelle vermessen werden...


Bei der folgenden Konzeption zu einem Anlass/Ernstfall geht es um die Begegnung eines - beliebigen - Lesers mit einem Text von Marianne Fritz.

Diese Begegnung kann nicht harmonisch oder friktionsfrei verlaufen: Wie das gesamte Werk von Marianne Fritz, so entzieht sich auch dieser Text dem Leser-Begehr einer 'abschließenden' oder zusammenfasssenden Deutung; der Text scheint Mechanismen eingebaut zu haben, die ihn vor jeglicher Totalisierung oder Einverleibung schützen.

Sowie der Leser «verstanden» zu haben meint, verweist ihn ein nächstes Detail auf eine weitere Ebene, auf einen weiteren Subtext, den er bislang nicht in Betracht gezogen hatte; sowie er an eine Passage ankoppelt, löst sie sich aus der Verankerung und lässt ihm das Ganze neuerlich entgleiten.

Trotzdem kommt der Bemühung des Lesers - seinem «Fehllesen» - eine gewisse, Realität zu: die eines Lesewegs unter unendlich vielen möglichen. Dieser spezifische Leseweg hantelt sich von Markierung zu Markierung (Unterstreichungen, Notizen am Rand der Seite etc.) und mündet zuletzt in ein - weder beliebiges, noch allgemeines gültiges - singuläres und provisorisches Verstehen.

Vielleicht lässt sich diese Art der Lese-Erfahrung mit dem urbanen Erlebnis vergleichen: Die Punkte A und B sind auf unendlich viele Weisen miteinander verbunden; möglicherweise lässt sich eine kürzeste oder eine schönste Wegstrecke bestimmen, vielleicht könnte man die eine oder andere Empfehlungen abgeben, aber man wird sich hüten, den tatsächlich beschrittenen Weg absolut zu setzen.

Genau das ist der Ausgangspunkt für den hier skizzierten Ernstfall: Der Leseweg eines beliebigen, um Genauigkeit und Sorgfalt bemühten Lesers schreibt sich - ereignishaft, dialogisch - in das Stadtgefüge ein. Ob er tatsächlich in Richtung Autorin bzw. ihres Gesamtwerks führt oder nur spiralförmig um die Bewusstseins- oder Begehrens-Matrizen des Lesers führt, bleibt freilich dahingestelltÉ

*

Zur Methode. - «Sie sind das Gegenteil von Parasiten. / Sie verwandeln ihre Angst in Lust. / Sie folgen Affekten, Verführung, Begehren,/ etablieren temporäre Strukturen und / sind ein Beispiel für die Kraft des Schwachen. //» - so lautete die erste, noch außertextliche, Markierung in der Einladung, die den Leser in die Wiener Postgasse führte, zum Ernstfall Nr. 4.

Dort wurden ihm - in aller Stille - zunächst zwei Texte offeriert, die die Nummern 11 und 16 trugen. Weil die Nummer 11 ihm näher lag und weil sie im Titel das Wort «Flußschrift» trug, entschied er sich dafür; um sehr rasch zu merken, dass die gestellte Aufgabe alles andere als einfach war. Also bat er um einen zweiten Text, der ihm - der numerologischen (Un)Vernunft folgend - am nächsten lag: Text Nummer 9 («Und wie die Fratzen erschaffen») sollte den Basis-Text unterfüttern.

Damit waren zwei weitere - außertextliche - Markierungen gegeben: Im Tarot steht die Nummer 11 für die Kraft (und die Schwierigkeit, Kraft von Gewalt zu unterscheiden), die Nummer 9 bezeichnet den Einsiedler (und die Schwierigkeit, Weisheit von Dogmatismus zu unterscheiden). Kraft und Eremitage wurden zu den Polen im Magnetfeld dieser Text-Auseinandersetzung.

Noch in der Wiener Postgasse fand ein - affektives - Erstlesen statt; diese Lese-Erfahrung wurde handschriftlich protokolliert, kommentiert, notdürftig kartografiert. Die Zweit- und Drittlektüre in den Räumen des Lesers erschütterte erwartungsgemäß das allzu einfache Verstehens-Raster («Stockung/Fluss») der ersten Begegnung.

Von da an schichteten und schichten sich unterschiedlichste Lese(zu)gänge übereinander, aus denen sich eine gewisse Anzahl an Markierungen herausschälen lässt: Anstreichungen im Text, Passagen, die der Leser für Schlüsselstellen hält; es sind Haltegriffe, die ihm helfen, dem Textstrom zu trotzen.

*

Der Anlass ergibt sich daraus gleichsam selbstläufig: Folgende Anordnung für den Ernstfall könnte - beispielsweise am 19. Jänner 2007 (Neumond, finster) - eintreten:

Ein Spaziergang geneigter Leser/Komplizen, die sich wechselseitig «Die kleine Flußschrift» und ihre spezifischen Lese-Erfahrungen «erzählen»; an einigen markierten Punkten dieser Spazierlinie (Stationen) werden Fragmente aus dem Text verlesen. Dem Spaziergang folgt ein Kaffeehausaufenthalt, wo der Text erstmals als Ganzes zu hören ist.

Die gesammelten Markierungen (die ungefähr 20 vom Leser angestrichenen Textstellen) werden im A3 Format ausgedruckt und - in der Nacht davor - entlang einer zuvor festgelegten Wegstrecke affichiert; ohne Impressum und Kennung: reiner Text, schwarze Schrift auf weißem Hintergrund.

Die Wegstrecke könnte - möglicherweise schimmern hier Verhängnisse oder Vorlieben des Lesers durch - vom Handelsgericht in der Marxergasse 1 (neue Festung) über den Bahnhof Wien Mitte (Eisenbahn zum Flughafen, Busbahnhof) zwischen Autoverkehr und U-Bahn-Grube zum Wienkanal (nasse Wege) verlaufen, von wo sie - wider den Lauf des Wassers - zur Rossauer Lände bzw. zur Rossauer Polizeikaserne (alte Festung) führt und an der Türkenstraße endet.

Vor jeder markierten Station (die affichierten Texte entsprechen ungefähr der Länge des Eingangszitates) hält die Menschentraube kurz inne: Es wird versucht, die jeweilige Textstelle bzw. die Mutmaßungen über diese Textstelle im Textganzen zu verorten.

Nach der «offenen», fabulierenden Texterfahrung unter freiem Himmel, versammelt sich die Komplizenschaft in einem Kaffeehaus-Hinterzimmer (Café Votivpark oder Lichtental), wo der Text erstmals als Ganzes vorgelesen wird.

Aller Voraussicht nach werden die Teilnehmer des Spaziergangs die seitens des Lesers im Vorfeld der Veranstaltung gemachte Texterfahrung - unwillkürlich und auf je eigene Art - neuerlich erleben: Ihre Mutmaßungen und Assoziationen werden erschüttert oder zumindest modifiziert; was sie verstanden zu haben meinen, wird übergehen in neue und weiter reichende Fragestellungen. (Die Markierungen bleiben indessen hängen, bis sie von anderen Plakaten überdeckt oder von Wind und Wetter unlesbar gemacht werden.)

- Das wäre, grob umrissen, meine Vorstellung von einem Ernstfall aus Leserperspektive: «Es gibt im Lesen eine Erwartung», heißt es bei Pascal Quignard, «die nicht danach trachtet anzukommen. Lesen ist Umherschweifen. Die Lektüre ist eine Irrfahrt.»

© Bernhard Kellner, Wien-Neubau, 14. Dezember 2006

 

15. 12. 2006

 

23.15 Uhr 

 

Für diesen besonderen Tag eine - unausweichliche - Textwiederholung:

"Schaut her, Leute,
wie schutzlos der Mensch doch ist, eine einzige verwundbare Fläche, angewiesen auf Güte, angewiesen auf Sachkenntnis, angewiesen auf sein Kennen, das Wissen von ihm und angewiesen auf so viel, dies wäre eine Stärke, die ich mir gefallen ließ, eine Größe, die ich akzeptieren könnte, es gestehen wie sehr wir Lebewesen sind, die angewiesen sind auf eine höhere als eine tierische Vernunft; wir sind angewiesen auf Intelligenz, wir sind: angewiesen auf Menschlichkeit, nicht weil sie großartig ist; sondern Voraussetzung für dies, was ich heiße Garantie vorerst einmal schaffen, fürs Weiterbestehen: der Möglichkeit überhaupt erst einmal zu werden dem Traum Mensch ähnlicher; jaja; ich sagja nix. Nur eines merke dir von mir, alles andere kannst du vergessen ---"
Marianne Fritz Dessen Sprache du nicht verstehst, 1985

 

16. 12. 2006

 

17.27 Uhr 

 

Fritzpunkt
Büro für theatralische Sofortmaßnahmen
präsentiert

Die Fritz-Manöver-Fassung : Unter www.fritzmanoever.at finden Sie ab heute die am 11. September 2006 im Laufe des Fritz-Manövers gelesenen 702 Seiten aus dem Roman Naturgemäß II der österreichischen Autorin Marianne Fritz.

Unter Die Fritz-Manöver-Karte sind die von den Leserinnen und Lesern freundlicherweise rückgemeldeten Seiten mit ihren Bezirks-, Dorf-, Kloster- und Stadtstandorten samt Seitenstichworten eingetragen.

Das Fritz-Manöver schließlich erinnert die Parameter und Interpretationsvorschläge dieser Marianne Fritz-Maßnahme.

Die Manöver-Leitung wünscht erlesene Feste und dankt für weitreichende Hilfe!

Alles Weitere ab sofort unter
www.fritzmanoever.at

 

19. 12. 2006

 

15.43 Uhr 

 

Aus einem kürzlich aufgefundenen, nicht zur Veröffentlichung bestimmten Papier des
Büros für theatralische Sofortmaßnahmen
mit dem Titel:

"Überlegungen zur strategischen Ausrichtung eines Theaterzivildienstes im Spannungsfeld der Pole
"Zivildienst für das Theater oder Theater als Zivildienst":

Variante A:
Der Theaterzivildienst fungiert als Dachmarke aller Institutionen, die sich in Österreich um Theater kümmern. All diese Institutionen werden im Theaterzivildienst geparkt, zumindest ihre staatlichen Subventionen gehen damit automatisch auf den Theaterzivildienst über. Der Theaterzivildienst propagiert offensiv den sozialen Zweck von Theater, stellt Partizipation in den Mittelpunkt seines theatralischen Interesses und geht massiv gegen die Literaturfixiertheit des Theaterbetriebes in Österreich vor. Er setzt vehement auf Regionalität und überlässt die Internationalität denen, die glauben, damit Verdienst(e) einheimsen zu müssen.
(Stichworte: gesamtösterreichisch, Verwaltungseinheit, ideologische Ausrichtung, Partizipation, Regionalität)

Variante B:
Der Theaterzivildienst integriert den bereits bestehenden Zivildienst-Apparat und erreicht damit eine Verschiebung des theatralen Feldes in Richtung Sozialarbeit. Langfristig wird damit ein Paradigmenwechsel des Kunstverständnisses angestrebt, Kunst als soziale Plastik im Beuys`schen Sinne verstanden.
(Stichworte: Integration des bestehenden Zivildienstes, soziale Plastik, gesamtösterreichisch, Verwaltungseinheit)

Nach eingehender Betrachtung beider Varianten wird eine Fusion von A und B vorgeschlagen; es entsteht damit ein künstlerisch-soziales Werkzeug, das Österreich mit einem Schlag im Spitzenfeld post-dramatischer Strategien positioniert und das Zivildienstproblem, das bei der langfristigen Auflösung des verpflichtenden Militärdienstes entsteht, mitlöst. Das situativ-taktische Vorgehen des Theaterzivildienstes wird Gegenstand weiterer
Überlegungen sein."

 

31. 12. 2006

 

21.49 Uhr 

 

2006: Ein Jahr der (Re)Lektüre geht zuende.

Das Büro für theatralische Sofortmaßnahmen
kuratierte die vierteilige Serie

Das Post-Kuratorium
(KuratorenCasting für das Fritz-Manöver /
Gründungsfeier der IG Fritz-Manöver /
Der Fritz-Manöver-Gipfel)
April/Mai 2006

Weiterlesen Richtung Fritz-Manöver
Juni/Juli 2006

Das Fritz-Manöver
Eine Übung für den Ernstfall
11. September 2006

Ernstfälle 1 - 4
Oktober/November/Dezember 2006

und stellte die Fritz-Manöver-Fassung unter
www.fritzmanoever.at online.

2007 folgt:
Die Methode von Naturgemäß II auf dem Theater.