01. 12. 2003
23.12 Uhr
Nach dem Besuch eines Vortrags über "Simultan-Rechtsprechung" von Cornelia Vismann im IFK Treffen mit dem Historiker und Performer Karl Bruckschwaiger. Das Gespräch kommt auf die Form der "Messe", die wir subkutan Fritzpunkt in Berlin unterlegen könnten:
1 Lob
2 Lesung
3 Predigt
4 Bekenntnis
5 Speisung
6 Abschiedslied und Entlassung
Material für diese Form sind Textstellen aus Naturgemäß I , die nach den für Theaterarbeit konstitutiven Themen
Chor-Zeit-Raum-Schau/Spiel=Körper-Text
aus dem großen Konvolut (vgl. 22.11.2003)
ausgewählt werden. Diese Stellen werden amalgamierend in das "Reden über" den Fritzpunkt und das Werk der Marianne Fritz eingezogen. In welchem Mischverhältnis wird aus einem "Reden über" ein "Reden an sich"? Oder besser: welche Art des Sprechens entsteht aus dieser - im besten Fall eintretenden - Ununterscheidbarkeit von Zitat und freier Rede?
02. 12. 2003
09.51 Uhr
Punkt 5 und 6 der "Messe" Speisung und Abschiedslied/Entlassung: Die Österreicher singen in Berlin die alte Kaiserhymne (Melodie der aktuellen deutschen Nationalhymne) und verteilen gleichzeitig Zwetschgenkrampusse an alle Berliner als Abschluß von Fritzpunkt in Berlin ?
Den "Willensbrecher" würds freuen....:
VOLKSHYMNE DES KAISERTUMS ÖSTERREICH
(1854 - 1918)
Gott erhalte, Gott beschütze
unsern Kaiser, unser Land!
Mächtig durch des Glaubens Stütze
führ´ Er uns mit weiser Hand!
Laßt uns seiner Väter Krone
schirmen wider jeden Feind:
Innig bleibt mit Habsburgs Throne
Österreichs Geschick vereint.
Fromm und bieder, wahr und offen
laßt für Recht und Pflicht uns stehn;
laßt, wenn´s gilt, mit frohem Hoffen
mutvoll in den Kampf uns gehen!
Eingedenk der Lorbeerreiser,
die das Heer so oft sich wand:
Gut und Blut für unsern Kaiser,
Gut und Blut fürs Vaterland!
Was des Bürgers Fleiß geschaffen,
schütze treu des Kriegers Kraft;
mit des Geistes heitern Waffen
siege Kunst und Wissenschaft!
Segen sei dem Land beschieden
und sein Ruhm dem Segen gleich:
Gottes Sonne strahl´ in Frieden
auf ein glücklich Österreich!
Laßt uns fest zusammenhalten:
in der Eintracht liegt die Macht;
mit vereinter Kräfte Walten
wird das Schwerste leicht vollbracht.
Laßt uns, eins durch Brüderbande,
gleichem Ziel entgegengehn;
Heil dem Kaiser, Heil dem Lande:
Österreich wird ewig stehn!
Text: Johann Gabriel Seidl (1804-1875)
aus: Franz Mairs Liederbuch für die österreichischen Bürgerschulen. Neu bearbeitet von Adolf Kirchl. Pichler, WIEN 1912.
06. 12. 2003
08.55 Uhr
Fritzpunkt in Berlin
Ist der Fritzpunkt eine Kirche? Nein? Ist der Fritzpunkt eine Wärmestube? Auch nicht? Ist der Fritzpunkt ein Dramaturgiebüro? Ach Gott? Eine lebende Homepage? Sehr? Ein Theater? Wie? Eine Klosterzelle? Nein? Ein Milchgeschäft? Ja? Ein Hintereingang? Auch nicht? Eine öffentliche Anstalt? Wieder nicht? Eine naturgemäße Einrichtung? Sehr? Eine Modellwerkstatt? Nein? Schon der Inhalt?
Ein Fritzpunkt ist ein Fritzpunkt ist ein Fritzpunkt.
Oder:
"In schwebenden Verhältnissen ordnet das Sagen sehr rasch".
Naturgemäß I, S.128
23.02 Uhr
Fritz aufheben in Berlin (Versuch 7)
Ort:
Ein Sitzungszimmer im Institut für Theaterwissenschaft, Grunewaldstraße 35,
12165 Berlin
Voraussetzungen:
- 16 Personen (Theaterwissenschaftler/innen: Erika Fischer-Lichte / Jens Roselt / Christel Weiler / Friedemann Kreuder / Barbara Gronau / Johannes Mergner / Sabine Krüger / Dominik Walther / Nina Tecklenburg / Agnes Manier u.a. sowie drei Theaterpraktiker/innen: Anne Mertin / Susanne Hahnl / Fred Büchel) sitzen an zu einem Kreis gestellten Tischen, redend.
1 Person (Bildhauer Markus Redl) sitzt in der Mitte des Kreises auf einem Drehstuhl mit einer A3-Version des ersten Bandes von Naturgemäß I von Marianne Fritz, stumm.
- Körperliche Aktion im Gegensatz zu den Versuchen im Wiener Fritzpunkt sehr eingeschränkt.
- Rollentausch im Vergleich zu den bisherigen Versuchen: Das Stadt Theater Wien als Gast.
- Es sitzt uns das erstemal eine beruflich homogene Gruppe gegenüber.
Verlauf:
Nach dem Lob (vgl. 1.12.2003) durch die Theaterwissenschaftlerin Christel Weiler (eine konzise Vorstellung des Stadt Theater Wien und seiner Arbeitsprämissen) folgt die Lesung , eine mit Fritztexten durchsetzte Erörterung ebendieser Prämissen durch die Fritzpunkte. Kurz vor der geplanten Predigt, einem savonarolaartigen Ausbruch mit sieben Zungen durch einen Fritzpunkt (ausschließlich Fritztextbruchstücke in atemlosen Tempo vorgetragen) erfolgt der Unterbruch der Messe -Struktur durch Christel Weiler, das Reden in, mit und durch Fritz-Texte wird in der Folge zu einem reinen "Reden über"; die Gastgeberseite holt sich ihre Setzungsmacht zurück, die Art, Erfahrung zu machen, wird in die "Sprache des Orts" zurückgeführt, das "Nichtmerkmal im Gelände" bleibt - in seiner doppelten Gestalt als Verschwindendes, Getarntes und markant Hervortretendes - stehen.
Dauer:
Zweieinhalb Stunden.
Fazit:
Von der Seite der Theaterpraktiker/innen die Aufforderung an sich selbst, vorgenommene Arbeits strukturen noch mehr als Arbeits hypothesen
zu begreifen, schneller und gefinkelter auf Unvorhergesehenes zu reagieren: "die Bedeutung
des brennend Wachen". Für die Theaterwissenschaftler/innen die Aufgabe, ihre Wissenschaft noch mehr als Praxis zu begreifen?
Danke!
08. 12. 2003
21.34 Uhr
In einem Vortrag im Rahmen des Graduiertenkollegs "Codierung von Gewalt im medialen Wandel" an der gerade bestreikten Humboldt-Universität Berlin von Dr. Helga Lutz über die Arbeiten des bildenden Künstlers Christoph Büchel mit dem Titel "Orte der Gewalt" wird der Begriff des "Erfahrungsgestalters" anstelle des Begriffs "Künstler" gesetzt. Es ist die Rede von "aktiver Unterwerfung" des Kunstkonsumenten und davon, daß die "Erfahrungsgestaltung die Freiheit zum Problem werden läßt". Glücklicherweise stellt eine Studentin nach dem Vortrag klar, daß sich der Kunstkonsument bei aller Beklemmung und "Ganzwelterfahrung" in den weitverzweigten Rauminstallationen Büchels ja immer bewußt bliebe, daß er/sie sich in einem Kunstkontext befinde. Was sagt uns das? Gibt es ein Kunstwerk frei von "manipulativer Substanz"? Vgl. Kabakovs Theorie der "Totalen Installation".
29. 12. 2003
12.47 Uhr
Erinnert am Jahresende:
Ein zu Beginn dieses Jahres geführtes Telefonat mit einem ostdeutschen Verleger, der auf der Suche nach 2000 verschollenen Bänden des Buches eines ostdeutschen Autors auf eine Anlage für Bücherverbrennung in Westdeutschland stieß, deren Direktor schon vor längerer Zeit mit dem Bundesverdienstkreuz für seine Verdienste in Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet wurde. Alle Verlage in Deutschland liefern ihre unverkäuflichen Restexemplare in diese seit den 50er/60er-Jahren bestehende Anlage und so wanderte der ost-deutsche Verleger schließlich zwischen palettierten Bachmanns, Celans und Kleists, bis er dort auch auf die von ihm gesuchten 2000 Bände traf, die ihm an Ort und Stelle großzügigerweise überlassen wurden.
Denkbar wäre doch nun, diese eigentlich als Fernheizwerk industriell angelegte Bücherverbrennung zum Heizen der deutschen Verlagshäuser zu verwenden. Auf diese Art und Weise würde verbrannte Literatur zumindest zum Vertrieb noch nicht verbrannter Literatur beitragen.
Eine Frage, die sich im Zusammenhang dieser Geschichte, einmal abgesehen von der allzuunglücklichen Optik, stellt: Wenn doch Tonnen von Gemüse und Früchten weggekippt und vernichtet werden, um deren Marktpreis zu halten, kann man es den Verlagen verdenken, die Bücher nicht zu verschenken, sondern zu verbrennen? Andernfalls könnte ich als Konsument, sprich Leser, einfach fünf Jahre warten, bis ich Bachmanns "Todesarten" umsonst erhielte. Jedoch: Was wäre dagegen eigentlich einzuwenden?