07. 11. 2005
07.25 Uhr
Zu den Gesprächen mit Josef Szeiler und Andreas Pronegg und der Aussicht, in der Stadt des Kindes ein weiteres, chorzentriertes Theaterprojekt zu entwickeln:
"Hüte dich vor jedem Blitz, der Chor weiß das und beim Rädern schaut er sehr genau zu. Genießt ers? Er prüft sein eigenes Ende und weiß, merke dir das: Dieses Schicksal mußt du von dir wenden, du mußt dich vom Rad fernhalten! Wie kannst du das? Indem du mißachtest was sich vor dem Rad nicht in Sicherheit zu bringen weiß? Ist faßbar! Der Narr! Dann soll er - so ist das nicht. So hätte es der Weiße Adler gerne, aber so einfach ist das nicht: Das Herz schätzt diese Vorstellung sehr. Als wüßte der Chor das nicht. Hüte dich vor den Gezeichneten im Zwischenraumland gerade dann wenn du gezeichnet bist, unverzüglich erkennbar: Ein Erdfarbener. Der ist nicht gekommen, um die Kultur ins Land zu bringen. Das Weiße Adlerweißland fürchtet die Kultur der Lazarushüte und der Ritter aus dem Norden und sie sollen die Kultur fürchten des Weißen Adlers. Ob Kralle ob Huf. Ein Paradies ist dermaßen voll von Flöhen und Läusen, daß ruhig der Huf wie die Kralle bleiben könnten, dorten, wo sie unter ihresgleichen ... voll Haß war der Chor , der erdfarbene Chor im Zwischenraumland haßte die eigene Ohnmacht, fürchtete aber die Krallen des Weißen Adlers und vor allem: das Rad . Das Häuten. All das was sich dermaßen gegen den erdfarbenen Leib kehrt, daß ewige Schäden zu fürchten waren. Es gab kein Hopsen, kein Hüpfen der erdfarbenen Geschöpfe, es war dieses schräge Schauen, daß es vorzog, nicht anzuzeigen, was es nun falsch, was es nun richtig aufgefaßt hat, lag ursprünglich in der kreatürlichen Hinfälligkeit des erdfarbenen Leibes, später aber dann geschahen seltsame Verwandlungen, in vielen Liedern schwang diese seltsame Verwandlung mit, die es jedem anzeigte, der ein drittes Ohr fürs Schluchzen eines Chors hat, dem seine Kindheit abhanden gekommen war wie einem Kind, und die Kindheit fehlte dem Chor , denn in ihm haßte er noch und er wußte noch sehr genau: zu benennen und zwar schamlos, so schamlos, daß er sich später gar nicht mehr vorzustellen wagte, wie schamlos er gewesen sein könnte. ...die Unschuld ist dem Chor abhanden gekommen, in Schuld verstrickt hat er sich zunehmend, sich wirklich sehen mag der Chor schon lange nicht, kommt er zu sich, weicht er sich gerne aus, denn Entkommen gibt es für den Chor nicht: In seinen Liedern schwingt dieses Wissen mit, in den Klängen eher als im Wort. (Dem Chor aus jenen Jahren begegnen, es bedeutete einander Schlagendes trat aus seinem Schatten heraus und stiftete dermaßen Verwirrung, daß jedes reguläre, das-heißt-nicht-gespenstische-Flüchtlingsschar, Treiben im Land des Chen und Lein zwischen dem Mögliche und dem Daisterja rechnen mußte mit Panik stiftenden "Elementen", die sogar Erdfarbene auf der Flucht in Verwirrung zu stürzen verstanden, noch mehr aber reguläre Stiefel, die in Verbänden agierend alles brauchen konnten, nur keine unvorhergesehenen "Vor"fälle, wie sie unsichtbar Agierende zwischen dem Mögliche und dem Daisterja noch und noch erschaffen halfen.)
Marianne Fritz Naturgemäß I, 1996
27. 11. 2005
11.32 Uhr
Wenn denn das Prinzip Chor , die Selbstverständigung über die Funktionsweisen von Sprechchor im Theater, zum grundlegenden Arbeitsparadigma im Jahr 2006 werden soll, tauchen, zum Beispiel, folgende, eher kurze Fragen auf:
An wen adressiert der Chor?
Oder schafft er es, ohne Adressat auszukommen?
Weil er sich selbst genug ist?
Was transportiert etwas, das keinen Adressaten braucht?