04. 11. 2004

 

22.35 Uhr 

 

Fritz anwenden (Versuch 10)

3. Öffentliche Arbeitssitzung zum Tribunal-Projekt mit Karl Bruckschwaiger, Katherina Zakravsky, den Fritzpunkten und Rosemarie Pilz als mitnotierende Zuschauerin

"Der Gegenstand des Vertrags ist bei Hobbes eine abgründige Übertragung des Eigenwillens sämtlicher Einzelner auf den Herrscher, der demnach nur Macht hat, sofern er einen begünstigten Dritten darstellt. Ein absoluter Monarch ist er, sofern seine Souveränität keinen Widerspruch duldet; ein konstitutioneller, insoweit seine Macht nichts ist als der kumulative Effekt aus der Delegation der Selbstregierungsleidenschaften der Vertragspartner auf den einen, der alle disziplinieren, bedrohen, überragen soll."
Peter Sloterdijk Sphären 3, Schäume, 2004

An der Längsseite des Seminaraums, gegenüber den Fenstern und der Balkontür, eine Sitzreihe für das Publikum: Traditionelle, längsgezogene Frontalsituation. Schräg rechts der Jobezer. In der Raummitte Katherina Zakravsky auf einigen Sitzblöcken als Rhythmusgeberin, zentrale Instanz , die Text- und Verhaltenswechsel erzwingt. Karl Bruckschwaiger kann als Einziger völlig unabhängig Textstellen aus Homi K. Bhabha "Die Verortung der Kultur" einlesen und kommentieren (Hauptthese: Die erfundene Gemeinschaft "Nation" als narrative Strategie und Folge von Massenemigrationen). Die drei Fritzpunkte haben Bewegungskriterien (Nähe/Ferne; oben/unten; Stillstand/Bewegung; ungleich/gleich) im Verhältnis zueinander und Marianne Fritz-Textmaterial zur Verfügung, dessen Reihenfolge nicht festgelegt ist (S.4-6 / S.50 / S.134 / S.152-154 / S.295-296). Nach exakt 20 Minuten extemporiert Katherina Zakravsky über die (Migrations)Bewegungslehre, die Drehbewegung und verläßt dabei das einzige Mal ihre fixierte Position. Agieren Bruckschwaiger oder Zakravsky werden die drei Fritzpunkte zum Publikum des Publikums . Mehrere Rahmen wären möglich: Publikum des Publikums des Publikums...

 

 

22.48 Uhr 

 

"...bodenlos dreht sich der Buchstabe, im Drehen wirst du dich nicht sehen, du kannst dich nicht: entdecken, falls du dich immerzu drehst; / aber du drehst doch, wie kannst du das Drehen leugnen, ich schaue dir zu, wie du um deine eigene Achse wirbelst, es besteht gar kein Zweifel, daß ich mich entdecke; / indem ich mich drehe, entdeckst du dich? Das Sichdrehen kann sich beim Sichdrehen nicht sehen; / was möchtest du? Ich soll mich beim Buchstaben erkundigen, wann ich mich sehen kann, wann nicht? Weswegen? Damit du zu deiner Pause kommst? Kommst du zu deiner Pause, komm ich zu meinem Stillstand und wo bin ich dann, wie soll ich mich dann entdecken? / Du wirst dich entdecken, versuche es! / Mit dir verhandle ich grundsätzlich nicht, drehe dich, drehe dich, drehe dich, denn ich will mich sehen, das Drehen zu sich nur kommen kann, wenns sichdreht, anderes Dasein gibt es für das Sichdrehen nicht, mit dir würde ich mir einen Feind erziehen, ausgibt er sich als mein Wesen kennender Freund, auf daß er mich unterwerfend verwende wie es ihm behagt, Buchstabe, du willst mich unterwerfen, es sind deine Nöte nicht meine Nöte, je geschwinder ich mich drehe desto rascher komme ich zu mir; / ach! / ..."
Marianne Fritz Naturgemäß I 1996

 

08. 11. 2004

 

09.58 Uhr 

 

Heute und die zwei folgenden Tage Aufnahmen im Studio RP4 des ORF in der Argentinierstraße für
Aber die Schuldfrage lassen wir heute beiseite; ja? ­ Eine Belangsendung im Rahmen des ORF-Kunstradios. Sendetermin: 12.12.2004

 

11. 11. 2004

 

11.30 Uhr 

 

Notizen zum Tribunal -Projekt:

1
Riesiger Ritual apparat nennt sich jetzt Online- Protokoll . Protokoll nicht nur als Nach-Schrift, sondern auch als Vor-Schrift . Standardisierte Protokolle erstellen, kontrollieren: je hierarchischer, je kontrollierter, desto ästhetischer. Kontrollfunktion macht alles zum Theater . Zu suchen wären eigentlich Refugien des Nichtrituals.

2
Sachkompetenz : nachlesen, was man wissen soll.

3
Publikum: Sie sind weder Teilnehmer , noch Zuschauer , sondern Zeugen (durch eine Mischung von Adressierungen). Der Zeuge als retroaktive Sache: Es hat nie wirklich einen Zeugen gegeben, weil er im Moment, wo er Zeuge hätte sein sollen (zb. als der Unfall geschah), keiner war, weil er da nicht wußte, das er Zeuge sein wird. Und: Es gibt nichts Unzuverlässigeres als den Zeugen.

4
Gerichtsprozeß : Tiefgehende Vorinformation der im Prozeß Arbeitenden, um zu Prozeßbeginn so zu tun, als wüßte man nichts: Der Vergleich mit dem Theater ist virulent.

 

18. 11. 2004

 

15.24 Uhr 

 

"Formeln einige; zur Verfügung. Nur welche hielt stand der Überprüfung, die mehr war als die Kunst Nurüberlebender zu sein. ... Die Kunst zu sein - ? Wenn die Frage: Wer ist, das stärkere Tier, und ihre Beantwortung Kunst war. Dann waren die Lösungsbemühungen von Raubtieren stets Kunst. Was die Gattung hinzulernte war ? Anziehen mit Worten die nackte Tat. Bekleiden, je nachdem, aber bekleiden. Sich hiebei stets Überblick verschaffen: Welche Formeln waren zeitgemäß, welche nicht ? Dies war
die Kunst: Formeln finden. Kunst ?!"
Marianne Fritz Naturgemäß I, 1996

 

 

23.39 Uhr 

 


Fritz anwenden (Versuch 11)

4. Öffentliche Arbeitssitzung zum Tribunal-Projekt mit den Fritzpunkten, Katherina Zakravsky und Karl Bruckschwaiger als abwesender, in Thailand sich aufhaltender Performer

Eine Über-Lagerung
oder:
Die Unterbringung

Im Setting einer (fiktiven) Fernregie (vgl. staatliche Autorität) wird mit allen Anwesenden an einem großen Arbeitstisch das Herausarbeiten von Fernanweisungen für den in Thailand an der Performance-Konferenz ASIATOPIA sich aufhaltenden Karl Bruckschwaiger besprochen, der dort mit einem Sandkastenmodell das Lagerprojekt SENIORENRESIDENZ EUROPA vertreten soll, als Repräsentant eines hierarchischen Performancesystems. Am Ende der Sitzung sollen die Anweisungen per Handy an Karl Bruckschwaiger übermittelt werden (Achtung Zeitverschiebung!) In die Diskussion über:

Das Abendland ein Themenpark
Europa als nur noch gewartete Schlafhalle ("Als das Schlafen noch geholfen hat")
Wieviel Zaun macht ein Lager?
Wer vollbringt im "Lager Europa" die Dienstleistungen? Ein halbes Jahr die eine Hälfte Menschen, dann die andere? Was, wenn sich die bis dahin Gepflegten weigern zu dienstleisten?
Werden die Sachertorten und Shrimps aus Flugzeugen abgeworfen, um den Zaun ums Lager ohne Eingänge belassen zu können?
und anderes mehr

werden Fritz-Texte aus einem frei verfügbaren Materialtopf eingeblendet (S.26 / S. 33 / S. 116 / S. 122 / S. 409 / S. 476 / S. 760). Am Ende der Diskussion kommen alle Beteiligten - naturgemäß -zu keinem Schluß, Karl Bruckschwaiger meldet sich nicht aus Thailand, um die Anweisungen zu beheben und Katherina Zakravsky liest den Marianne Fritz-Text vom nebem dem Tisch stehenden Stehpult aus: "Diese Gesichter waren alle gleich..." (S.114).

 

19. 11. 2004

 

15.43 Uhr 

 

Marianne Fritz-Sprache als Migrationssprache? Spracharchiv der Vertriebenen? Jedenfalls eine Bernstein-Sprache.

 

23. 11. 2004

 

10.47 Uhr 

 

Titel für die Donaufahrt im Oktober 2005:
Fritzpunkt schwimmt von Wien zum Schwarzen Meer (und fährt über Przemysl wieder nach Wien zurück)

 

24. 11. 2004

 

11.56 Uhr 

 

Auslieferungslager
Lagerabverkauf
Auslagerung / Einlagerung
Zwischenlager
Regallager / Lagerregal

 

29. 11. 2004

 

16.01 Uhr 

 


Zwei (Spiel)Systeme