01. 10. 2008
16.05 Uhr
Zum 1. Todestag von Marianne Fritz las der Fritzpunkt am Zentralfriedhof im Ehrenhain 40 am Grab von Marianne Fritz:
"Zerfließen dichte, ohne Grenzen nicht Vorstellbare, dann sucht wohl das Sehvermögen die Versöhnung mit dem Unversöhnbaren: Der Ausgleich? Das Sehvermögen handelte mit dem Salz, handelte mit dem Wasser dermaßen großzügig, daß es Nichtsehen einsah, ich muß mich zurückziehen, um der Verschwendungsneigung Salz wie Wasser nicht zu entziehen, denn wie sollte das Nichtsehen sein Nichtsehen vor der Vergänglichkeit, und das Nichtsehen fürchtete die Vergänglichkeit mehr noch als die Verzweiflung des Sehvermögens, das sich nicht ausgeben darf, Vermögen schreit nach Verschwendung, selbstverständlich schreit es, ich will nicht verschlingen, schreit das Sehvermögen, ich möchte folgsam sein dürfen, schreit das Sehvermögen, ich möchte gehorsam sein dürfen immerzu gehorsam sein dürfen, und wie sieht das Vermögen aus, das raffende Züge annimmt, verschlingende Züge? Ungehorsam, der Bestimmung des Vermögens zuwiderhandelnd, so sieht das Vermögen aus, das sich nicht mehr seiner Bestimmung hinzugeben vermag, und die ist Verschwendung. Verschwende das Sehvermögen, geh nicht sparsam mit ihm um, das Sehvermögen ihn nicht erträgt: den Geiz. Als ließe sich das Sehvermögen gerne begraben, darauf wenigstens durfte das Nichtsehen ein Pferd setzen, ohne die Wette zu verlieren: zurückziehen mußte sich hin und wieder das Nichtsehen, retten Unversöhnbares, retten. Nichts war gegen die Vergänglichkeit des Sehvermögens einzuwenden, nur das: Mit ihm verging das Nichtsehen. Sodaß das Unversöhnbare zum Ausgleich förmlich gezwungen ward, zu dieser gewaltsamen Verschmelzung mit dem Unmöglichen, mit dem Sehvermögen, wurde das Nichtsehen gedrängt? Was heißt da: Gedrängt! Förmlich vergewaltigt wurde das Nichtsehen, seine Daseinsnöte wurden weidlich ausgenutzt vom Sehvermögen, das sehr wohl wußte, in diesem Ausgleichsverfahren wird das Sehvermögen gesiegt haben, oder das Nichtsehen wird mit dem Sehvermögen untergegangen sein. Sie brauchten einander zur Scheidung? Sie brauchten einander zur Versöhnung mit den Daseinsbedingungen? Trugschluß! Vollkommen ausgeschlossen! Schon möglich. - Sodaß das vollkommen Ausgeschlossene gewaltsam zu seinem Ausgleich finden mußte, dieses Zerfließen, die Versöhnung zwischen Sehvermögen und Nichtsehen, war wie jede Verschmelzung der Flüsse zum Meer auf eine gewisse Kälte angewiesen, sollte das ewige Brodeln nicht das Meer zur Verdampfung, Ströme zur Verdampfung, was alles noch zur Verdampfung zwingen: die Notwehr des Sehvermögens, es ließ fließen, die Gegenwehr des Nichtsehens, nicht zu sehr, nicht zu sehr! Ermutigte den Aufstand der Haut, die quoll und sendete Hitzewellen, nicht eine nach der anderen, und alles nur wegen einem im Grunde haarsträubenden Unsinn: Das Nichtsehen verstieg sich dermaßen in seinem unversöhnbaren Haß gegen das Sehvermögen, daß dieses seine Reiter aufs Roß setzte, Perlenreiter waren das nicht, das waren die Gräten im Duma, in den Möven, den Booten, sie flußabwärts zum Meer Nichts kamen, um sie heimzusuchen, die heimsuchten wehrlose Leiber. Wehrlose Stätten der Seele. Als ließe das Sehvermögen in seinem Gesichte den Huf eindringen; das Sehvermögen zog gute Nachbarschaft vor, wohl ahnend, nie vergibt dir das Gesicht, wenn du Perlen aufs Roß setzt, schwere Bündnisbrüche sind das; du wirst mit mir zugrundegehen. Diese Gesichter waren alle gleich: Von Zufall da noch Hoffnung holen, ein Gesicht wird wohl anders sein, nämlich meines, es wird gegen den Huf fühllos, gewappnet sein. Wird mein Gesicht gegen den Huf; ihn heben: den Aufstand der Fratze? Hufe dringen in das Gesicht ein, das vergesse kein Gesicht, auch das eigene vergesse das niemals: Die Fratze hat der Huf auf dem Gesichte und nicht erhebendes Gesicht hat dem Huf die Fratze gezeigt, sodaß der Huf durch den Schreck zu ihm gekommen ist, zu dem er niemals kommen mag: zum Sehvermögen, das angeblich immer einem fehlt, der die Fratze erhebt, auf dem erblindeten Auge es noch sieht: das war er, der Huf. Und nun erhebe ich mich, dem Huf habe ich meine Fratze abgerungen, dieses Verstiegenheit, wie sie die Ohnmacht in ihr Gegenteil versteigt, bis sich die Ohnmacht erkennt nicht wieder, zerfließe der Vorgang, ihn heben: den Kopf; das Zeitloch dann zuweben, anfüllen, das Zeitloch anfüllen mit Sinn? Da ist kein Sinn im Zeitloch zuhause, im Zeitloch ist das Nichts nicht zuhause, nichts ist im Zeitloch zuhause, entnehme einer nicht leichtfertig dem Zeitloch die Hoffnung, nun kommt aber er: der Aufstand der Fratze ist das. Da fehlt was, das Zeitloch hats verschluckt? Nicht einmal verschlungen hat das Zeitloch; auf das Verschlingen weist der hin, der Verdacht, haarsträubender Unsinn türmt sich im Sinn auf, da stimm noch etwas, nichts ist hier mehr Stimme und nichts stimmt mehr. Nicht suchte einer die Ordnung im Chaos, im Chaos die vollkommene Ordnung ungeschützt sei? Das Gegenteil ist der Fall; nirgendwo war die Ordnung so vollkommene Ordnung wie im Chaos. Diese vollkommene Ordnung erträgt kein unvollkommenes Wesen, es begreift sie schlicht nicht, denn es ist angewiesen auf den Vergleich und die vollkommene Ordnung läßt sich nicht vergleichen. Sie ist der vollkommene Stillstand und die vollkommene Bewegung in einem; was alles die vollkommene Ordnung sein mag, weithin war diese Ratlosigkeit nicht zu sehen, auch diese Hilflosigkeit nicht, die versuchte, mühsam zu ordnen, was perfekt geordnet: jedem Ordnungsbemühen die Grenzen anzeigte. Das Chaos. Es ist deine Grenze! Merk sie dir endlich! Wie kann das ein unvollkommenes Wesen begreifen? Was es nicht begreifen kann, wird es rasch wieder vergessen; denn das Begreifen ist an den Begriff gebunden, an das Wort, an die Sprache, nicht an das Bild. Die Verbindung des Begreifens mit dem Bild ist so vergeblich wie die verzehrende Sehnsucht des Nichtsehens, es könne sein: ohne Sehvermögen. Das Nichtsehen verweist auf das Sehvermögen, wie kommt das Nichtsehen dazu dermaßen unauflöslich mit dem Sehvermögen verknüpft zu sein? Wie kommt das Dasein des Nichtsehens dazu, das Dasein des Sehvermögens zu sichern? Gleich wie immer das sei, es leichter war, dem Sehvermögen und dem Nichtsehen die Triebkräfte zu übertragen und sie zu beleben mit dem, was gewesen sein wird."
Marianne Fritz Naturgemäß I, 1996
03. 10. 2008
20.58 Uhr
Wiener Probenfoto
08. 10. 2008
15.06 Uhr
Selbstverständigungsversuch in den 3305 Seiten
von Dessen Sprache du nicht verstehst
09. 10. 2008
09.36 Uhr
Dessen Sprache du nicht verstehst
11 Tage und Nächte Dieseda und Diesedort
steirischer herbst 2008
15. Oktober, 12 Uhr - 26. Oktober, 12 Uhr
rund um die Uhr
Der Fritzpunkt begibt sich im Rahmen des steirischen herbst 2008 ab 15. Oktober in eine zeitliche wie räumliche Überdehnung. Wir wandern einerseits 11 Tage und Nächte lesend durch Graz, lassen uns andererseits genau so lange beim Leben und Arbeiten im Medienkunstlabor im Grazer Kunsthaus zusehen. Und sind selbst (in verwandelter Form) weltweit als Video- und Audio-Livestream unter www.steirischerherbst.at/2008/deutsch/kalender/
kalender.php?eid=65 zugänglich. Oder auf Ihrem Video-Handy, so sie ein solches bereits besitzen. Das nennt der Fritzpunkt dann eine Ausgrenzungsstrategie. Wir freuen uns in jedem Fall, wenn sie mit uns zu einer Reise durch den Riesenroman Dessen Sprache du nicht verstehst von Marianne Fritz aufbrechen.
Das Ganze kann auch so formuliert werden:
Das Wiener Theaterkollektiv Fritzpunkt macht den Roman Dessen Sprache du nicht verstehst der steirischen Autorin Marianne Fritz als ununterbrochenen Sprachfluß hörbar und überläßt es dem Publikum, den 3305 Seiten langen Text für sich zu portionieren. Elf Tage und Nächte lang bewohnen die sieben Akteurinnen und Akteure das jederzeit einsehbare Medienkunstlabor im Kunsthaus Graz. Nur jeweils eine/r der Performerinnen und Performer verläßt das Labor, um unterwegs im Stadtraum von Graz den 264 Stunden währenden Textstrom aufrechtzuerhalten. Die Stimmen der Lesenden werden, verflochten mit Umgebungsgeräuschen, Gesprächsfetzen, Musikresten, Stadtlärm etc. in den Publikumsraum im Medienkunstlabor übertragen. Dort vermischt sich das Gehörte mit dem zu Sehenden: In ihrem gemeinsamen Lebensraum liefern die Akteurinnen und Akteure ihre Alltagsverrichtungen der Erinnerung an den bereits gelesenen Text aus. Wer die Übersicht behalten will, hat sowieso verloren: "Dieseda" (das Publikum) sehen, was sie nicht hören ("Diesedort": die Akteure hinter Glas), und hören, was sie nicht sehen (den beweglichen Lesenden im Stadtraum).
Nur für jene, die das noch nicht wissen:
Fritzpunkt arbeitet seit über sechs Jahren mit dem literarischen Festungsprojekt der Autorin Marianne Fritz, einem der radikalsten, komplexesten und umfangreichsten Schreibvorhaben der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Seit dem Tod der steirischen Autorin im vergangenen Oktober hat das Theaterkollektiv im Rahmen der Versuchsanordnung Die Festung Teil 1 – 6 die ersten drei Romane von Marianne Fritz für das Theater nutzbar gemacht: Die Schwerkraft der Verhältnisse als öffentliche Meinungspflege mit der Vergabe des Schwerkraft-Preises 2008, Das Kind der Gewalt oder die Sterne der Romani als bäuerliche Klausur am Land und jetzt Dessen Sprache du nicht verstehst als Projekt des steirischen herbst 2008.
steirischer herbst 2008
15. Oktober, 12 Uhr mittags bis 26. Oktober, 12 Uhr mittags, rund um die Uhr
Medienkunstlabor im Kunsthaus Graz
Lendkai 1, 8020 Graz
Eintritt frei
Mit Franka Beck, Fred Büchel, Susanne Hahnl, Eva Linder, Juliane Meckert, Anne Mertin und Arne Vogelgesang
Koproduktion steirischer herbst, Fritzpunkt und Medienkunstlabor
Projektsponsoren A1 und Artdeluxe Wien
Streaming- und Verbindungstechnologie Medienkunstlabor
Produktion Sabine Reisner, Anna Lang
Nähere Informationen unter:
+43 (0)699 11685616
buero@fritzpunkt.at
Fritzpunkt
Büro für theatralische Sofortmaßnahmen
Ein Konzept des Stadt Theater Wien
Dessen Sprache du nicht verstehst
11 Tage und Nächte Dieseda und Diesedort
Die Festung - Teil 3
Das Projekt Die Festung - Teil 1-4 wird unterstützt von der MA7 Kultur der Stadt Wien
12. 10. 2008
22.31 Uhr
Strukturschema des Romans Dessen Sprache
du nicht verstehst von Marianne Fritz (aus dem
Roman Naturgemäß I ).
13. 10. 2008
12.39 Uhr
Grundriss des Medienkunstlabor Graz. Die rote Linie markiert die Trennung in Publikumsraum (links unten) und Lebensraum der Akteurinnen und Akteure (quadratischer Raum) durch eine eingebaute Bücherwand mit Ausgangstür für den jeweils Lesenden im Stadtraum.
13.10 Uhr
Aufbau der Büchertrennwand zwischen Publikums-
und Lebensraum mit Sichtfenstern und Ausgangstür
14.46 Uhr
Aufbau des später vom Falter "Messie-Terrarium" genannten Lebensraum der Akteure für Dessen Sprache du nicht verstehst - 11 Tage und Nächte Dieseda und Diesedort im steirischen herbst 2008.
14. 10. 2008
15.25 Uhr
Aufbaupause
16. 10. 2008
02.11 Uhr
Nächtlicher Blick durch den Zuschauerraum in den Lebensraum der Akteurinnen und Akteure.
18. 10. 2008
14.23 Uhr
Blick zurück
20. 10. 2008
15.00 Uhr
Tagesschlaf
18.30 Uhr
Eingang in den Zuschauerraum
18.42 Uhr
die ungelöste Besserstellungsfrage...
21. 10. 2008
19.50 Uhr
Schnittstelle zwischen nacktem Zuschauerraum
und vollgeräumtem Akteursraum
22. 10. 2008
03.25 Uhr
Rückkehr aus der Grazer Lesenacht
11.29 Uhr
Reparaturarbeiten
23.15 Uhr
Protokollnotizen von heute:
Einrichten und Auflösen von Zeitsystemen
Wenden und Schütteln von Kleidungsstücken
Vorpreschen für die Zuteilung von Lieblingslesegruppen
Knappes Kochen ohne Rauch
Zeitversetzte Mahlzeiten
Zerlegter Schlaf
Nachtschicht und Tagschicht: Fritz-Fabrik / Textlager
Text nachlauschen im Kopfhörer
den überlauten Stimmen der Straße in der Nacht ausweichen
die Lautstärke, wenn Menschen nachts im Zuschauerraum sind
die schwitzigen Kleider am Leib
Graz voller Plakatständer und Fahnen: Stadt der Erhebung
dagegen: die Susanne Winter-Aktion des steirischen herbst
die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den verschiedenen Arbeitsgruppen
(nie sind alle da oder wach)
das Bücherregal, das als Modell für das nächste Projekt mit nach Wien geht
und die Fahrräder, die die Fenster des Medienkunstlabor zustellen
"Ich bin eine Befindlichkeit! Ich mach mir mein eigenes Gesetzchen!"
"Es ist grad schön, die Stadtgeräusche."
Weiber, viele Weiber (Text)
der Plan macht noch keine Handlung
die einzige Handlung: Lesen, allein; insofern gibt es keine Gruppenfunktion
eine Theatermaßnahme als (erzwungene) Verweigerung von theatralischer Handlung?
Wo ist der Rest Theater?
Zeit, viel Zeit. Und doch wenig
Fetzen, Fetzen, lauter Einzelteile
Nasse Nächte
Schlaf gut, Maikäfer flieg!
(Wenn Ruhe im Raum entsteht).
23. 10. 2008
18.56 Uhr
Fullhouse
24. 10. 2008
06.17 Uhr
Hörschlafstelle (Herzlichen Gruß nach Graz)
25. 10. 2008
03.38 Uhr
Lesung der letzten Seite des Romans Dessen
Sprache du nicht verstehst mit Nummer 3005
direkt vor dem Medienkunstlabor.
17.59 Uhr
Zitat von www.steirischerherbst.at/fritzpunkt:
"Heute, Samstag, ist in den frühen Morgenstunden der Roman "Dessen Sprache du nicht verstehst" von Marianne Fritz zu Ende gelesen worden. Der Fritzpunkt hebt ab sofort seine Ausgrenzungsstrategie auf und öffnet seinen Lebensraum im Medienkunstlabor bis zum Festivalende für die Lesung eines strukturell entscheidenden Romanteils dem Grazer Publikum."
Die gesamte Inneneinrichtung des Akteursraums wird zusammenstellt resp. aufgehäuft. Im Bild der Kleiderhaufen als Leseliege. Da hätten auch der betrunkene Autor, der am 2. Tag des Projekts so unbedingt 3 Minuten Fritz-Text lesen wollte und einige andere, die genauso unabdingbar in den Lebensraum der Akteure hineinwollten, ihre Freude gehabt. Wer weiß?
29. 10. 2008
23.06 Uhr
Abstandslose Kurzreflexion zum herbst-Projekt:
Nötig: ein ganzer offener Raum mit sieben, ebenso wie der Boden mit Kleidern bedeckten Matratzen als Schlafgelegenheiten, statt der abgetrennten drei Betten hinter Garderobenständern. Neben den sieben Matratzen vielleicht eine kleine Sitzgelegenheit mit Lampe, aber keine individuell ausgestalteten Inseln. Des weiteren nötig: ein Koch, der Frühstück, warme Suppe und Hauptspeise bereit hält. Und trotzdem wäre wahrscheinlich im Lebensraum nicht mehr als die nackte Existenz möglich geworden, das liegt in der Natur der Marathon-Anlage des 11 Tage und Nächte-Projekts. Jede dargestellte Existenz in dieser Existenz-Vitrine ist in jedem Falle falsch. Die Anlage war also richtig, die Vorstellung ihrer ausdifferenzierten Benutzung ("Erinnerungsarbeit") und die forcierte Vereinzelung (da eh eintretend) unnötig.