01. 10. 2007
14.26 Uhr
Nachmittagshimmel über dem Textgelände, am Tag nach der letzten, überaus dichten Vorstellung von Der Unterschied wird nicht verschieden - Eine Haltlosigkeit , während des Wartens auf die Transportfahrzeuge für den Container und sonstigen Plunder. Da ist Marianne Fritz schon verschieden, will sagen: schon tot?
18.53 Uhr
"Schaut her, Leute, wie schutzlos der Mensch doch ist, eine einzige verwundbare Fläche, angewiesen auf Güte, angewiesen auf Sachkenntnis, angewiesen auf sein Kennen, das Wissen von ihm und angewiesen auf so viel, dies wäre eine Stärke, die ich mir gefallen ließ, eine Größe, die ich akzeptieren könnte, es gestehen wie sehr wir Lebewesen sind, die angewiesen sind auf eine höhere als eine tierische Vernunft; wir sind angewiesen auf Intelligenz, wir sind: angewiesen auf Menschlichkeit, nicht weil sie großartig ist; sondern Voraussetzung für dies, was ich heiße Garantie vorerst einmal schaffen, fürs Weiterbestehen: der Möglichkeit überhaupt erst einmal zu werden dem Traum Mensch ähnlicher; jaja; ich sagja nix. "
Marianne Fritz
14.12.1948 - 1.10.2007
04. 10. 2007
20.19 Uhr
Aus dem heutigen Arbeitsjournal von Alban Nikolai Herbst (zu finden unter http://albannikolaiherbst.twoday.net )
"Marianne Fritz. Marlene Streeruwitzens Nachruf.
Es ist schon gut, wenn nun wichtige Kollegen die Stimme erheben. Es hat aber auch Traurigkeit. Hätte so etwas nicht massiv zu der Fritz` L e b z e i t e n geschehen müssen? Es waren doch immer nur Einzelne, Vereinzelte, Versprengte, die dieser Frau die Standarte hielten. Nun aber werden wir noch Worte eines hymnischen Nachrühmens derselben Leute, wenigstens Publikationsorgane, lesen, die der Fritz` Werk zu Lebzeiten der Dichterin wenn nicht gar hämisch, so doch spöttisch, zumindest unwillig, in die Kategorie des Schrulligen abgetan haben. Marlene Steeruwitz gibt dafür eine Art Erklärung, die ahnen, aber dann letztlich doch nicht begreifen läßt. Und schon gar nicht verzeihen. Was hier geschah.
Alles beim alten. Neues unter der Sonne ist nicht. Weder in Wien noch anderwärts. Und unter den Wolken."
13. 10. 2007
12.17 Uhr
15. 10. 2007
15.53 Uhr
Zum Begräbnis der Marianne Fritz am Wiener Zentralfriedhof vorgetragener zentraler Text aus Naturgemäß I:
Warum weinst du?
Schreitet die Verwesung zügig voran oder tut es die Fliege? Jedenfalls waren beide noch bevölkernd ineinander verschränkte Vorgänge, ihnen fehlte keine Leber, die Stätte für die Seele war unbewohnt, es war immer dasselbe, die Seele floh, sobald ihre Stätte besucht wurde, ging sie auf die Reise, weder die Seele noch die Sprache war diesen Vorgängen, diesen ineinander verschränkten Vorgängen, gewachsen. Hier wuchs nur einer. Der schwieg. Der schwieg? Das Schweigen wuchs nicht; die Stille hat nicht das Wachsen. Es war die Übertragungsleistung der Ohren, die auf der Suche waren nach dem dritten Ohr. Wo Ohren sind, mag sie noch eine Behausung finden. Die Stille, die mit dem Schweigen sich versöhnt hat. Im wahrsten Sinn des Wortes: es war der Klang die Schöpfung der Verschmelzung der Stille mit dem Schweigen. Wer in wen eindringt, Fragen der Seele, lähmten weder die Stille noch das Schweigen, unaufhörlich versöhnten sie sich, aus den Klängen quillt die Erinnerung an diese Versöhnung. Die Söhne dieser Versöhnung zitterten nicht, purzeln eher, unbeschwert, denn was die Seele zur Last macht, das ist die Leber, ihre Stätte. Die Klanggeburt ist kein qualvolles Quellen, der Klang braucht die Leber nicht, die Stätte der Seele, kein Klang kennt sie. Aber das dritte Ohr ist gierig, es möchte das Schluchzen hören, so unbeschwert ist es zuhause im Klang. Der schwieg? Das Schweigen? Die schwieg? Die Stille? Sie versöhnten sich gerade und diese Geradeversöhnung geschah ohne Geschehen, kam aus ohne Zeittafel, kein Gestern kein Übermorgen. Nichts stand stand dieser Verschmelzung im Wege außer einer der sie durchmaß und nicht ausweichen konnte, denn sein Körper war nicht grenzenlos und die Grenze des Körpers war hart, dicht und das Nachgeben war ihm nicht gegeben, er ertrug sehr viel, aber gewiß nicht das Zerfließen, verdampfen wie Wasser und trotzdem unbeschwert bleiben, es war dem verdampften Wasser gegeben, es war dem Schweigen wie der Stille und dem Klang gegeben, gleich was immer geschah, sich nicht berührt keineswegs gestört zu geben, was der Gestörte gibt: Zeugnis. Es ist nicht zu fassen. Der Gestörte war aber stets der Beweis: Selbstverständlich ist es zu fassen. Sieh doch, wie du gefaßt worden bist. Zur Störung gehört der Gestörte, zur Klanggeburt gehört die Verschmelzung der Stille mit dem Schweigen und damit auch er, der mit seinem Hörvermögen die Geburt des Klangs aus der Verschmelzung des Sächlichen mit dem Weiblichen regelrecht verfolgte, indem er in das Schweigen eindrang, indem er in die Stille eindrang, sie durchmessend mit dem Festen, Dichten, das durch seine beiden Verlängerungen zugab, der Boden wird von mir geschätzt, immerzu zieht er mich an, ohne Berührung mit dem Boden fehlten mir die Flügel, fehlten mir die Flossen, auf daß mich wenigstens das Wasser berühre und die mit Ohren, mit Augen, mit Nase, mit Mund zu ihren Öffnungen gefunden habende dichte Begrenzung nach obenhin wußte nur zu gut, daß die Verschmelzung der Stille mit dem Schweigen den Klang zur Geburt drängte, nur für das Hörvermögen, das sein Vermögen verschwenden möchte, nicht begraben.
16. 10. 2007
20.01 Uhr
Die Marianne Fritz-Gesellschaft will gegründet sein.
Dabei gilt es genau zu bedenken, was so ein Institut leisten soll und kann. Und wie der Fritzpunkt sich darin/dazu positioniert.
18. 10. 2007
16.07 Uhr
Zur Klarstellung nach vielen Anfragen und Mutmaßungen:
Der Fritzpunkt arbeitet naturgemäß auch nach dem Tod von Marianne Fritz an der, in der und um die Festung weiter.
26. 10. 2007
16.20 Uhr
Die Festung (Arbeitstitel): Erster Gesamtplan eines
25 Tage dauernden Projekts, daß die gesamte Festung von Marianne Fritz in einem einzigen Strom zur Vorstellung, Aneignung, Lesung, Aufführung und Ausstellung bringt. Der Zeitrahmen für diesen performativen Hybrid sollte ein von außen gesetzter sein, als Vorgabe dient zB. die Dauer eines Festivals.
28. 10. 2007
15.44 Uhr
Entgegen der (fast lückenlosen) Fritzpunkt-Praxis, keine wie immer gearteten Pressestimmen zu Projekt oder Autorin zu veröffentlichen, sei hier anstelle der sich nun häufenden Nachrufe auf die Autorin eine von zwei Seiten aus einem Artikel von Dietmar Dath (veröffentlicht in spex 5 /1998) gezeigt. Auch in Vorfreude auf den Artikel von Alban Nikolai Herbst in Volltext 6/2007.