02. 10. 2005
21.05 Uhr
Fritzpunkt schwimmt nicht von Wien zum Schwarzen Meer
Die MS Oltenita , mit der der Fritzpunkt vom 26. Oktober bis 7. November 2005 zum Schwarzen Meer hätte fahren sollen, verbrennt heute bei Gabcikovo / Slowakei. Der "Wirklichkeitsverschnitt aus der Zeitungswelt" lautet wie folgt:
" Brand auf Touristenschiff auf der Donau
Bei einem Schiffsunglück auf der Donau bei Bratislava ist in der Nacht zum Montag ein mit 77 Urlaubern besetztes rumänisches Ausflugsschiff ausgebrannt und gesunken. Dabei wurde eine zur Besatzung gehörende Frau getötet. Das Ausflugsschiff sollte am Sonntag auf dem Weg nach Wien eine Zwischenstation in Bratislava einlegen. Kurz vor dem Anlegen brach aus unbekannter Ursache an Bord ein Brand aus. Dem Kapitän gelang es noch, das brennende Schiff bei Gabcikovo ans Ufer zu steuern, so dass sich die meisten Passagiere über einen Laufsteg retten konnten. Andere brachten sich durch Sprünge ins Wasser in Sicherheit.
43 überwiegend rumänische Besatzungsmitglieder und die Passagiere aus Belgien und Norwegen konnten ohne größere Verletzungen gerettet werden. Ein Teil des Schiffes ragte am Montag früh aus dem Wasser und stand immer noch in Flammen. Bei der Toten handelt es sich nach Angaben der Nachrichtenagenturen TASR und Sita um eine 57-jährige rumänische Sängerin, die mit einer Musikgruppe auf dem Schiff aufgetreten war."
N24.de, Netzeitung
03. 10. 2005
23.56 Uhr
WER ? ZUM BEISPIEL: o-dorn-A
Elisabeth Steger
Als narzisstischer Schwamm im Zustand der Sättigung möchte ich hier einige meiner Eindrücke, die ich während "In deinem Lager ist Österreich" in der Stadt des Kindes gewinnen konnte zum Ausdruck bringen. Meine Vorsätze für dieses Jahr 2005 christlicher Zeitrechnung sind es, im Grenzgang die Balance zu halten und weiterhin souverän unter prekären Umständen zu agieren. Sie wissen schon: dieses gezwungene Jubilieren wirkt unglaublich mitreißend.
Über Jahrzehnte hinweg hat Marianne Fritz, eine österreichische Autorin, bisher an ihrem Festungsprojekt geschrieben. Sie tut es noch und produziert damit einen musikalischen, radikalen und komplexen Prosa-Kosmos, der aus Tausenden geschriebenen und zum Teil gezeichneten Seiten besteht und simpel gesagt außerordentlich ist. Sie selbst beschreibt die Festung auch als "versteinerte Seelenlandschaft" (Assoziationen zum gegenwärtigen Europa und zum Ausnahmezustand sind willkommen, liebe Leser und Leserinnen). Das Hauptthema ihres Werkes ist der erste Weltkrieg. "Im Grunde wird das Kollektivgeschehen namens Krieg vollkommen in die Sprache hinein verrückt, auf eine Weise, dass der Lesende seine Unschuld wieder bekommen kann, er "erfährt" den literarisch aufgehobenen Krieg als das ganz andere." (M.F.) Wenn wir berücksichtigen, dass dieser Krieg viele Zeitgenossen vollkommen sprachlos machte - er schien nicht beschreibbar mit Worten - denke ich, dass eine solche Transformation ein sehr nobles Ziel darstellt. "Marianne Fritz bekämpft in der Festung die Institution Katholische Kirche als eine politische Macht. Ihr Werk enthält eine Nicht-Geschichte Österreichs, der vergangenen Monarchie" erfahre ich von den Experten im Lager - Experten, denen ich Vertrauen schenke.
Nebenbei bemerkt sei, dass mich diese Fakten als aktiven Rezipienten performativer Kunststücke dazu bewogen haben, die bisher letzte Installation des Stadt Theater Wien zum Thema der hier lesbaren Zwischenauskunft zu machen. Die vom bespielten Gebäude geweckten Erinnerungen an das von mir bis 1983 besuchte Gymnasium, welches ebenso ein Bau aus den 70er Jahren ist, haben vermutlich außerdem bewirkt, dass meine Aufmerksamkeit von der Stadt des Kindes eine Spur nachhaltiger gefesselt wurde als es ein anderes Gebäude getan hätte.
Marianne Fritz produziert ein beträchtliches Werk, ein dermaßen umfassendes , dass man über mehr als ein einziges Leben verfügen müsste, käme man auf die Idee alle ihre un/veröffentlichten Bücher lesen zu wollen. Darüber hinaus sind ihre Bücher entweder sündhaft teuer oder vergriffen, also nicht gerade für jedermann oder jede Frau leicht zu haben, so dass das Lesen von Fritz-Texten in den 80er Jahren als Tätigkeit von auserwählten Snobs oder Experten angesehen wurde - meinte ein Experte. Vielleicht ist das heute auch noch der Fall. Aber was kümmert mich das!
Öffentlichen Raum für dieses auf jeden Fall lesenswerte literarische Werk zu schaffen war ein Beweggrund des Stadt Theater Wien das Projekt einer öffentlichen Aneignung - vor allem mit den Romanen Naturgemäß I und II - in Angriff zu nehmen. Und so öffnete am 9. April 2002 der Fritzpunkt seine Pforten.
"Fritzpunkt vor Ort 3: In deinem Lager ist Österreich - Eine bewohnbare szenische Installation mit Hausordnung", ein Teil-Projekt dieses "work-in-progress", welches soeben stattgefunden hat, bildete eine Konfrontation - die Konfrontation zwischen einem architektonischen und sozialen Modell für Kindererziehung, der sogenannten Stadt des Kindes, die von 1970-1974 aus Anlass der 50-jährigen Feiern der Republik Österreichs im Auftrag der Gemeinde Wien vom Architekten Anton Schweighofer erbaut wurde - und der geschriebenen Festung von Marianne Fritz. (Beinahe) der ganze Gebäude-Komplex einschließlich einer Turnhalle, eines Hallenbades und eines Theaters steht seit einigen Jahren ungenutzt - eine traurige Angelegenheit nicht nur aus der Sicht der hier Schreibenden. Die das Projekt Ausführenden, die Besucher und Nachbarinnen, mit denen ich sprach, teil(t)en diese Auffassung. Das ganze Geschehen hinterließ bei mir jedoch ein sehr angenehmes Gefühl und ich gestehe: Noch immer verweile ich ein wenig in "In deinem Lager ist Österreich", dieser Installation, die ich bewohnt habe. Aber lassen Sie uns bei "Der Ausgangspunkt" beginnen.
"ja, ein einziger Punkt, Opfer einer überaus seltenen Krankheit wurde, er fiel auf sich selbst zurück und erschrak ob dieses Zurückfallens dermaßen, dass er Eigenheiten entwickelte, die ihn deutlich von den anderen Punkten auf der Kreislinie abhoben, irreparabel abhoben, er war nicht der Kreislinie zuführbar, Punkte, die zurückfallen auf sich, verletzen sich ja leicht, bekommen Beulen und sind wie der Daumen in der Daumenschraube." (M.F.)
Nach der Überschreitung der Grenze zu "In deinem Lager ist Österreich" befinden wir uns in einer neuen Zeitrechnung. Die FEZ (Fritz Einheits Zeit) gilt während der gesamten Projektdauer (22.9.2005 19 Uhr bis 29.9.2005 22 Uhr MEZ) und Sie wissen schon: ein FEZ Tag besteht aus nur 21 normalen Stunden, 21 Stunden und den daraus folgenden Konsequenzen.
Am Anfang der Performance "Das Nichtmerkmal im Gelände" wird ein Programm ausgehändigt, um das nichts ahnende Publikum zu informieren: es besteht aus einem architektonischen Grundriss der Stadt des Kindes in einer transparenten Hülle. Auf dem Stadtplan sind die einzelnen Stationen der wandernden Vorstellung eingetragen um dem geschätzten Publikum durch das Lesen desselben eine Orientierungsmöglichkeit zu bieten. Die mit Begriffen aus ausgewählten Textpassagen betitelten Stationen lauten:
Der Ausgangspunkt, Sprachzeichengasse, Zu den Fällen, 32 Stockwerke, Sprünge/Risse, Rundum, Das dumme Kind, Zu den Stricken.
Rückseitig findet sich auf dem Blatt ein Freiraum für persönliche Notizen.
Falls Sie keine Gedanken zu Papier bringen möchten, lassen Sie einfach das Blatt in der Klarsichthülle, auf welcher einige Fritz-Sätze abgedruckt wurden: "...Klarsicht wie nirgendwo herrschte im alles entscheidenden Stockwerk ..." und der "Raum für meine Notizen" füllt sich wie von selbst.
Wendet man das Blatt noch einmal, verwandelt sich das Ganze in einen Wochenplaner in FEZ (und MEZ - zum leichten Vergleichen) und die Tagesordnung von "In deinem Lager ist Österreich" überlagert sich mit dem Grundriss des Gebäudes. Ein FEZ Tag beginnt - naturgemäß - mit der Vorstellung (Das Nichtmerkmal im Gelände). Danach wird zu Abend gegessen. Nach vollzogenem Schlaf, jedoch vor dem Frühstück besteht die Möglichkeit zu einer Frühgymnastik. Der Zeitraum bis zum Mittagessen kann genutzt werden um Fritz in einer eigens eingerichteten Bücherei zu hören oder zu lesen. Nach alledem verbleibt immer noch Zeit genug um zu flanieren.
Zusätzlich wird eine Lautsprecheranlage in Betrieb genommen, so dass jede/r auf dem Gelände über den rechten Zeitpunkt im Bilde ist und weiß, was angesagt ist.
"Zeit aufhebende Ausdauer führt in die Zeit zurück, sodass der Vorgang des Herausfallens aus der Zeit zur Sprache werden kann, in der dieser Vorgang gleichsam betäubt und nichtwirklich bedrohlich ruht." (M.F.)
Ich habe dreimal an der Vorstellung "Das Nichtmerkmal im Gelände" teilgenommen. Wie Sie ja wissen: Aller guten Dinge sind drei. Überhaupt ist dies meine dritte Lager-Erfahrung und bei allen dreien handelt es sich um Grenz-Lager: in den 70-er Jahren ein Zelt-Lager gemeinsam mit Mädchen der katholischen jungen Gemeinde nahe der deutsch-tschechischen Grenze, im Jahr 2003 ein no-border Lager mit der volXtheaterkarawane am Stadtrand von Timisvoara/ Rumänien nahe der Grenze zu Ungarn und - nicht zu vergessen - dieses Fritz-Lager am Stadtrand von Wien, eine neckische Herausforderung "Lager" zu spielen und gleichzeitig der ernsthafte Versuch die Umstände eines solchen zu erproben. Es ist doch bemerkenswert um 7 Uhr am morgen eine Vorführung zu besuchen: plötzlich werden Sie sich - aufgrund ihres Fehlens - all dieser sozialen Zwänge bewusst, die abendliche Theaterveranstaltungen so mit sich bringen. Es ist nicht abends und auch die Zwänge sind fern. Der Tag hat soeben erst begonnen - in FEZ und in MEZ. Während Sie durch das Gebäude eines früheren Sozialformats spazieren werden Sie gleichzeitig eingeladen einem virtuellen Weg durch die Festung von Marianne Fritz zu folgen, die "den Kanon der geschriebenen Sprache um - in summa - soziale Elemente erweitert" hat (so die Stimme eines Experten). Eine gelungene Verknüpfung - wie ich denke. Ganz zu schweigen vom tief-leichten Humor, der seine Hand im Spiel hat - in beiden Spielen, im Werk Marianne Fritz` s und im Spiel der (sich) Aufführenden.
Falls Sie sich im Klaren darüber sind, dass die Grenze zwischen Akteur und Publikum eine gebrochene (gefallene ?) ist, öffnet sich ein großer Spielraum für Reflektionen. Sie wissen ja: wir leben in post-dramatischen Zeiten und das ganze Gelände wird während der Projektdauer zur Bühne erklärt (was noch bekräftigt wird durch die permanente Anwesenheit einer Kamerafrau - eine wie ich im eignen Auftrag Arbeitende). Es hängt ganz allein von ihren Wahrnehmungsfähigkeiten ab. Und das Wetter spielt - naturgemäß - auch eine Rolle.
Genauso wie die häufige Desorientierung des Lesers strukturell im Werk von Marianne Fritz angelegt ist
( wiederum die Stimme eines Experten, dem ich aus eigener Lektüreerfahrung zustimmen möchte ), waren auch die zeit- und räumlichen Konfusionen, die an den Teilnehmerinnen von "In deinem Lager ist Österreich" beobachtet werden konnten, ein vorsätzliches durch die Installation hergestelltes Faktum. Performative Äußerungen wurden manifest. Nicht um eine Beschreibung, sondern um die Schaffung von sozialen Tatsachen hat es sich gehandelt.
P.S: wäre die örtliche Behörde an einer anhaltenden Wirkung aller Mühen interessiert, hätte sie dieses architektonische Bauwerk niemals aus der öffentlichen Hand gegeben. Die Möglichkeit dort Arbeitsplätze zu schaffen hätte ja - um ein Beispiel zu geben - bestanden. Die Gemeinde agiert vertrauensunwürdig.
P.P.S: o-dorn-A ist eine Figur aus der Festung. Ein anagrammatisierter Adorno.
P.P.P.S Im Englischen unterscheidet sich das "Stockwerk" von einer "Geschichte" nur durch einen einzigen Buchstaben, durch ein e !
(Der vorangehende Text wurde ursprünglich in der englischen Sprache verfasst - für http://transform.eipcp.net - und für www.fritzpunkt.at von der Autorin dann in ihre Muttersprache rückübersetzt. Die Wege im neobarocken Netzzeitalter sind oftmals seltsame, verschlungene und möglicherweise auch transversale, verquere. Das zu Grunde liegende Wohlwollen der vorangegangenen Korrespondenz ist kaum zu überlesen. Und da wohlwollende G´schichten grundsätzlich verdächtig erscheinen, merke ich hiermit ausdrücklich an: man kann mich ruhig verdächtigen. Ein Fehler ist es womöglich, den bisherigen Werdegang des Fritzpunktes im Text weitgehend unberücksichtigt gelassen zu haben. Dann fehlt das halt; was ja nur einen Mangel aufzeigt, der dann aber da ist. Alles andere innerhalb "In deinem Lager ist Österreich", das auch war, um es wahrzunehmen, hätte auch beschrieben werden können. Es fiel durch den Ressourcen Rost.)
11. 10. 2005
20.23 Uhr
Am Prinzip "Lager als starkes Theater-Zeichen" weiterarbeiten.