03. 10. 2004

 

18.34 Uhr 

 

".. wenn du mein Hirn gefunden hast, erzähle ihm Vertrautes, schmeichle ihm, gib ihm die Gewißheit wieder, es hat alles im Griff, es dauert nur ein bißchen, dann ist es wieder, als wäre ihm nie etwas geschehen, als wäre es wie immer, dazwischen war bloß das Nichts und im Nichts geschah ihm nichts, der Rest war der Alptraum, den es geträumt hat, nicht einmal selbst, es hat ihm bloß zugeschaut, wie der Alptraum sich aufgelöst hat im Nichts, wie gesagt, sage ihm, es hat alles im Griff, bald wieder, sieht es, was es kennt."
Marianne Fritz Naturgemäß II, 1998

 

07. 10. 2004

 

22.31 Uhr 

 

Fritz anwenden (Versuch 8)

1. Öffentliche Arbeitssitzung zum Tribunal-Projekt mit Karl Bruckschwaiger, Rosemarie Pilz, Katherina Zakravsky und den Fritzpunkten

Raum:
Im Raumzentrum etwa fünfzehn Sessel für das Publikum, eingerahmt auf der einen Seite von zwei Tischen, an denen Katherina Zakravsky und Karl Bruckschwaiger (mit je einer Lehrstückarmbinde) Platz genommen haben, an der anderen Seite eine große, fahrbare Wandtafel und die legendäre Bibliotheksleiter, der Jobezer (siehe Abbildung oben). In einem inneren Kreis um die Publikumssessel drei Stühle für die in weiße Arbeitsjacken gekleideten Fritzpunkte. Einkreisung des Publikums.

Text/Sprachmaterial:
Im Fokus des Versuchs stand die Mischung folgender Sprecharten und die Untersuchung ihres Zusammenwirkens:
Literarische Rede (Marianne Fritz-Texte aus den Seiten 3/4/15/46/49/67/70/130/152/162/205/
210/212/280 standen den drei Fritzpunkten zur Auswahl)
Essayistisches Reden über das Flüchtlingsthema (Bruckschwaiger/Zakravsky)
Freies Sprechen mit dem Publikum (tutti)
Spontane Äusserung des Publikums
Drei von den Fritzpunkten verfasste Texte über die Vision des Tribunal-Projektes
, vom erhöhten Jobezer aus zu sprechen, und einem ebenfalls vorverfassten Einleitungsstatement von Rosemarie Pilz.

Der Beginn des Versuchsverlaufs ist festgelegt:
Nach dem Einleitungsstatement folgt eine erste Sequenz zum Thema Flüchtling , darauf eine erste Projektvision vom Jobezer, dann das erste freie Gespräch mit dem Publikum , in das Fritz-Texte eingebettet werden, abgelöst von einem zweiten Themenblock zum Flüchtling ; danach freier Verlauf.

Der Versuch ist geprägt durch die Einkesselung des Publikums, das sich vereinzelt massiv Luft verschafft ("Hirnwixerei!") und großteils nicht gewillt scheint, sich auf die Sprünge zwischen den Sprechweisen einzulaßen ("Fritz lesen!"), bis hin zur moralischen Zensur "das Flüchtligsthema darf nicht so bearbeitet werden". Die Auf-Wallungen dieses Versuchs nehmen wir als Hinweis auf die Brisanz des Grundvorhabens dieser Versuchsreihe, einen die Sparten-Grenzen nicht annehmenden Sprech-Hybrid praktiztierbar zu machen.

 

 

22.48 Uhr 

 

Eine der Jobezer-Projektvisionen:

Über das Projekt im Februar möchte ich das Verdikt der Hypothese aussprechen, ein an sich ja paradoxer Vorgang. Ein paradoxer Gedankenraum soll eröffnet werden, der bezieht sich thematisch also auf Flüchtiges, Prekäres, dh. einerseits lastet auf dem Prekären ja ein enormer Druck, der als belastend empfunden wird, andererseits könnte ich den Raum des Prekären ja auch als einzig möglichen Freiraum begreifen. Der Freiraum, den das Theater ja an sich darstellt, so wie ich es mir vorstelle. Wenn sich also jetzt dieser prekäre Raum Theater auch noch eines prekären Themas annimmt, wird die Sache doppelt flüchtig, sozusagen sehr sehr prekär, wörtlich gesprochen, was die Marianne Fritz ja gerne tut, wird es "ungemein schwierig, richtige Massnahmen zu treffen". Was ja gut ist, sehr gut. Die These, die natürlich an sich auch wieder prekär ist, was ja aber gut ist, könnte lauten: Das Theater soll ja einen Raum zur Verfügung stellen, in dem Massnahmen verhandelt, diskutiert werden können, ein abschliessendes Urteil über die richtigen oder falschen Massnahmen darf ich am Theater aber niemals treffen. Stellung zu einem flüchtigen Thema zu beziehen, hieße, dem Thema im formalen Umgang nicht zu entsprechen. Eine radikale Themenvergewaltigung wäre die Folge. Keine abschliessende Stellung zu einem flüchtigen Thema zu beziehen, öffnet mehr Räume, als die (noch prekärere) Variante, ein abschliessendes Verdikt zu fällen. Wobei zu bedenken ist, dass das Flüchtige zu behaupten ja genauso prekär ist, wie ein Verdikt der Hypothese auszusprechen. Einzig das Theater kann und soll das. Anstreben möchte ich also für den Februar ein Tribunal ohne Urteil, das sich selbst zum Fall wird.
Was soll man da machen?

 

08. 10. 2004

 

16.14 Uhr 

 

Wir delegieren den existenziellen Angstschrei an das Publikum.

 

14. 10. 2004

 

23.56 Uhr 

 


Der Den-kenn-ich-doch-Moment

Der Fritzpunkt ordiniert auf der Ersatzbank zur Finissage der Ausstellung TRANSFORMATIONEN
der österreichischen Künstlerin Irina Cerha im JesuitenFoyer, Bäckerstraße 18, 1010 Wien. Das gestaltet sich folgendermaßen:

3 Fritzpunkte tragen eine weiße (Ersatz)Bank in die Galerie, beginnen sich in weiße Ärztemäntel zu kleiden, brechen ab, scheinen die Bank wieder aus der Galerie hinauszutragen, besinnen sich doch eines Besseren, tragen die Bank vor eine Wand mit Bleistiftzeichnungen von Irina Cerha zurück, bekleiden sich wieder mit den Ärztemänteln und ordinieren in der Folge von dieser Bank aus, nur unterbrochen von eingehender Körperpflege (Fusswaschung, Nagel- und Haarpflege): "als wäre der Mensch nur das Geheimnis der Zelle, das Geheimnis des Gewebes, das Geheimnis der Organsysteme, das Geheimnis des Skelettsystems, das Geheimnis des Skelettmuskelsystems, das Geheimnis des Gefäßsystems....". Nach einem vor der Bank sitzend vollzogenen sprachmusikalischen Finale entledigen sich die 3 Fritzpunkte wieder ihrer Ärztemäntel und verschwinden mit der Bank endgültig aus der Galerie.

Eine markante Textstelle des Den-kenn-ich-doch-Moments :

"... der reine Verstandesverlust ist schwer zu ertragen, falls er in einem vor sich gegangen, den jede Faser, jede Fiber, alles in einem zu dazu bewegen möchte, den reinen Verstandesverlust wieder aufzuheben, aufzuheben im aufgebenden Sinne, nicht im bewahrenden Sinne, radikal aufzuheben, nicht im mäßigenden Sinne, nicht im kanalisierenden Sinne, wieder der zu sein, der einem das Herz zerreißt, falls der Verstandesverlust ihn aufhebt, falls der Verstandesverlust nicht auf der Stell die Spur aufscheinen läßt, die auf das Flüchtige des Verstandesverlustes verweist, dafür hast diese Geduld dann, die Ausdauer, den Verstand auf Tauchstation, die Intuition auf Schwebeebene..."
Marianne Fritz Naturgemäß I, 1996

Das gesamte Textmaterial (keine freie Rede, ausschließlich Marianne Fritz-Texte) stammt aus Naturgemäß I und II : Im und um den Grundtext Als wäre der Mensch (NG I, S. 350-355) gruppieren sich folgende Textstellen: S. 4260/86-90/98/4260-4261/23782381/2472/441-443).

Herzlichen Dank für die Einladung!

 

15. 10. 2004

 

17.21 Uhr 

 

Blick in die Galerie

 

 

17.23 Uhr 

 

Blick aus der Galerie

 

21. 10. 2004

 

22.59 Uhr 

 

Fritz anwenden (Versuch 9)

2. Öffentliche Arbeitssitzung zum Tribunal-Projekt mit Karl Bruckschwaiger, Katherina Zakravsky, den Fritzpunkten und Rosemarie Pilz als (Gerichts)Schreiberin

Publikum fixiert mit Sitzblöcken auf zu einem großen L zusammengestellten Tischen auf einer Seite des Raums.

Ablauf:

1 Vision 1
(vom Jobezer)
Schwerkraft der Verhältnisse aufheben im aufgebenden Sinn.

2 Gesetzestext
(wird stumm an fahrbare Wandtafel geschrieben)
§18, Abs.2: "Fremde, die nach Ankunft an einem Flugplatz einen Aufenthaltsantrag stellen, sind einer Erstannahmestelle zuzuführen. Fremde, die einer Erstannahmestelle am Flugplatz zuzuführen sind, dürfen dazu verhalten werden, sich zur Sicherung einer Zurückweisung während der der Grenzkontrolle folgenden Woche an einem bestimmten Ort im Grenzkontrollbereich oder im Bereich der Erstaufnahme aufzuhalten; sie dürfen jedoch jederzeit ausreisen. Die Einreiseentscheidung trifft das Bundesasylamt auf Grund der vorliegenden Informationen aus der Erstbefragung durch ein Organ des öffentlichen Sicherheits..."

3 Monolog
(freie Rede zum Gesetzestext)
Der Flughafen als rechtsunsichere Raumblase / Festgehalten werden, wo niemand bleiben darf / Nichts ist unbestimmter als ein bestimmter Ort.

4 Marianne Fritz-Block
(zu "Erinnerung", durchkomponiert, verschiedene Körper- und Raumverhalten)

"Erst wenn die Sonnenaufgangseite des Schicksalbestimmende zum Sonnenuntergang geworden ist..." (S.320/321)

Reflexionseinschub zu Fritz anwenden ­ Versuch 7 vom 17.6.2004

"In der Nähe der Kommunikationen bleiben..." (S.256-259)

"Eismaße, mit Erinnerung mich speisend" (S.272/273)

"Waren die Schmerzen zu groß, kam unweigerlich die Erinnerung auf den Tod der Erdfarbenen zugeschritten..." (S.173-175 und 67)


5 Kommentar zu 2 und 3
(freies Sprechen) über einschließende und ausschließende Mengen / Mengenlehre

"Vision 2 bitte!":

6 Vision 2
(vom Jobezer)
Da ist es wieder: das Tetralemma. Weder das Eine noch das Andere und selbst das nicht?

7 und 8 Dialog und Vision zu fünft
(freies Gespräch)
Über die Gründe nach Europa zu kommen und den Grund, den das Asylverfahren haben müßte / Die ganzen aufgestellten Regeln der Schleusenmaschinerie / Was geschieht, wenn man
keinen Grund sagen kann / Sie wollen hören, daß du woanders hin willst / Das Ganze eine Bewegungslehre.

9 "gemustert werden"
(Lesung zu fünft)
Themenwahl. Abwandlungsmuster der Zeitwörter in der leidenden Bedeutung (S.1057/1058)

Ende

 

28. 10. 2004

 

19.20 Uhr 

 

Die Verdichtung der Verwertungsgeschichte des Flüchtlingsthemas mitreflektieren.