02. 09. 2008
15.14 Uhr
Und wieder: Zeitplanversuche (diesmal für das herbst-Projekt in Graz)
03. 09. 2008
11.14 Uhr
Aus den Arbeitsnotizen zum steirischen herbst-Projekt
Dessen Sprache du nicht verstehst
11 Tage und Nächte Dieseda und Diesedort :
- Das Leseprojekt als Theater reklamieren: Theater reißt den Text in eine riesige Gegenwart. Das gesamte Set macht aus der 264 Stunden dauernden Lesung Theater.
- was euch beunruhigt, seid ihr selbst.
- der Roman wird in die Stadt geflochten; die Vielstimmigkeit des Romans und der Stadt. Die Vermischung mit Geräuschen, Musikfetzen, Dialektsprache.
- das Ganze wird gelesen, damit klar wird, daß der Roman nur als Fragment packbar wird, daß überall eingestiegen werden kann.
- die Sinnenteilung erklären (die Zuschauer sehen, was sie nicht hören / hören was sie nicht sehen).
- Zeitbenen schieben sich ineinander (sowohl im Roman selbst als auch in der Rezeption).
- Aufforderung zum Zusammensetzen der von den Worten ausgelösten Bilder.
- vor allem in der Nacht wird der Lebensraum der Akteure zum stummen Performanceort.
- die verschiedenen Zeitzonen (schlafbedingt) der Akteurinnen und Akteure.
- Notizen über den Verhältnisse / Situationen / Personenkonstellationen / Strukturebenen im/des Roman(s) an die großen Fenster des Lebensraumes schreiben. Sich im Laufe der 11 Tage und Nächte "zuschreiben".
04. 09. 2008
16.35 Uhr
Eine mögliche Beschreibung des herbst-Projekts für die sog. Öffentlichkeit:
Das Büro für theatralische Sofortmaßnahmen bereitet sich auf eine komplexe Theatermaßnahme im steirischen herbst vor. Der Roman "Dessen Sprache du nicht verstehst" von Marianne Fritz fordert aufgrund seiner sprachlichen und formalen Eigenwilligkeit und seinem inkommensurablen Umfang von 3305 Seiten eine radikale Abwehr vom Konzept einer planbaren Gestaltung. Unter der Voraussetzung der aufgegebenen Übersicht arbeiten 7 Akteurinnen und Akteure an einem Utopierest prozessgesteuerter Eigenverantwortung:
Nr.1 schaut aus dem Fenster, Nr.2 macht sich etwas zu essen, Nr.3 und 4 schlafen, Nr.5 arbeitet mit der Erinnerung an das soeben Gelesene, Nr.6 ist gerade duschen, während Nr.7 in den Straßen von Graz den Roman laut liest und die Alltagsgeräusche der Stadt in den Text einfließen. Die Wechsel dieser Funktionen erfolgen willkürlich, nach Maßgabe schwindender oder gesteigerter Konzentrationsfähigkeit.
Im Medienkunstlabor Graz werden zwei verschiedene Räume installiert: Der rund um die Uhr einsehbare Arbeits- und Lebensraum der 7 Akteurinnen und Akteure und ein Publikumsraum, in den der während 11 Tagen und Nächten im Stadtraum gelesene Gesamttext übertragen wird. Der Publikumsraum ist Tag und Nacht frei zugänglich, jeder Rezipient bestimmt durch die Dauer seines Aufenthaltes das für ihn hörbare Romanfragment.
"Der Himmel regnet nicht eine Erinnerung herunter, sie werden es alle erleben müssen; jetzt weißt du, warum ich nicht geworden und nicht und niemals werden wollte der organisierte Nichthieß. Das organisieren sie nicht das Milligramm besser als die herrschende Partei; nicht das Milligramm. Pferde, Ackergaul, seid ihr gewesen, Ochsen und Zugtiere: ich sagte euch ihr solltet nur helfen, Katapulte solltet ihr sein, hineinkatapultieren die Schwätzer in die Salons, ihre Möbel überziehen mit Seide, ihren Spiegel geben den Goldrahmen und ihre Schuhe endlich auch Lack haben wollen und Manschetten und weiße Hemden und Krawatten und Vatermörder wollten sie tragen und trägt die Herrenwelt nicht mehr den hohen, spitzen Vatermörder, dann wollen sie eben tragen: den Kragen mit umgelegten Ecken und es aber tragen wollen wie Herren; ich sagte es deinem Bruder, immer wieder, das ist kein Irrtum, Josef. Das sind nicht politische Meinungsverschiedenheiten, Rezepte-Streitigkeiten, das ist kein Familienkrach, es ist mehr: es ist die Scheidung es ist die ungelöste Besserstellungsfrage für gewisse Herren, die ihr lösen solltet, mehr ist es nicht."
Marianne Fritz Dessen Sprache du nicht verstehst, 1985
07. 09. 2008
10.19 Uhr
zB. Susanne Hahnl
mit ihrer eigenen Zeitzone / Ortszone / Lesezone
in den 11 Tagen und Nächten von
Dessen Sprache du nicht verstehst
in Graz / steirischer herbst
15. - 26. Oktober 2008
08. 09. 2008
17.36 Uhr
Gespräch mit der Jury für Konzeptförderung der Gemeinde Wien in unserem Arbeitsraum. Über das inhärente Publikumserziehungsprogramm, die Entwicklung eines Regietools am Computer, das (Partitur)Schreiben von kollektivem Material und das virulente Dokumentationsproblem von Theater im Rahmen von Bald sind wir aber Gesang - Theatrale Strategie für urbane Horchposten (2009 - 2013).
22.16 Uhr
Noch eine Beschreibungsmöglichkeit des herbst-Projektes nach außen:
Wie geht Man mit dem 3305-Seiten-Roman Dessen Sprache du nicht verstehst von Marianne Fritz um? Wie stellt Man sich so einem unglücksvermeidenden Koloß?
Das Projekt des Wiener Theaterkollektivs Fritzpunkt macht den ganzen Roman als permanenten Textfluß hörbar und delegiert die notgedrungene Teilung in Einzelfragmente an das Publikum. Zur Aufrechterhaltung des 264 Stunden dauernden Textstromes müssen besondere Bedingungen geschaffen werden. Während 11 Tagen und Nächten exponiert ein labiles System 7 Akteurinnen und Akteure im Tag und Nacht einsehbaren Grazer Medienlabor und gibt eine sukzessive Zeitrhythmusverschiebung zur Beobachtung frei. Verschiedene Schlafrhythmen, Alltagsverrichtungen und die Arbeit an der Erinnerung an das bereits gelesene Textstück messen jeder der 7 Personen ihre eigene Zeitzone zu. So wird ein willkürlicher, nicht vorabgesprochener Wechsel der Lesenden ermöglicht, um einen hohen Konzentrationslevel zu garantieren. Der im Grazer Stadtraum gelesene Text wird, verflochten mit vielfältigen Umgebungsgeräuschen, in den Publikumsraum im Medienkunstlabor übertragen. Drei Bildebenen stehen dem Publikum zur individuellen Bebilderung des Romans zur Verfügung: Das soziale Gefüge auf der Strasse vor dem Medienkunstlabor, das Verhalten der Akteurinnen und Akteure in ihrem abgesonderten Lebensraum und ein von einer Kamera beobachteter Staat von Blattschneiderameisen. Wer die Übersicht behalten will, hat sowieso verloren.
Für alle, die sich während der Dauer des Projekts nicht in Graz aufenthalten, wird Dessen Sprache du nicht verstehst per Video- und AudioLivestream im Internet zugänglich gemacht.
10. 09. 2008
21.56 Uhr
Elfriede Jelinek zum Tod von Wendelin Schmidt-Dengler:
"Es ist entsetzlich! Mir fehlen die Worte. Ihm hätten sie im umgekehrten Fall nicht gefehlt, die Worte hätten ihm in keinem Fall gefehlt. Eine solche Persönlichkeit, was die Arbeit an der österreichischen Literatur betrifft, wird es nicht so bald wieder geben. Er hat ja beinahe als Einmannbetrieb die Uni Wien zu einer bedeutenden gemacht, ihren Ruf international aufgewertet. Und nicht nur, indem er die berühmten AutorInnen geschätzt und immer wieder analysiert und seinen StudentInnen nahegebracht hat, sondern auch in seiner Begeisterung für die Ränder der Literatur, ihre Außenseiter, die eigentlich die wichtigsten in jeder Literatur, in jeder Kunst sind: Marianne Fritz, Werner Kofler, Herbert Wimmer und andre. Ich kann es noch gar nicht fassen, und schreiben kann ich auch noch nicht darüber."
11. 09. 2008
20.46 Uhr
War es möglich, daß Man: leben konnte mit idiotischer Hoffnung wie: absolut richtigen Rezepten, als wäre dies nicht, die große: zutiefst menschliche Hoffnung, das absolut richtige Rezept gab es nicht, nur Versuche, Experimente, einiges brauchbar, das wenigste; Anläufe hundertundtausenden, nicht zählbaren Anläufen das Staubkorn, das dann blieb. Gerade dies war doch die Hoffnung, Vorläufiges war veränderbar, was aber war: das Absolute? War nicht gerade das sogenannte Absolute die fürchterlichste Drohung, das Grab, jeder menschlichen Hoffnung. Gab es genaugenommen nur eine Lösung, die lange Straße mit Ziel Menschwerdung: das war ein brauchbarer Ausgangspunkt. Hätten sie, diesen imaginären Ankunftsort schon erreicht, dann wäre es doch höchste Zeit zu nehmen den Ratgeber: Strick um den Hals, so etwas Hoffnungsloses wie schon Angekommensein, wie schon Mensch-geworden-Sein: hiebei so beieinander sein, wie Man beieinander gewesen; ja grausig.
Marianne Fritz Dessen Sprache du nicht verstehst, 1985