01. 09. 2007

 

09.19 Uhr 

 


Der Unterschied wird nicht verschieden.
Eine Haltlosigkeit

1. 2. 8. 9. 15. 16. 22. 23. 29. und 30. September 2007

Busabfahrt an den Spieltagen jeweils um 13 Uhr pünktlich beim Universitätshauptgebäude
Ecke Rathausplatz / Dr.-Karl-Lueger-Ring
A - 1010 Wien

Seit 2002 bearbeitet das Projekt Fritzpunkt des Stadt Theater Wien das Werk der österreichischen Autorin Marianne Fritz. Zuletzt machte Fritzpunkt mit der Massenlesung Fritz-Manöver im Zentrum der Stadt auf sich aufmerksam. In seinem sechsten Jahr lädt Fritzpunkt nun zu einer Haltlosigkeit an den äußersten Rand Wiens ein:

Am Rendezvousberg im Nordosten der Stadt, in den letzten Kubikmetern Wiener Luft, hat Fritzpunkt ein etwa 70 000 m2 großes Recycling-Gelände für sich nutzbar gemacht. Aus den umgebenden flachen Feldern wächst eine Kunstlandschaft aus roten, grauen und braunen Hügeln: zermahlene Ziegel, zertrümmerter Beton, gesiebte Erde. Diese ständig in Veränderung gehaltene Landschaft nutzt das Projekt Der Unterschied wird nicht verschieden - Eine Haltlosigkeit als Aktionsraum und Textgelände.

Die vier Schauspieler wie das Publikum sind in dieser unüberschaubaren Landschaft ständig dazu aufgefordert, Stellung zu beziehen: Von wo aus verfolge ich das Geschehen, für welche Perspektive entscheide ich mich, was blende ich damit aus? In der Fülle der Möglichkeiten herrscht der Zwang zum Verzicht. Das Publikum kann die "komplizierte Liebesgeschichte" aus dem Roman Naturgemäß I von Marianne Fritz in grossen Teilen ausschließlich mit Funkgeräten verfolgen. Vier Funkkanäle stehen dafür zur Verfügung. Bewege ich mich allein im Gelände, höre ich nicht die ganze, sondern nur einen Teil der Geschichte. In der Nähe anderer Zuschauer vervollständigt sich der Text, aber die Geschichte verliert sich in der Gleichzeitigkeit der verschiedenen Stimmen. Das Verhalten des Publikums bestimmt bei jeder Vorstellung, wie und wo das Stück im Gelände zu hören und zu sehen ist.

Der Unterschied wird nicht verschieden - Eine Haltlosigkeit verwertet ein Bruchstück aus dem Roman Naturgemäß I von Marianne Fritz, das aus zwei
miteinander verflochtenen Strängen besteht: Einerseits die komplizierte Liebesgeschichte zwischen Deswegen Weil - dem Nachdenker - und der Frau mit den zwei verschiedenen Füßen, andererseits Akten aus dem Stellungskrieg rund um die Festung Przemysl im Jahr 1914.

Läuterungsversuche für das p.t. Publikum in Sachen Entweder-Oder und hilfreiche Handreichungen zur Funkgerätepraxis werden von Herrn Mag. Rainhard Bachmaier während der Busreise zum Rendezvousberg unakademisch vorangetrieben. Die Publikums-
verschleppung Der Unterschied wird nicht verschieden - Eine Haltlosigkeit endet naturgemäß in höchster Harmonie beim Ausgangspunkt der Reise im Zentrum der Wiener Innenstadt.

Festes Schuhwerk und dem Wetter entsprechende Kleidung empfohlen

Limitierte Platzanzahl, Reservierung erforderlich.
Weitere Informationen und Reservation unter:
+43 (0)699 11685616 und 01 877 25 17
buero@fritzpunkt.at

Fritzpunkt
Büro für theatralische Sofortmaßnahmen

Ein Konzept des Stadt Theater Wien
Fred Büchel, Susanne Hahnl, Anne Mertin,
Arne Vogelgesang

Produziert von Artdeluxe GmbH Wien
Zusätzliche Förderung: Unruhe Privatstiftung

 

18. 09. 2007

 

11.30 Uhr 

 

Eine erste, summarische Selbstverständigung zum Unterschied, der nicht verschieden wird :

Das Grundkonzept, vier vorerst stimmlich getrennte, dann in- und auseinanderlaufende Textzüge auf vier Funkkanäle aufzuteilen, gibt dem Publikum die entscheidende Macht wortwörtlich in die Hand: es entscheidet als delegierter Chor sowohl für sich selbst als auch für die Hörbarkeit der Gesamtpartitur im Textgelände, was es wie wo hört. Jede Aufführung unterscheidet sich so grundlegend von der anderen, je nachdem ob die Menschen zusammenstehen bleiben, um alle Textzüge ineinander verschränkt zu hören oder ob sie sich einzeln auf einen Hügel zurückziehen, Gruppen bilden, wandern, verharren. Sie sind gleichzeitig Rezipierende und Produzierende, wirken wie Lautsprecher im Gelände. Das Stück taucht wo auf, um gleich wieder zu verschwinden, der Raum bekommt akustisches Ungleichgewicht, um gleich darauf wieder ganz gefüllt zu wirken.
Die durch die Funkgeräte zum delegierten Chor geratenen Zuschauerinnen und Zuschauer befreien die Spieler von einer alten Krux des Raumtheaters:
das ständige Herumschleppen der Bühne, des Podiums auch bei einem faktischen Nichtvorhandensein derselben, entfällt endlich. Ich delegiere als in das Funkgerät sprechender Schauspieler die Bühne (wohlgemerkt nur auf der akustischen Ebene) an den Gesamtraum und an das vermittelt "sprechende" Publikum.
Das auf diese akustische "Schwerkraft der Verhältnisse" improvisatorisch reagierende Körperverhalten der vier Schauspielerinnen und Schauspieler verhandelt sehr reduziert (gehen, stehen, sitzen, liegen) das Verhältnis aller anwesenden Körper zu den vorhandenen, jede Woche wieder anders sich darstellenden räumlichen Gegebenheiten. Das sich während der Arbeitswoche veränderte Recycling-Gelände wird an jedem Vorstellungswochenende zum neuen Mitspieler.
Wind, Wolken, Sonne, kurzer Regenguß, über das Gelände ziehende Flugzeuge, die ab und an hörbaren Geräusche der fernen Brünner Straße: alles tut mit. Hier kommt die in den letzten drei großen Projekten des Fritzpunkts feststellbare Tendenz ins Freie, ins Offene hinauszugehen, zu ihrer bisher am deutlichsten bearbeiteten Form. Leichte Demiurgenanflüge..., die zum kosequenten Ende durch das gemeinsame Verschwinden des Publikums und der Akteure in einen Seecontainer konterkariert werden: im Halbdunkel nur noch Live-Stimmen der Schauspieler, Entzug der Landschaft, nur mehr sehr eingeschränkter Spielraum. Danach schneller (Ab)Gang durch das ganze Gelände und aus ist der haltlose Unterschied, der eben noch verschieden war und doch nicht verschieden wird.
Ein paar verschiedene Bilder einer Aufführung folgen:

 

 

11.31 Uhr 

 

 

 

11.32 Uhr 

 

 

 

11.33 Uhr 

 

 

 

11.34 Uhr 

 

 

 

11.35 Uhr 

 

 

 

11.36 Uhr 

 

 

 

11.37 Uhr 

 

 

 

11.38 Uhr 

 

 

 

11.39 Uhr 

 

 

 

11.40 Uhr 

 

 

 

11.41 Uhr 

 

 

 

11.42 Uhr 

 

 

 

11.43 Uhr 

 

 

 

11.44 Uhr 

 

 

 

11.45 Uhr 

 

 

 

11.46 Uhr 

 

Copyright der Haltlosigkeit-Fotos
bei Christian Bauer / Artdeluxe,
GTT und dem Verfasser

 

19. 09. 2007

 

19.25 Uhr 

 


Erste Skizze für das Zeitsystem einer Gesamtlesung des gesamten Marianne Fritz-Werkes, der Festung . Das Ganze vielleicht als Aufarbeitung des gesamten Fritzpunkt-Projektes konzipiert, weit über eine bloße Lesung hinausgehend, mit dem zentralen, von Friedhelm Rathjen für das Werk der Marianne Fritz benutzten Begriff der Mehrfachbelichtungen operierend.

 

21. 09. 2007

 

15.49 Uhr 

 

Nach Diskussion im Ensemble der Versuch, der Busrückfahrt vom Recycling-Gelände satyrspielartige Elemente zu verleihen durch inszenierte Organisationsmängel. Defekte, Fehler, die in einer Nicht-Entkomm-Situation wie in einem Bus kollektivieren, in die Rückkehr-Normalität ein Loch bohren, um ein Gegenstück zur inszenierten Organisations-Realität der Hinfahrt (Einführung in das Entweder-Oder-Thema, Zuteilung der Funkgeräte) zu realisieren: Die Liste der für die Funkgeräte in Tausch genommenen Pfänder wird gegen eine Pfänderliste einer vergangenen Vorstellung ausgetauscht. Die noch verbleibenden Rückfahrten werden so hoffentlich dem Grundthema entsprechend verlaufen...