02. 09. 2004
17.45 Uhr
"voll Haß war der Chor , der erdfarbene Chor im Zwischenraumland haßte die eigene Ohnmacht, fürchtete aber die Krallen des Weißen Adlers und vor allem: das Rad . Das Häuten. All das was sich dermaßen gegen den erdfarbenen Leib kehrt, daß ewige Schäden zu fürchten waren. Es gab kein Hopsen, kein Hüpfen der erdfarbenen Geschöpfe, es war dieses schräge Schauen, daß es vorzog, nicht anzuzeigen, was es nun falsch, was es nun richtig aufgefaßt hat, lag ursprünglich in der kreatürlichen Hinfälligkeit des erdfarbenen Leibes, später aber dann geschahen seltsame Verwandlungen, in vielen Liedern schwang diese seltsame Verwandlung mit, die es jedem anzeigte, der ein drittes Ohr fürs Schluchzen eines Chors hat, dem seine Kindheit abhanden gekommen war wie einem Kind, und die Kindheit fehlte dem Chor , denn in ihm haßte er noch und er wußte noch sehr genau: zu benennen und zwar schamlos, so schamlos, daß er sich später gar nicht mehr vorzustellen wagte, wie schamlos er gewesen sein könnte. ...die Unschuld ist dem Chor abhanden gekommen, in Schuld verstrickt hat er sich zunehmend, sich wirklich sehen mag der Chor schon lange nicht, kommt er zu sich, weicht er sich gerne aus, denn Entkommen gibt es für den Chor nicht: In seinen Liedern schwingt dieses Wissen mit, in den Klängen eher als im Wort. (Dem Chor aus jenen Jahren begegnen, es bedeutete einander Schlagendes trat aus seinem Schatten heraus und stiftete dermaßen Verwirrung, daß jedes reguläre, das-heißt-nicht-gespenstische-Flüchtlingsschar, Treiben im Land des Chen und Lein zwischen dem Mögliche und dem Daisterja rechnen mußte mit Panik stiftenden "Elementen", die sogar Erdfarbene auf der Flucht in Verwirrung zu stürzen verstanden, noch mehr aber reguläre Stiefel, die in Verbänden agierend alles brauchen konnten, nur keine unvorhergesehenen "Vor"fälle, wie sie unsichtbar Agierende zwischen dem Mögliche und dem Daisterja noch und noch zu erschaffen halfen.)
Marianne Fritz Naturgemäß I 1996, S.162
03. 09. 2004
18.17 Uhr
Der Haß (auf das Fremde) als unmittelbare kollektive Veranstaltung.
Die heutige Grundtendenz, die Unmittelbarkeit (aus Angst vor viraler Verseuchung in Technik und Menschenkörpern) auf ein technisches Mindestmaß zu reduzieren.
Kathartische Funktionen als riesige
Entschuldigungsmaschinen, als Beichtstuhlmaschinen: Mit der Unverwendbarkeit von Katharsis eröffnet sich ein Argumentationsraum, der keine Lösung mehr finden kann/will (vgl. Sophokles: Ödipus auf Kolonos).
04. 09. 2004
20.31 Uhr
Theatrales Feld:
Was wie "Reden über" aussieht, wird das Geschehen an sich.
06. 09. 2004
17.32 Uhr
Das Tribunal - Alles was der Fall ist als Vorverhandlung , die überprüft, ob das Material/Thema für die Hauptverhandlung in der Stadt des Kindes, In deinem Lager ist Österreich - Ein Prekarium , tauglich ist.
07. 09. 2004
12.17 Uhr
Was ist ein Flüchtling?
= Agent in der Tarntheorie/Sickertheorie
(politische Bewegungslehre)
1 Migrant (wandert aus)
2 Flüchtling (will zurückkehren)
3 Siedler (richtet sich ein)
= Wer ohne Ausweis ist, kann sich nicht ausweisen und wird ausgewiesen.
Der Rechtsanspruch (auf Aufenthaltsbewilligung zB.) entsteht durch Ersitzen, nicht durch Bewegen.
Oder:
Freizügigkeit wird nur dann möglich, wenn ein feststehender Status da ist.
= Er/Sie thematisiert den letzten Rest von Gemeinwesen (Fürsorge)
= Er/Sie ist "schon privat untergebracht", um die Bildung von eigenen Substrukturen/Netzwerken (Integrationshilfen) zu verhindern.
= Faktotum (totaler Fakt)
Wär das was? (Anregung für das BMI):
CrossBorderLeasing von/mit Flüchtlingen.
Was ist ein Flüchtling?
10. 09. 2004
20.40 Uhr
In deinem Lager ist Österreich
Ein Prekarium
März - August 2005
Stadt des Kindes
Wien - Penzing
(aus dem Projektpapier:)
Prekarium [lat.] das; -s, ...ia: widerrufbare, auf Bitte hin erfolgende Einräumung eines Rechts, das keinen Rechtsanspruch begründet
Duden Fremdwörterbuch, 1990
LEHRSTÜCK = THEATER ANWENDEN
Die prekäre Methode, Theater jenseits seiner repräsentativen (Bühnen)Funktion in gesellschaftlich virulenten Bereichen konkret anwendbar zu machen, bestimmt das Verfahren In deinem Lager ist Österreich . Das Stadt Theater Wien stellt mit diesem Projekt die Flüchtlingsproblematik ins Zentrum seiner zeitgenössischen Lehrstück-Methode, im vollen Bewußtsein, daß auf den Ruinen alter Sozialutopien Kunst, Entertainment und Flüchtlingspolitik obszöne Konkurrenten um diesselbe sozialutopische Konkursmasse sind.
MIGRATION / FESTUNG EUROPA
Vor dem Hintergrund des britischen Blair-Papiers , daß im März 2003 eine New Vision for Refugees entwirft, in der die Errichtung von Transit Processing Centers (Asylwerberlager und Reservate, in denen alle Asylsuchenden für die Dauer ihres Verfahrens festgehalten werden) entlang der EU-Aussengrenzen (Ukraine, Russland, Kroatien, Nordafrika) vorgeschlagen wird - ein Vorschlag, für den sich neben den Regierungen Italiens, Spaniens, Belgien, Hollands und Dänemarks auch diejenige Österreichs erwärmen konnte - wird immer deutlicher, daß die europäische Migrationspolitik einseitig sicherheitspolitisch ausgerichtet wird und langfristig auf die Beseitigung des Asylrechts hinarbeitet. Diese Entwicklung trägt paradoxe Züge: Die Staaten planen und bauen bereits exterritoriale Lager, um sich als Staaten zu behaupten und zersetzen das ihnen zugrundeliegende Nationalitätskonzept gerade durch diese dauerhafte Legalisierung eines die Gesetze in ihrer Gesamtheit suspendierenden Ausnahmezustands: Das Lager ist der Raum, der sich öffnet, wenn der Ausnahmezustand zur Regel zu werden beginnt ( Girgio Agamben Homo sacer, 1995 ). In der im Fadenkreuz dieser Überlegungen stehenden Figur des Flüchtlings fokussieren sich damit politisch-soziale Strategien, die für das Demokratieverständnis eines Europa des 21. Jahrhunderts bestimmend sein werden. Hier könnte dem Theater jenseits von Benefiz - und Mitspiel - Statisterie wieder eine gesellschaftliche Anwendbarkeit erwachsen, in der es definitiv nicht mehr um den kulturpolitischen Mehrwert von Besucherzahlen geht.
120 TSCHETSCHENISCHE FLÜCHTLINGE /
STADT DES KINDES
Von Anfang Mai bis Mitte August 2004 hat eine Gruppe von 120 tschetschenischen Flüchtlingen - Familien mit ihren Kindern - auf Initiative von Stadträtin Renate Brauner die seit 2002 nicht mehr als Jugendheim genutzte Stadt des Kindes in Wien-Penzing bewohnt. Diese notfallmässige Nutzung als "Erstaufnahmelager" des Bundeslandes Wien kam durch die mit 1. Mai 2004 wirksame Änderung des österreichischen Asylrechts zustande, das jedes Bundesland entsprechend seiner Bevölkerungsanzahl zur Aufnahme einer gewissen Anzahl von Flüchtlingen verpflichtet. Auch angesichts der aktuellen Tatsache, daß 6 von 9 Bundesländern diese eigentlich bindende Vereinbarung ignorieren, schlägt das Stadt Theater Wien vor, aus diesem Notfall ein Modell zu machen: In deinem Lager ist Österreich ....
21.42 Uhr
Mit dem Verfahren In deinem Lager ist Österreich ließe sich am paradigmatischen architektonischen Beispiel der Stadt des Kindes die Frage stellen, inwieweit die als sozialutopisches "räumliches Idealstadtmodell" (Friedrich Achleitner) erbaute Stadt des Kindes mit ihrer auf Transparenz und Kommunikation angelegten außerordentlichen Vielfalt an Nutzungsangeboten (Schwimmbad/Turnhalle/Fussballplatz/Theater/
Werkstätten/Großküche/Grünflächen/Wohnhäuser) nicht zugleich auch als Manifestation einer Kontrollarchitektur gesehen werden kann: Wo hört die Modellstadt auf und fängt das Lager an? Oder in einer paradoxen Umkehrung: Wo hört das Lager auf und fängt die Modellstadt an?
16. 09. 2004
22.29 Uhr
Beginn der Probenarbeit für
Das Tribunal - Alles was der Fall ist :
Fritzpunkt mit Karl Bruckschwaiger und Katherina Zakravsky.
Arbeitsmethode: Einerseits geschlossene Proben mit Videoaufnahmen zur Sichtung des Geschehenen, andererseits öffentliche Arbeitssitzungen ab Oktober im Kunst- und Wissenstransfer in der Postgasse mit Publikumsbeteiligung . Beide parallel laufenden Formate sollen sich zu einer Textur mit Wiederholungscharakter verdichten (Rotationsprinzip der Verhaltensformen).
Das Flüchtlingsthema und die damit im politischen Sektor immer forcierter angedachte und umgesetzte Lagerproblematik werden in das Tribunal eingearbeitet ; die Verortung dieses Themas im ideengeschichtlichen, historischen, politischen und medialen Raum ist Aufgabe der Sachverständigen Zakravsky und Bruckschwaiger. Dieses "Reden über" mit dem direkten Gespräch mit dem Publikum/ Zeugen und der Sprache der Marianne Fritz so zu verbinden, daß das Tribunal sich selbst zum Fall wird , ist die Herausforderung.
23.07 Uhr
Der Irrealis in der Sprache als Entriegelungsvorgang, als Hyper-Realisierung des im Tribunal nicht anwesenden Flüchtlings: "Wenn der jetzt da wär, würden wir...": Einübungen in Einschluß und Ausschluß .
17. 09. 2004
20.13 Uhr
"Themenwahl:
Abwandlungsmuster der Zeitwörter in der leidenden Bedeutung. Unbestimmte Art gemustert werden (sein).
Anzeigende Art.
Gegenwärtige Zeit.
Einzahl.
ich werde (bin) gemustert u.s.w.
Vielzahl.
Wir werden (sind) gemustert u.s.w.
Völligvergangene Zeit.
Einzahl.
ich wurde gemustert, ich bin gemustert worden u.s.w.
Vielzahl.
wir werden gemustert, wir sind gemustert worden u.s.w.
Längstvergangene Zeit.
Einzahl.
ich war gemustert worden u.s.w.
Vielzahl.
wir waren gemustert worden u.s.w.
Künftige Zeit.
Einzahl.
ich werde gemustert werden u.s.w.
Vielzahl.
wir werden gemustert werden u.s.w.
Bedingende Art.
Völligvergangene Zeit.
Einzahl.
ich sei gemustert worden u.s.w.
Vielzahl.
wir seien gemustert worden u.s.w.
Wünschende Art.
Völligvergangene Zeit.
Einzahl.
ich sei gemustert worden u.s.w.
Vielzahl.
wir seien gemustert worden u.s.w.
Längstvergangene Zeit.
Einzahl.
ich wäre gemustert worden u.s.w.
Gebietende Art.
Einzahl.
werde du gemustert!
laßt ihn gemustert sein (werden)!
Vielzahl.
laßt uns gemustert werden!
werdet ihr gemustert!
sie mögen gemustert werden!
Überschreitende Art.
Gegenwärtige Zeit.
da ich gemustert werde (bin), du gemustert wirst (bist) u.s.w.
Vergangene Zeit.
da ich gemustert worden bin, du gemustert worden bist u.s.w."
Marianne Fritz Naturgemäß I 1996, S.1057/1058
23. 09. 2004
18.43 Uhr
Auf alle Fälle ist der Flüchtling
der prekäre Fall, der ins Lehrstück führt?
25. 09. 2004
11.25 Uhr
Mustersiedlung für Flüchtlinge?
Hinweis auf ein mögliches falsches Ziel von Integrationsbemühungen:
Der Flüchtling als besserer Österreicher als der Einheimische.