05. 09. 2003
16.27 Uhr
Im Inneren des Weißen Adlerweißlands
(Foto: Peter Eschberg jun.)
16.30 Uhr
Das Weiße Adlerweißland von oben
(Foto: Peter Eschberg jun.)
13. 09. 2003
11.16 Uhr
Ode an die Aspangbahn
"Einsicht bei Tageslicht, eine Hasengruppe"
Ilse Aichinger
"Und Sologne. Es ist ein großes Jagdgebiet. Tiere wühlen mit der Schnauze unterm dunklen Gras.
An nichts andres denk ich."
Katarina Frostenson
Draußen auch ranken und wuchern
Sträucher Brombeer Efeu und erst
rot noch die Beeren in der staubigen
der Nachmittagssonne und auch
Gräser und Kamillen und Rüben
in der offenen gleisenden der
verbotenen Zone. Vor der aus-
gebogenen Öffnung im Wellblech
der Halle eine Matte darauf ein
Wintermantel eine Jacke und
falbgrün ein Strumpf schon kühler
das Licht in der Halle doch geh
nicht hinein denn kopfunter
stehen dort Gaggia-Maschinen oder
auch nur ein Turnschuh und draußen
die Leihwagen wie sie parken
und ein Hund an der Leine
der sie bewacht denn in der
Nacht gingen hier auf die
schweren Eisentüren und die
Verladearbeit würde begonnen.
"Platz der Opfer der Deportation".
Viel früher soll auch eine Großtante
hier gefahren sein hier wo die
Bahn alles bewegte und die
staubigen Muscheln in der Lade
des Großvaters rührte und unterhalb
des schwarzen kaum betretenen
Kleiststegs führte. Verheißungsvoll
habe er ausgesehen von der "un-
verheirateten" Küche der Großmutter
aus doch nur wenig später stieg diese
Großmutter ebendort ein und wurde
in einen Güterwaggon verladen.
Doch wessen Niemandsland wenn
jetzt eine Bahn vorbeifährt, anhält
und ich denke es wären Reisende
die drin sitzen und eine leere
Zigarettenschachtel aus dem Fenster
hier geworfen haben werden denn
gleich sind sie angekommen. Ein
Stück weiter auch ein blauer
Bagger dort wo im Winter
der Kohlenhändler sein Revier
auch schon hat, nein, es ist noch
der Alteisenmann, die sich also
das Revier hier teilen, denn sie
besitzen riesige Schrott-Ländereien
aber zur Straße nur ein zugenageltes
Fenster und dahinter manchmal
schwächer auch ein Licht. Und dort
sind sie die kleinen Nager die Hoppler
die mit ihren weichen Pfoten hier
und zwischen den Geleisen hocken
und sich benehmen wie Zugvögel
im paradiesischen Bahnhofs-
gärtlein. Mein Bahnhof! täglich
sehe ich dich von hinten höre
ich dich am Morgen wie du
dich in die Ebene dehnst.
Geradewegs aus der Stadt ziehen
die Bahnen durch dich und es
schnarrt am Abend eine Grille
aber wo in deinem Gehäuse? Du
bist am Morgen mein Osten mein
hellerer Himmel mein Morgenland
bist mein Süden am Abend denn
ich kann deine staubigen heißen
Pflanzen riechen. Zur Straße
hin sah ich eines Tages einen
Marillenbaum sah ich zuerst ihr
zermatschtes Fleisch auf dem Asphalt
darüber dann die Früchte hoch über
der rostigen Halde sah die
Marillen am Abend leuchten im
Widerschein der barbusigen
Neonnymphe der kessen
über dem Eingang zur BAR.
So still war es hier jahrelang
und es sproß noch der Efeu
kletterte über die Weltesche
die weit über das Schattenrevier
sich türmte und es trieben
nur des Nachts die hochbeinigen
flinken Marder samt ihres gellenden
Kindergeschreis ihr Unwesen da
und dort doch nur unter den
neueren Autos. Aber eines Nachts
kamen die ersten Bagger und
schaufelten Erde zu Wällen
und rissen Bäume und durchbohrten
mit langen eisernen Stangen
das Pflaster und zerschlugen das
blecherne Dach und legten die Halle
bloß sodaß man sah daß sie leer
war und ungenützt und es lagen
brach die Steine und Staub überzog
die Fenster und es tosten und
blinkten selbst in der Nacht
noch die Maschinen die erst
im Morgengrauen verstummten
und als Nachtschicht um Nachtschicht
alles Strauchwerk verschwunden
war blies ungehindert der Wind
über die gelbliche Sandebene
und jagte die leeren Zementsäcke
darüber. Stehen blieb kurz
noch ein Kirschbaum ja dieser
mein runder Kirschbaum
inmitten allen Getöns und
Gelärme dieser eine Einsame
Zuflucht meines morgendlichen
Fensterblicks bis er eines Tages
Anfang August unter ihren Äxten
fiel.
Alma Vallazza
14. 09. 2003
11.17 Uhr
An dieser Stelle wäre es nützlich, die Zukunft der Aspanggründe zu besprechen. Man ziehe hiezu den Masterplan "Eurogate Vienna" des Sir Norman Foster zu Rate.
Das tönt dann etwa so:
"Etwas Großartiges wird hier entstehen. Etwas, daß Sie sich in in seiner Größe noch gar nicht vorstellen können. Etwas, was der Stadt ein neues Gesicht geben wird. Ein städtebauliches Großprojekt, eine visionäre Planung, die Wachstumsschübe initiieren wird und eine maßive Standortaufwertung bedeutet. Allerdings nur, wenn man die 22 Hektar innerstädtischer Brachfläche mitten in der Stadt mit einem fachlich und politisch abgestimmten Rahmenzielsystem bearbeitet, damit dabei eine strategische Richtschnur für das zielgerichtete Handeln von Grundeigentümern, Investoren und öffentlicher Hand herausschaut. Diese Richtschnur, das strategische städtebauliche Leitbild, sieht für die Aspanggründe eine Konzentration technologieorientierter Gründer- unternehmen zwischen dem Forschungszentrum Arsenal und dem Biozentrum Rennweg und einen Nutzungsmix von verschiedenen Wohnformen, Büroflächen, Geschäften und Lokalen vor und ermöglicht es dem Standort Wien, auch mittelfristig ein qualitativ hochwertiges Angebot für investitionswillige Unternehmen zu bieten. Für die phasenweise Entwicklung dieses geschichtsträchtigen Standorts wird ein serviceorientiertes Flächen- mangement mit folgenden konzeptionellen Grundsätzen angestrebt: 1. Subtile Integration der neuen städtebaulichen Struktur unter Bedachtnahme auf das Umfeld und dessen Bewohner. 2. Gestalterische Prägnanz durch Festlegung der essentiellen Entwurfskriterien vom Sir, ja, dem Sir Norman Foster. 2. Erhaltung eines Gestaltungsspielraums in den Teilbereichen im Sinne einer vielschichtigen, zukunftsträchtigen und kreativen Auseinandersetzung mit dieser Gestaltungsaufgabe auf Detailebene. 4. Die Nutzungsverteilung muß Bedacht auf die Umweltbedingungen nehmen, insbesondere auf die Lärmsituation. 5. Die Verkehrserschließung darf zu keinen negativen Effekten im Umfeld führen. Der primär fußläufigen inneren Erschließung und dem öffentlichen Verkehr wird Priorität eingeräumt. 6. Es wird ein zentraler Grünraumbereich mit See ausgewiesen, der die Grünraumvernetzung mit dem Umfeld gewährleistet. Diese konzeptionellen Grundsätze führen in Summe in der Endausbauphase entsprechend der definierten Limits der Nutzungsmengen (bis zu 450 000 m2 BGF, dh. Bruttogeschossfläche) in drei bis vier Entwicklungs- etappen bei einem Entwicklungshorizont von 10 - 15 Jahren zu ca. 1600 - 2000 Wohneinheiten mit ca. 4000 - 5000 Einwohnern und ca. 7300 - 8300 Arbeitsplätzen. Und das alles aufgrund der topografisch günstigen Hanglage des Grundstücks mit einer eindrucksvollen Aussicht über Wien. Zwei, ja, auch zwei, 65 m hohe Türme werden ein Tor zum Stadtzentrum symbolisieren und machen die Aspanggründe dank des Masterplans vom Sir Norman Foster zum "Eurogate Vienna", dem neuen Tor zum Osten."
15. 09. 2003
10.23 Uhr
Ja, dann...
Ja, wenn das nun so wäre: Die ganze Inszenierung, der Einbau der Publikumsinstallation, die Proben, die Mühe mit den Kostümen, die Pressearbeit, der Befund der Theaterpolizei, der Einbau der Notlichter, das Wegputzen der Kohle und des Taubenkots, das Schleppen der Wasserkanister, das Hundertemale Türen und Vorhängeschlößer Aufsperren, die wunderbaren Abende draußen in der Eisernen Tischplatte, bei Maria, essend, die Recherchen im Staatsarchiv, das Kaufen der Schuhe in der Landstraßer Hauptstraße, das Mitgenommen-
werden mit dem Auto nach der Probe, "die hundert-
tausend Kugelschreiberstriche in der Stadt" (PW), die Aufnahmen des TV, der Fototermin in der Installation, die dreckigen Hände jedesmal, nachdem man zwei Sekunden in der Kohlenhalle war, der schwarze Rotz am Abend unter der Dusche, die Blumen zur Première, einfach alles, ja, wenn das nun so wäre, daß das alles nur eine Werbeveranstaltung für den Fritzpunkt gewesen wäre, ja dann... wärs gut.
12.37 Uhr
Im Weißen Adlerweißland
Blick aus der geöffneten Publikumsinstallation in die Kohlenhalle
17. 09. 2003
22.36 Uhr
Der in die riesige Kohlenhalle eingebaute, geschlossene kleine Zuschauerraum fungierte als Bühne, auf der die Zuschauerinnen und Zuschauer mit einer Schauspielerin saßen. Im ersten Teil des Weißen Adlerweißlandes hat dieser Zuschauerraum zwei parallele Stränge ermöglicht: Die sichtbare Aktion der in der "Verhör-Schüssel" sitzenden, nur fallweise sprechenden Schauspielerin und der bloß hör-, aber nicht sichtbare Umgang mit Sprache der anderen drei Schauspieler und Schauspielerinnen. Im Grunde hat diese Rauminstallation den gesamten (Bewegungs)Ablauf der Vorstellung definiert: " das Andrängen der Stimmen von außen, deren Überschwappen und Eindringen in den Raum und die Sprengung des engen Raumes" (Kurt Neumann) durch Öffnung der vierten Wand operierten in ihrer Reduktion mit dem ständigen Brechen der Erwartungshaltung des Publikums. Der gesamte Abend war Resultat eines Zugangs, in dem die Textauswahl konstitutiv für die Raumgestaltung und den Raumumgang war (Text definiert Raum).
Im Gegensatz dazu wäre ein Zugang denkbar, in dem ein vorgefundener, extrem ausdefinierter Raum die Textauswahl bestimmt (Raum definiert Text). Ein gangbarer Weg für das Projekt Fritzpunkt Vor Ort 2 im Frühjahr 2004.
18. 09. 2003
10.38 Uhr
Die Aufführung an einem explizit ausgesuchten Spielort ist eine Form des Umgangs mit Publikum, die die Literatur anders virulent werden läßt als zB. in einer Lesung .
Die öffentliche Aneignung im Fritzpunkt inszeniert explizit einen Raum des gegenseitigen Austauschs mit dem Publikum. Die Gesamtheit dieser Formen ist Theater .
Oder so: Die Rede ist von der Doppelstrategie in der Arbeit des Stadt Theater Wien :
Die öffentliche Aneignung im Fritzpunkt besuchen Leute, die zur Literatur kommen, und wir konfrontieren sie mit Theater.
Die Aufführungen besuchen Leute, die die zum Theater kommen und wir konfrontieren sie mit Literatur.
16.17 Uhr
Beginn der Überlegungen für eine neue Reihe im Fritzpunkt:
Gesucht ist eine Mischform von Probe und (Re)Präsentation, die über der ungezwungenen, intimen Raumsituation des Fritzpunkts möglich werden soll. Eine Verfremdung unserer Arbeit für die Zeit der Anwesenheit des Publikums im Fritzpunkt, um Kommentare zu gewinnen und parallel dazu ausgesuchte Texte aus Naturgemäß I vorzustellen. Weder öffentliche Probe noch Vorstellung, weder Lesung noch Diskussionsveranstaltung, eine Amalgamierung all dieser Formen. Resultat wäre eine Konfrontation von Kunstsprache und Alltagssprache. Auf der Unterschiedlichkeit dieser Sprachen zu beharren, schärft die Wahrnehmung für die gerade nicht stattfindende Sprache. Die durch diese neue Reihe eingeübte Konfrontation soll in Fritzpunkt Vor Ort 2 praktisch angewendet werden (Entwicklung der Zuschaukunst).
19. 09. 2003
19.45 Uhr
Angesichts der Flut von sprachmusikalischen Produkten im gegenwärtigen Kunstbetrieb:
Wenn Bernhard, Schwab und Jelinek als Sprachmusik gedacht werden können, ist Marianne Fritz der literarische Mozart des 20. Jahrhunderts.