01. 08. 2002

 

16.58 Uhr 

 

Nach 44 Tagen / Vor 44 Tagen

44 Tage Fritzpunkt haben den Ansatz bestätigt, Naturgemäß I als Text zu begreifen, dessen Wucht
und Vielschichtigkeit nur ein Kollektiv, der "Chor der Lesenden", fruchtbar machen kann. Eine Literatur, die zu ihrer Entzifferung und Deutung ein Kollektiv benötigt und damit zugleich die Bedingung schafft, ein solches zu konstituieren, betrachten wir als ideale Grundlage, kollektive theatrale Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Die nächste, folgerichtige Stufe der Annäherung an eine theatrale Umsetzung sehen wir darin, dem stationären Fritzpunkt Bewegung zu verordnen:

Der Fritzpunkt bewegt sich , er geht tanzt hüpft liegt läuft etc.:

Parallel zum ab 1. August 02 "weiterlaufenden" Fritzpunkt werden wir in unangekündigten Versuchen während der Monate August und September 02 im Wiener Stadtraum bestehende Kontexte mit ausgesuchten Textstellen aus dem zweiten Weg von Naturgemäß I konfrontieren.

Als Abschluss dieser Versuchsreihe planen wir im Oktober eine grössere Fort-Bewegung unter dem Titel

Fritzpunkt schwimmt

und zwar von Wien zum Schwarzen Meer , ein siebentägiges Lehrstück auf einem Frachtschiff, eine "Pluralhaft", die eine intensive Auseinandersetzung mit dem Prolog von Naturgemäß I ("Entweder Angst -schweiss/ Ohnend/ Oder Pluralhaft", S. 1 - 186) zulässt. Auf dieser Reise ohne Zwischenstops, die per Video dokumentiert wird, entsteht ein Hörbild aus Texten des Prologs; interessant wären auch Live-Einstiege per Satellit, die über Radio in Österreich gesendet werden.

Nach dieser ersten Versuchsreihe folgt eine zweite, in denen wir Aussenstehende auch jenseits der Öffentlichen Aneignung im Fritzpunkt in unsere Arbeit integrieren:

Unter dem Arbeitstitel

Die unmöglichen Dörfer - Eine Anteilnahme

werden wir im Frühjahr 2003 mit Interessierten in gebündelten Zeitblöcken Handlungsstrategien mit Texten aus Naturgemäß I entwickeln, die im Hinblick auf ein erstes, landläufig "Theatervorstellung" genanntes Ereignis im Herbst 2003 nutzbar werden sollen.

 

02. 08. 2002

 

15.31 Uhr 

 

Fritzpunkt schwimmt

Die Alternative zum Frachtschiff, die eine massive Konzeptänderung nach sich zöge:

MS Dunaj , ukrainische Flagge
einfaches Kabinenschiff

Länge 86 m
Breite 14 m
Tiefgang 1,6 m
Decks 4
Aussenkabinen 64
Passagiere 159
Besatzung 74

 

03. 08. 2002

 

13.42 Uhr 

 

"hätte, könntest du die
hätte alle zählen,"
(S. 187)

Die Fritz adressiert an ein Kollektiv, das eine Chance mehr in der Auseinandersetzung mit verpassten Möglichkeiten sieht, denn in der (voraus-eilenden) Hoffnung auf künftige. Im dramatischen Vorgang, den wir suchen, agiert ein Kollektiv die (gegenwärtige) Möglichkeit aus, die die Erinnerung an verpasste Möglichkeiten transportiert. Indem wir etwas tun, was wir nicht können , kommen wir in die Nähe der verpassten Möglichkeit. Und springen nicht in die vorschnelle Erfüllung einer Zukunft.

Karten von geistigen und geografischen Territorien zeichnen, wirkliche Modelle von Unwirklichkeiten bauen.

"verdächtige Bewegungen"
"bewegliche Wahrheiten"
"verpasste Möglichkeiten":
3 Motivkreise

 

08. 08. 2002

 

08.45 Uhr 

 

Die Diskussion über verschiedene Formen von und Umgang mit Öffentlichkeit wird virulenter und drückt sich zuallererst in Vorschlägen für die Umgestaltung des Fritzpunkts aus. Weiters werden erste Szenarien für die unangekündigten Versuche im Stadtraum besprochen.

Die Arbeitsweise verändert sich:
Zum Lesen, Kommentieren und szenischen Entwerfen kommt die Auswahl und Ausarbeitung einiger Stellen des "Prologs" (S. 1-186) hinzu. Es entsteht das "Lied des Örtern vom Kampf der Geschlechter".

Besucherinnen als "Kundschafterinnen der eigenen Vorurteile":
Die Erwartungshaltungen der Besucherinnen treffen auf einen Fritzpunkt, der ihr Vor-Urteil nicht bestätigt.

 

12. 08. 2002

 

21.50 Uhr 

 

Oskar Schlemmer: Szenenbild zu "Meta oder die Pantomime der Örter", 1924

 

 

22.03 Uhr 

 

Traum
Hektisch sammle ich alle möglichen "Reste, Ergänzungen..." der scheinbar verkürzten Begriffe, Namen, Personen... - die W`s und Er`s und d`s könnten ja zusammenpassen?

 

13. 08. 2002

 

23.47 Uhr 

 

In der Wortgrube:

Wer andern in die Wortgrube fällt, steigt selbst heraus.

 

14. 08. 2002

 

20.21 Uhr 

 

Im Hinblick auf eine Erweiterung der Gebrauchsweisen von Literatur (über das Lesen und Darstellen des Gelesenen hinaus):
Naturgemäß I als Filter betrachten, durch den man die Welt durchsieben kann. Wer filtert wen? Sprache als gestaltende Kraft begreifen, nicht bloss als verzierendes Element.
Um die vorherrschende Diktion aufzunehmen: Literarische "Präventivschläge" täglich in der Stadt, sich dem Fluss des Umfelds aussetzen oder Fluss sein in einem stehenden Umfeld.

 

15. 08. 2002

 

11.47 Uhr 

 

Mit der virulent gewordenen Frage nach dem Bezug zur Öffentlichkeit innerhalb des Fritzpunkts taucht auch die Frage auf:
Ist der Arbeitsraum über- oder untercodiert? Fordert das Verhältnis von Raum und Aktion, so wie es sich zurzeit darstellt, zur Aufmerksamkeit auf mehreren Ebenen heraus? Differenziert der Raum die Wahrnehmung des Geschehens weiter aus oder verkürzt er diesselbe? Führt das Einziehen eines ständig laufenden, stummen Fernsehbilds von CNN zu der erwünschten Übercodierung oder wäre das im Gegenteil bloss ein plumpes Hereinholen der sogenannten (Medien) Realität, eine unzulässige Verkürzung?

 

20. 08. 2002

 

17.32 Uhr 

 

Mit der 2. Phase setzt ein verändertes Verhalten ein, sowohl im Fritzpunkt, als auch bei den aufgesuchten Örtlichkeiten außerhalb dieser Zelle.
Ganz selbstverständlich hat sich unser Selbst-Verständnis in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.
Es ist, als-ob das wundersame Antlitz der Dichtung mit unseren ausgestreckten Händen gegen die Öffentlichkeit gehalten vor uns her getragen worden wäre. Aber die Zeit macht die Arme sinken; und ganz vorsichtig versuchen wir, die gewachsene Maske uns auf das eigene Gesicht zu setzen. Diese so entstandene Doppelwelt braucht jetzt einen Körper und einen passenden öffentlichen Raum.
In diesen Tagen macht die mediale Aufmerksamkeit schon Freude, wenn sie uns die Strapaz von "Guerilleros" attestiert. Danke!
Marianne Fritz: "In schwebenden Verhältnissen ordnet das Sagen sehr rasch."

 

 

17.51 Uhr 

 

Dieser Riesentext Naturgemäß I , diese Müllhalde des Glaubens, funktioniert als Ganzes wie ein Lügendetektor: Jeder Lesende kommt zwangsweise zu seiner "Wahrheit", die in Permanenz mit einer paradoxen Bewegung wieder relativiert wird.

 

22. 08. 2002

 

23.44 Uhr 

 

Das Publikum befand sich in einer wohlkonstruierten Falle: Es betrachtete eine Aktion und hörte Text, die beide wie eine Gehirnwäsche wirkten, sich dabei aber äusserst harmlos gaben. Hinter dem Publikum stand die nackte körperliche Gewalt in Gestalt von muskelbepackten Catchern. Sie verhinderten, dass sich jemand aus der Falle stehlen konnte. Diese Falle arbeitete am Verschwinden des Zwangs, alles verstehen zu wollen.

"Über Wirkung und mögliche unerwünschte Wirkungen informieren Gebrauchsinformation, Arzt oder Apotheker".

 

31. 08. 2002

 

22.41 Uhr 

 

Unangekündigter Versuch 1

Fritzpunkt hüpft.
Flohmarkt Kettenbrückengasse.
Samstag, 31.8.02, ab 9 Uhr früh.
Naturgemäß.


Sieben Seiten aus "Melonen auf der Erde, Melonen auf dem Kopf / Der Sinn ist im Unsinn / (Nein.)" (S. 148-155) und zwei Kisten aus dem Fritzpunkt wandern auf den samstäglichen Flohmarkt, vier Punkte setzen sich und beginnen mit einer vorstrukturierten, aber innerhalb dieser Strukturen improvisierten Lesung. Keine Präsentation für die vorbeigehenden Menschen, sondern ein Versuch, das ausgewählte Bruchstück mit einem Alltagsszenario zu konfrontieren und nach Möglichkeit auf dieses im Lesegestus zu reagieren. Um elf Uhr bekommen wir beamteten Besuch, der unseren unangekündigten Versuch mit dem Hinweis aufkündigt, wir würden keine Altwaren verkaufen. Dem ist mit gutem Gewissen nichts Gegenteiliges hinzuzfügen und so verfügen sich die vier Punkte, die zwei Kisten und die sieben Seiten wieder in den Fritzpunkt.

Fazit dieses ersten Ausflugs: Die Konfrontation dieses Textmaterials mit dem Szenario der Händler bedient zwar den Inhalt des Textes, aber weder der "graue" Lärm des Marktes noch vereinzelte Redewendungen der Händler-Sprache vermischen sich mit der "buchstäblichen" Sprache von Naturgemäß I . Ein Umstand, der sich zwar im vornherein erahnen liess, aber dennoch erprobt werden wollte. Den von einigen Zuhörenden geäusserten Wunsch, sich diesem Text in einem konzentrierteren Ambiente widmen zu können, werden wir mit dem nächsten Versuch entsprechen, der im Fritzpunkt selbst stattfinden wird: " Was ist ein Fisch ohne Gräten?" .