10. 07. 2007

 

22.37 Uhr 

 

Der Vollständigkeit geschuldet:
Eine wirklich befremdliche Entdeckung, die seit den achtziger Jahren immer wieder im Bücherregal verschwunden ist, jetzt aber wieder heraufgespült wurde: Eine nur einmal, nein, zweimal, in Anthologien veröffenlichte, in keinem Werkverzeichnis aufscheinende Erzählung von Marianne Fritz aus dem Jahr 1978 mit dem Titel

Eine befremdliche Entdeckung

"Mein Name ist Willibald. Ich betreibe zwei Fleischhauereien in Wien. Aber Sie dürfen nicht glauben, daß ich Schweine schlachte oder Blut rühre. Ich habe die Fleischhauereien von meinem Vater geerbt. Ich für meine Teil hasse Fleisch und esse es niemals.
Mein Vater zwang mich einmal, Fleisch zu essen, denn er war ein Mann von strengen Grundsätzen. Da bekam ich ein Nervenfieber. Seither habe ich nie mehr im Leben Fleisch gegessen.
Nein, ich befasse mich nicht mit der Fleischerei. Die Geschäfte führt ein Verwalter, der mich betrügt. Das ist weiter nicht bedenklich, denn meine Geschäfte befinden sich in guter Lage, und es reicht auch so zum Leben für mich.
Aber nicht das wollte ich erzählen. Ich habe vielmehr nach der Feder gegriffen, weil ich eine befremdliche Entdeckung gemacht habe: Ich habe Senta immer verwöhnt. Senta war rothaarig und kostete mich jeden Tag drei Kilo Fleisch. Das ist für einen Menschen mit streng vegetarischen Grundsätzen sehr viel. Trotzdem unternahm ich nicht einmal den Versuch, die Leidenschaft Sentas fürs Fleisch einzuschränken, geschweige ihr diese Freude prinzipiell zu verbieten. Meine Mutter soll eine rothaarige Frau gewesen sein und sehr schön. Sie zog es vor, kurz nach meiner Geburt, einem Mann mit weniger starken Grundsätzen zu folgen. Mein vater sah Senta und sagte: "Die kommt mir nicht in das Haus der Willibald!" Damit war die Vorstellung beendet. Natürlich blieb ich Senta treu. Deshalb konnte ich erst nach dem Tode meines Vaters in das Haus der Willibald zurückkehren. Bis ich eine Zimmerwirtin fand, die es mir gestattete, mit Senta gemeinsam ein Zimmer zu bewohnen, lebte ich im Obdachlosenasyl. Wir fanden dann auch ein Zimmer; Senta und ich. Wir lebten in einem Haus, das kurz vor seinem Abbruch stand. Ich fürchtete mich nie, obwohl weder das Haustor noch unsere Wohnung verschließbar war. Vielmehr war ich in dieser Zeit wunschlos glücklich. Unsere Heimstätte kostete mich nicht mehr als drei Kilo Fleisch. Ich kam also nie in die unglückliche Lage, Sentas Liebe zum Fleisch enttäuschen zu müssen. Mir selbst blieb noch immer genug Geld für Topfen und Brot. Manchmal gestattete ich mir sogar einen Krautkopf. Obwohl Senta alles Vegetarische haßte, betrachtete sie mich voller Anteilnahme und Zärtlichkeit, gestattete ich mir, das Leben vegetarisch zu genießen. An jenem Tag, als ich meinen Vater zu Grabe trug, war ich schon sehr glücklich. Ich vermochte an diesem Tag Sentas Lebensfreude mittels drei Kilo Fleisch mehr zu heben. Sechs Kilo Fleisch, das ist für einen Menschen mit streng vegetarischen Grundsätzen sehr viel. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn ich mir erlaube zu denken, daß dieser Tag für Senta ein Festtag ohnegleichen war.
Aber nicht das wollte ich erzählen. Ich habe vielmehr nach der Feder gegriffen, weil ich eine befremdliche Entdeckung gemacht habe: Die Ampel schaltete schon auf rot, und ich fürchtete die Unachtsamkeit und Hast der Autofahrer. Senta blieb mitten auf der Fahrbahn stehen, und die Autofahrer drückten schon ungeduldig ihre Hupen. Senta liebte jede Art von Musik. Sie war hochmusikalisch. Meine Mutter soll auch hochmusikalisch gewesen sein. Dasselbe von mir und meinem Vater zu berichten ist mir nicht gestattet. Ich mußte Senta gewaltsam zur Eile antreiben. Senta zitterte vor Kälte und keuchte, als wäre ihr das Leben eine Last. Es gelang mir, Senta schließlich doch zum Weitergehen zu überreden.
Ich versprach ihr, sich am Gehsteig ausruhen zu dürfen, und versprach ihr auch die Adelaide von Beethoven. Senta liebte es sehr, Beethovens Adelaide mit ihrer Freude am Fleisch zu verbinden. Am Gehsteig dann streichelte ich ihren schweren Bauch. Ihre Beine mochten ihre Liebe zum Leben kaum mehr zu tragen. Sie zitterte schon wieder vor Kälte und keuchte. Ich habe Senta mit meinem schwarzen Staubmantel zugedeckt. Geweint habe ich nicht. Eh sie starb, blickte sie voll Anteilnahme und Zärtlichkeit zu mir auf. "Einst, o Wunder! Erblüht auf meinem Grabe eine Blume der Asche meines Herzens ; deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen: Adelaide."
Ich erlaubte mir, die Worte des Dichters bis auf den Namen der Dame aus meiner Darbietung zu streichen. Adelaide habe ich in einem fort gesungen und sehr gebangt, ich könnte hochmusikalisch werden und damit der hochmusikalischen Senta den Abschied von diesem Leben erschweren. Die Sorge war unbegründet. So durfte ich wunschlos glücklich in das Haus der Willibald zurückkehren.
Aber nicht das wollte ich erzählen. Ich habe vielmehr nach der Feder gegriffen, weil ich eine befremdliche Entdeckung gemacht habe: Seit Senta in mein Leben getreten war, hatte ich das Haus der Willibald am Meer nie mehr aufgesucht. Ich vergaß mit Senta meine Sehnsucht nach dem Meer, meine Muschelsammlungen, meine Seesterne und Seeigel, meinen Meeressand und selbst die Steine des Meeres.
Seit die Rothaarige vorgezogen hatte, einem Mann mit weniger eindeutigen Grundsätzen zu folgen, betrat mein Vater dieses Haus am Meer nie mehr. So war das Haus der Willibald stillschweigend zu meinem Heim geworden. Hierher war ich in den heißen Juli- und Augusttagen, auch in den österlichen und weihnachtlichen Semesterferien gereist. Meine alljährlichen Reisen zu diesem Haus betsärkten meinen Vater in der Annahme, daß mit ihm das letzte echt Willibaldische, wenn man so sagen darf, aussterben werde. "Willibaldisch ist das nicht", sagte er manchmal, nicht allzu häufig, auch nicht allzu selten, immer aber vor meiner Abreise und nach meiner Rückkehr. Auch die Verwandschaft
willibaldscher Seite zählte mich eher der Rothaarigen zu und eine andere Verwandschaft gab es nicht.
Über die Rothaarige zu sprechen, wagte man prinzipiell nur hinter vorgehaltener Hand und bei Abwesenheit meines Vaters. Nicht, daß mein Vater die Rothaarige gehaßt hätte. Seine Grundsätze gestattten ihm Empfindungen solcher Intensität nicht. Mein Vater starb ganz willibaldisch. Aus medizinisch ungeklärter Ursache verweigerte ihm die Bauchspeicheldrüse den Dienst.
"So stirbt das Willibaldische mit mir aus", sagte er und blickte an mir vorbei; irgendwohin.
"Deine Mutter war so schön wie die Abendsonne, wenn sie im Meer versinkt. Ein Mann mit weniger strengen Grundsätzen wird da vor Sehnsucht ganz blind."
Zwei Stunden später war er tot.
So war es auch nicht weiter von Belang für die Willibaldischen, daß ich, verspätet um zehn Jahre,
den Doktorgrad der Medizin, der Philosophie und der Jurisprudenz vorweisen konnte.
Meiner Mutter mitzuteilen, daß sie mit mir dreifach akademisch geworden ist, hätte wohl bedeutet, von mir zu verlangen, daß ich an der Wirklichkeit des Lebens vorbeischaue. Das verlangte auch niemand von mir. Meine Mutter würde mich wohl als sehr willibaldisch empfunden haben, und jede Widerrede hätte sie nur in ihrer Annahme bestärkt. Auch Senta wäre von meinen Akademikerwürden kaum beeindruckt gewesen. So zog ich zehn Jahre nach dem Tod meines Vaters endgültig aus dem Haus der Willibald in Wien aus und übersiedelte in das Haus der Willibald am Meer. Wenn die Abendsonne im Meer versinkt, gehe ich am Strand spazieren. Ich habe nicht ein einziges Mal geweint, wenn ich den Feuerball im Meer versinken sah.
Aber nicht das wollte ich erzählen. Ich habe vielmehr nach der Feder gegriffen, weil ich eine befremdliche Entdeckung gemacht habe: Hier lebe ich wunschlos glücklich. Meine Dienerin ist ein sanftes, südländisches Geschöpf. Sie betrügt mich. Das ist nicht weiter bedenklich, denn es reicht auch so zum Leben für mich. Meine Muschelsammlungen, meine Seesterne und Seeigel, meinen Meeressand und selbst die Steine des Meeres trage ich in mein Boot: immer und nur zu Allerheiligen. Wenn die Sonne im Meer versinkt, rudere ich hinaus. Ich habe nicht ein einziges Mal geweint, wenn ich meine Schätze im Meer versinken sah.
Helga kann ja jeden Moment kommen. Ihre Ankunft ist wirklich nur mehr eine Frage der Zeit. Alles ist vorbereitet, selbst die Jahreszeiten habe ich in meinem Blumengarten berücksichtigt. Vergeht die eine Zucht, wird gerade die andere und eine dritte blüht.
Früher bin ich jeden Samstag selbst ins Dorf gegangen, um auf den Postautobus zu warten, der irgendwann, im Laufe des Tages, immer aber an einem Samstag, eintrifft. Seit einger Zeit übertrage ich diese Aufgabe regelmäßig meiner Dienerin. Ich sage meiner Dienerin: "Du darfst die Blumen nur mit gesetztem Schritte tragen. Du weißt, es sind zärtliche Blumen. Ich züchte nur zärtliche Blumen. Also sei vorsichtig: Du erschütterst sie sonst, verletzt ihre Blätter, sie verlieren ihre Köpfe, und Helga kann dann nicht mehr sehen, daß es eigentlich zärtliche Blumen sind. Vergiß mir nicht: Helga heißt sie, siebzehn Jahre ist sie alt und blind. Ein blondes zartes Mädchen mit großen toten Augen. Sie hat einen Stock und eine Blindenbinde, aber Helga sieht alles. Merk dir das gut: Helga sieht mehr als du und ich, die wir Augen haben zu schauen und doch blind sind. Lege die Blumen in ihre Hände, aber nicht so, als wolltest du ihr Disteln geben. Sie ist inzwischen vielleicht ein bißchen älter geworden. Das ist kein Grund, mit deinem Lächeln zu geizen. So lächle also, wie du lächelst, wenn du mich wieder einmal bestohlen hast und dir denkst: Die Herrin hat es nicht bemerkt. Das ist dein schönstes Lächeln. Küsse ihre Augen und nimm erst dann ihre Hand, sanft, hörst du, so sanft, daß sie die Berührung nicht erschrecken mag. Es muß unmerklich geschehen. Lasse Helga über keinen Stein stolpern! Hörst du! Versprich mir: Du wirst Helga diesen Kummer ersparen! Sie würde sofort ausrufen: Und ich bin und ich bleibe blind! Und das Meer werde ich nie, nie mehr sehen! Und dies nur wegen eines einzigen Steines, den du, unachtsames Geschöpf, übersehen hast?!" Erst wenn die Augen meiner Dienerin sehr ernst und gewissenhaft und ein wenig furchtsam auf mich blicken, küsse ich das gute Kind auf die Stirn und entlasse es, damit es ins Dorf eile.
Helga ist vor Senta in mein Leben getreten. Ihren Familiennamen habe ich leider verloren. Auch woher sie kam. Ich schlief den Schlaf einer längeren Narkose. In dieser Zeit sollten die Hände des Chirurgen in das weitere Schicksal meiner Augen eingreifen.
"Es tut alles so weh und es ist so dunkel. Sie müssen meine Hand halten. Sobald Sie meine Hand loslassen, werde ich aufwachen und schreien."
"Du bist schon aufgewacht, und ich halte deine Hand. Ich, Helga. Meine Augen sind tot, aber meine Hand, die spürst du doch?"
Helga muß meine Absicht gespürt haben, ehe sie mir selbst gewahr wurde. Sie hatte mir die Verfügungsgewalt über meine Hände entzogen. Das war sanft und unmerklich geschehen. Ihre Hände waren die Muschel, in der ich bei mir selbst bleiben konnte, ohne auf den Schutz verzichten zu müssen, dessen ich bedurfte. "Damit du deine Hände nie verfluchen wirst müssen, mußt du sie wissen. Deine Hände müssen jetzt der Versuchung widerstehen, nach den Augen zu greifen. Das ist nicht leicht. Es geschieht unmerklich und wird doch in das weitere Schicksal deiner Augen eingreifen."
"Es tut alles so weh und es ist so dunkel."
"Ein Mädchen mit toten Augen, das bin ich. Ich bin siebzehn Jahre alt. Ich habe einen Stock und eine Blindenbinde. Mein Stock liegt am Fußende deines Bettes, und meine Blindenbinde liegt in meinem Nachtkästchen. Ich warte auf die Hände des Chirurgen; sie sollen mittels Netzhautübertragung in das weitere Schicksal meiner Augen eingreifen."
"Es tut alles so weh und es ist so dunkel."
"Diese heilsame Nacht haben Hände für deine Augen geschaffen; es ist nur jene Dunkelheit, die deine Augen schützt. Der Schmerz, den du spürst, das ist nur eine Erregung, die du vergessen wirst, als hättest du sie nie gekannt. Ich bin deine Muschelschale. Du mußt deinem Atem nicht nachlauschen. Du bist eine Muschel. Eine Muschel hat sowas nicht nötig. Sag: Wie heißt du? Ich will ehrlich sein: Ich habe deinen Namen schon erfragt. Du bist Lenore. Man hat mir auch genau erklärt, wie du aussiehst. Schläfst du schon?"
"Nein. Ich bin noch wach und warte."
"Nein. Nein. Kümmere dich nicht um deine Augen und was mit ihnen werden wird. Dein Augenlicht wird dir wiedergegeben. Das weiß ich. Komm, Lenore. Deine Muschelschale wird sich jetzt unmerklich öffnen, damit mein Freund, Gottfried August Bürger,
zu dir schlüpfen kann. Er ist ein wenig geschwätzig, das geb ich zu, aber er liebt Muscheln. Siehst du: Er ist schon da, und sein Kommen hat dich nicht einmal erschüttert. Du kannst ihm zuhören, wenn du magst. Er wird von Lenore schwätzen. Hab` Nachsicht mit ihm, meine Muschel. Er ist so dankbar, wenn er jemand findet, der ihn hören mag. Dann wird er munter hopp hopp hopp!

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
"Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?" -
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht
Und er hatte nicht geschrieben,
Ob er gesund geblieben.

Als ich wieder erwachte, erzählte mir Helga, daß ich im Laufe der vierzehnten Strophe eingeschlafen sei, in der Wilhelm seine Heimkehr ankündigte:

"Holla, holla! Tu auf, mein Kind!
Schläfst Liebchen, oder wachst du?
Wie bist noch gegen mich gesinnt?
Und weinest oder lachst du?"

Die Hände des Chirurgen hatten mir keine Glasaugen einsetzen müssen, vielmehr gaben sie mir mein Augenlicht wieder und mit Hilfe der Optik sind meine
Augen wirklich wieder ganz mein geworden.
Als ich von Helga fortging, wußte ich, daß Helga um eine Hoffnung ärmer geworden war. Wie alle Versuche vorher, war auch diese Netzhautübertragung gescheitert. So legte ich, als ich von Helga fortging, in ihren Schoß den Schlüssel zum Haus der Willibald am Meer. Zu diesem Haus gibt es nur zwei Schlüssel. Einen habe ich, einen hat Helga. Sie kennt den Namen des Dorfes, sie weiß alles, was sie wissen muß, um dieses Haus zu finden.
"Ich werde kommen", sagte Helga, wobei sie mein Gesicht abtastete und meine Hände.
"Du wirst das Meer wieder sehen und den Feuerball, wie er im Meer versinkt."
"Ja. Ja. Ich werde das Meer wieder sehen. Und wenn ich alt bin: Ich seh es doch! Komm, komm Feuerball! Ich will mit dir bis auf den Meeresgrund sinken!"
"Ich gehe jetzt."
"Was lockst du nur die Sehnsucht nach dem Meer aus mir heraus?! Damit ich verwundbar bin, und mein Mangel, der entscheidende MAngel, offenkundig wird?! Ich habe keine Augen! Hättest du sie ruhen lassen! Hättest du!"
Ich hielt es für schicklich, Helga zu unterbrechen, indem ich meinen Zeigefinger auf ihren Mund legte und dann ihre Augen küßte. Sie lächelte, hielt den Kopf ein wenig schief geneigt und sagte: "Wirst du da sein?"
"Ich werde da sein."
"Wirst du mich nicht vergessen, sobald du diese Tür geschlossen hast?"
"Ich werde dich nicht vergessen."
Sie ließ die Hand sinken, mit der sie Richtung Tür gedeutet hatte.
"Und ich werde dich auch - sehen?"
"Nicht nur mich wirst du sehen, auch das Meer und den Feuerball."
"Wenn er im Meer versinkt."
"Du sagst es."
"Wirst du da sein?"
"Ja, Helga. Ich werde da sein."
Das war mein letztes Gespräch mit Helga. Nachdem ich Senta das Leben hatte retten dürfen: Sie war damals eine Welpe und sollte ersäuft werden, vergaß ich nicht nur das Meer und den Feuerball, wenn er im Meer versinkt. Ich vergaß auch meine Augen, und ich vergaß Helga.
Nach zehn Jahren eifrigster Studien wurden die Nächte sehr lang und der Schlaf so unruhig, daß ich es vorzog, ans Meer zu ziehen. Seit ich wieder auf Helga warte, schlafe ich ruhig, und es ist wohl keine
Übertreibung, wenn ich sage: Ich bin wunschlos glücklich, denn ich weiß, es ist nur mehr eine Frage der Zeit, und dann kommt Helga.
Aber nicht das wollte ich erzählen. Ich habe vielmehr nach der Feder gegriffen, weil ich eine befremdliche Entdeckung geamcht habe: Wenn ein Stein am Strand liegt, stolpere ich über ihn. Mein Stock hilft mir sehr. Die Schiffe, weit draußen im Meer, sind nicht mehr da. Aber ich kenne meinen Strand, mein Haus und den Blumengarten. Ich finde mich hier gut zurecht. Ich werde auch Helga sofort wieder erkennen: an ihrer Stimme, ihren Händen. Helga wird mir das Meer zeigen und den Feuerball, wie er im Meer versinkt. Ich bin wunschlos glücklich.
Aber nicht das wollte ich erzählen. Ich habe vielmehr nach der Feder gegriffen, weil ich eine befremdliche Entdeckung gemacht habe: mein Name ist Willibald."

© S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 1978

 

12. 07. 2007

 

17.54 Uhr 

 

Aus einem Peking-email des Physiker Rainer Grubers auf die Fritzpunkt-Frage, was er vom Entweder-Oder , dem zentralen Thema des Septemberprojekts, halte:

"Und was hat es nun also mit dem Entweder-Oder auf sich??
Diesem meinem Handicap, da ich doch denke: Kapitalismus, das meint "ich ODER Du", und Sozialismus, das meint "Ich UND Du", und meine Sympathie fuer Letzteres liegt so offen und in meinen Gehirnwindungen denkt es: beide sind unvereinbar.
Und faellt damit dem ODER des Ausschlusses anheim,
und bin gebeutelt, weil ich doch in meiner Seele diese Ausschliesslichkeit zutiefst ablehne und dennoch den Ausweg des DengTsiaoPing, der sagt, bei Nacht sind alle Katzen grau, und der - in der Interpretation meiner Gespraechspartner - sagt, es muss reiche Leute geben, weil nur sie den Armen helfen koennen (gelobt sei unser Franz-Josef-Strauss, der das wohl abgekupfert hat oder DengTsiaoPing von ihm) fuer eine grosse Illusion halte.

Also: das Entweder Oder.
Oder anders ausgedrueckt: Tertium non datur,
ein Drittes gibt es nicht, das zentrale Element der in Europa entwickelten Logik, die sich in unserem Alltagsdenken festgenistet hat, sei es in der schwarzen Paedagogik (entweder du parierst oder es setzt Hiebe) oder in der oekonomischen Verfasstheit des Kapitalismus (ENTWEDER du entlaesst 6000 Arbeiter - und erhoehst so deine Konkurrenzfaehigkeit und ueberlebst) ODER du bist die laengste Zeit Kapitalist gewesen (weil du von der Konkurrenz geschluckt oder in den Konkurs gebracht wirst), eine Logik, der sich auch der wohlmeinendste und humanste Kapitalist nicht entziehen kann, weil sie im Gewand der oekonomischen Gesetzmaessigkeit daherkommt), und wem der Kapitalismus zum unumstoesslichen Hoehepunkt der menschlichen Entwicklung geworden ist, dem erscheint diese Logik gar als Naturnotwendigkeit.

Mathematisch gesehen aber ist diese Logik
eine Boole´sche Algebra 2. Ordnung,
ziemlich einfaeltig, und technisch sehr wirksam.
Sie prozediert ueber das Prinzip, den Widerspruch auszuschliessen, waehrend beispielsweise die Dialektik den Widerspruch als das jede Entwicklung treibende, dynamische Element begreift, das auch fuer unser Leben von zentraler Bedeutung ist.

Oder(und), wie meine geliebte und mir nun so weit entschwundene Ute formulierte: "das Gegenteil ist auch falsch". Was also gleichzeitig sowohl das Konstrukt eines vom Widerspruch losgeloesten Gegenteils als auch die Kategorie von richtig und falsch auf die Hoerner nimmt.

Und tatsaechlich hat Goedel - Anfang der 30er Jahre - gezeigt, dass in jeder Art logischem System, das Elemente der Arithmetik enthaelt, Saetze existieren, die in diesem System nicht "bewiesen" werden koennen, weil naemlich SOWOHL SIE ALS AUCH IHR GEGENTEIL als richtig "bewiesen" werden koennen.

Und dass in einem solchen logischen System, sobald es als vollstaendig angesehen wird, seine Widerspruchsfreiheit nicht bewiesen werden kann.

Mathematisch gesehen ist das der Zusammenbruch
der Selbstkonsistenz dieser Arten von Logik, ein Stachel im Fleisch der Mathematiker, mit dem sie allerdings zu leben gelernt haben - heilfroh, dass in diesem auf Widerspruchsfreiheit basierendem logischen System seither nicht noch mehr Widersprueche hinzugekommen sind.

In der Praxis allerdings entscheiden wir mit jeder Aktion dass wir DIES tun und NICHT DAS, sind wir also - scheinbar oder tatsaechlich? - vor die Wahl gestellt: entweder-oder.

Das heisst: was wir vermeiden wollen, holt uns ein.

Mir faellt allerdings auf, dass die Chinesen anders Auto fahren. Wo ein Europaeer mit seinem Auto vor einem herankommenden Auto noch schnell nach links einbiegen will und dazu BESCHLEUNIGT, um sozusagen seinen Arsch zu retten, biegen die Chinesen in die Fahrspur des entgegenkommenden Fahrzeugs und VERLANGSAMEN, schieben sich immer weiter langsam in die Spur des nahenden Autos, sagen quasi sanft andauernd: ich komme, ich komme, ich komme... und tatsaechlich: jeder Teilnehmer am chinesischen Verkehr ist auf diese Art des verlangsamenden Ankuendigens der eigenen Absicht eingestellt und verlangsamt ebenfalls und weicht in diese oder jene Richtung aus und oft entscheidet sich erst im letzten Moment, wenn der aeusserste Punkt der Verlangsamung erreicht ist, wer sich durchsetzt.

Ein Europaer jedenfalls muss umdenken, und ganz im Sinne von Francois Julien, lernen, was EUROPAEISCH ist an diesem seinem Herangehen an die Dinge.

Und so scheint mir, dass das Entweder Oder bei den Chinesen keinen bedeutenden Stellenwert hat, aber das zu behaupten, bin ich noch nicht weit genug eingedrungen in dieses Denken, obwohl mir Marcel Granets Buch ´Das chinesische Denken´ Schuebe von gluecklichen Aha-Einsichten beschert.

Ich also halte das Entweder-Oder fuer eine der ungluecklichsten Entwicklungen der europaeischen Geschichte, und natuerlicherweise ist eine unheilvolle Verbindung mit den Sanktionsmechanismen der
Buchreligionen erwachsen (entweder du verhaeltst dich wie ein guter Christ oder die Hoelle ist dir gewiss, und aus der Sicht der anderen bist du ein Giaur und verdienst auch nichts besseres, oje).

Und auch im "wissenschaftlichen Sozialismus", sobald ihm die Faehigkeit zum dialektischen Denken abhanden kam, kam das "Entweder Oder" zu Amt und Wuerden und erfand seinen Gulag, und das Gegenstueck, die Konzentrationslager der Faschisten, ist nach Horkheimer und Adorno (1944 im Exil) lediglich die Zuspitzung des achtlosen Umgangs mit dem ANDEREN, wie das der Identitaetsphilosophie, also dem europaeischen Kulturgut, so tief eingeschrieben ist. Das zum Subjekt geschrumpfte Ich, das sich die zum Objekt geronnene Umwelt mit einem Netz der Begrifflichkeit zurechtschneidet, wobei nach Adorno dem Begriff zu eigen zu sein scheint (der spaete Wittgenstein hat das anders gesehen), dass er sein "anderes" systematisch abschneidet, und nach Adorno und Horkheimer hat dieser achtlose (nichtdialektische) Umgang mit dem Anderen seine wesensmaessige Zuspitzung in der Aussonderung der Zigeuner, Homosexuellen und Juden in die KZ`s, wonach also das Entweder-Oder als Hoehepunkt der europaeischen Kultur eine beachtliche Blutspur hinter sich her zieht (und die KZ`s keineswegs wie eine Pest die europaeische Kultur von aussen befallen haetten).

Vorgestern hat Wang Li bei der Feier des 86. Gruendungstags der KPCh (1921!) ein Lied gesungen
"Wo ai ni, Zhong-guo", Ich liebe dich, China, und ich liebe China auch und wir werden, ob wir wollen oder nicht, Zeitzeugen sein, wie sich das polit-oekonomisch mit dem Entweder-Oder und seinen Alternativen verhaelt, und hinterher werden wir wieder behaupten,
recht gehabt zu haben."

 

16. 07. 2007

 

17.36 Uhr 

 


Für den Unterschied, der nicht verschieden wird
im September (und auch sonst nicht):
Die Körper in diesem riesigen Textgelände sollen sich der dortigen künstlichen Natur gemäß verhalten. Resultat: die ganze Körperhandlung als einzige große Raum-Improvisation.


 

20. 07. 2007

 

19.49 Uhr 

 

Der Untertitel Eine Haltlosigkeit setzt sich gegen
Mitbewerber wie "Im Stellungskrieg der Zuschaukunst",
"Im Stellungskrieg der Mehrdeutigkeiten", "Im Stellungskrieg der Wahl der Mittel", "Eine Verschleppung", "Ein Entkommwunsch", "Eine Aufhebung" oder ganz einfach "Eine komplizierte Liebesgeschichte" durch. Mann bemerke die Häufigkeit der Kriegs-Nennung, was nach Tribunal-(2005), Lager-(2005) und Manöver-(2006)Projekt nur folgerichtig gewesen wäre. Aber ist Krieg nicht als Haltlosigkeit zu umschreiben, oder zumindest eine solche produzierend? Nun also:

Der Unterschied wird nicht verschieden
Eine Haltlosigkeit