03. 06. 2004
23.17 Uhr
Fritz anwenden (Versuch 6)
Thema:
Die Verurteilung der Verfolgten: Eine Verstrickung.
Einen Strick drehen, eine Grube graben, in eine Falle locken...
Der Versuch hat drei Ebenen: Zu Beginn stumme Körperarbeit (Imitation von Körperhaltungen der anderen Fritzpunkte, Still-Bilder), dann parallele Privatgespräche an drei verschiedenen Tischen mit dem Publikum (individuelle Erzählungen, Fragen zum Verstricktsein zB. "Wie mache ich aus dem mir zugedachten Strick die Strickleiter nach oben?"/ Schlepperwesen / Verlust von Übersichtlichkeit), durchsetzt mit improvisiertem, musikalisch strukturiertem Chortext (S.317) und gelesenem Text (S.310-319).
Durch den stummen Beginn erhöhte Konzentration während des ganzen Verlaufs.
Interessant ist für den Machenden das Problem der Instrumentalisierung des Publikums in den (ja nur scheinbar) privaten Gesprächen an wechselnden Tischen. Obwohl diese Gespräche ja vollkommen improvisierten Charakter haben, bleiben sie im Gesamtsetting doch "gestellt". Sind sie damit aber schon Darstellung?
12. 06. 2004
18.42 Uhr
Die in seltsame Nähe gerückte Büste von Iwan Franko vor dem Haus Postgasse 8 . Marianne Fritz bezieht sich in ihrer Arbeit immer wieder auf dessen dramatische Arbeiten.
17. 06. 2004
21.47 Uhr
Fritz anwenden (Versuch 7)
Thema: Das Publikum (als Urwähler)
oder: Wer instrumentalisiert hier wen?
"... und ausnahmslos alle halten sich fest an der Regel, die in der Regel zu beobachten die Augen empfehlen, die Ohren und die Erfahrung, niemals da unterschieden, das kommt ihnen weniger schlimm vor, als einmal den Unterschied gesucht zu haben, der dann nicht gefunden worden ist"
Der gesamte Raum ist kreuz und quer mit etwa 60 Stühlen vollgestellt. Auf jedem Sessel liegt der Text von Alfabet als Urwähler (S.280-288) und von den 11 Flüchen und 10 Nüssen des Landes (S.212-216).
Während das Publikum eintrifft, liest jeder Fritzpunkt leise vor sich hin die Texte. Das Publikum fällt ins Lesen mit ein. Nach Abschluss des Lesens versetztes Aufstehen und stetes Bewegen der Fritzpunkte durch den Fortbewegung nahezu unmöglich machenden Raum. Während dieser verschieden strukturierten Fortbewegung wird der Text von Herrchen und Herr (S.16-19) in verteilten Segmenten zusammengesetzt. Am Ende verlassen alle Fritzpunkte den Raum über die Fensterbrüstungen und die Balkontür und setzen vom Balkon aus in Richtung Rauminneres zur " Publikumsbeschimpfung" an:
Balkontext 1:
"Sehen Sie. Schon sind Sie drinnen. Im Raum. Ich bin draussen und endlich gibt es eine anständige Distanz, Sie fühlen sich nicht instrumentalisiert, "is ja alles nur Theater", wenns nur wahr wäre. Das Theater? Die Distanz gibt jetzt die Gelegenheit der, ja, der Distanznahme. Zum eigenen Tun. Zum Theater also. In das Sie ja involviert sind. Zwangsläufig. So wie Sie da sitzen. Sie haben sich da so hingesetzt. Es gab ja genug Sitze. So wie im Theater sonst auch. Vielleicht mit dem Unterschied, dass diese Sitze sonst nummeriert sind. Und meistens auch etwas kosten. Sie sitzen also aus freien Stücken auf einem von Ihnen ausgesuchten Sessel. Bei "freiem Eintritt". Was auch immer das heissen mag. Jetzt ist also die übliche Theaterdistanz einigermassen wiederhergestellt. Nein, nicht die Distanz zum Theater. Obwohl. Eine gewisse Reserviertheit diesem Genre gegenüber würde Ihnen nicht schaden. Sie würden sich dann nicht so leicht in die Falle locken lassen. Ja. Sie nehmen doch alles ernst, was im Theater geschieht. Was auch immer gerade gespielt wird. Sie sind ja hingegangen und haben sich auf etwas eingelassen, das eine gewisse räumliche Distanz braucht, damit die innere Distanz dazu aufgegeben werden kann. Ja, geradezu weggeworfen werden kann. Mehr Distanz für mehr Distanzlosigkeit! Mehr Distanz für mehr Distanzlosigkeit! Ja, Sie setzen das Theater ganz schön unter Druck. Über die gesamte Distanz der sogenannten Vorführung. Die Renndistanz. Ich frage mich schon, wer hier eigentlich wen instrumentalisiert. Das Theater ruft, Sie kommen. Das Theater soll Ihnen die innere Distanz zum Gezeigten weggnehmen, aber selbst bitte immer schön auf Distanz bleiben. Armes Theater! Liefern darf es, aber, bitte schön, nicht zu nahe auf den Pelz rücken. Behaupten Sie jetzt nicht, dass die äussere Distanz die Reflexion fördert. Sie benutzen sie doch nur, um dem Theater unter den Rock zu linsen. In seinen Eingeweiden zu stirln. Nicht um Vorhersagen zu treffen, nein, um sich in der eigenen Innerei zu suhlen. Pfui! Da muss das Theater ja auf Distanz gehen. Auf innere Distanz zu Ihrem Verhalten. Und eben zwangsläufig, will es nicht instrumentalisiert werden, die räumliche Distanz verkleinern. Damit Ihre Distanz zum Theater wieder grösser wird. Und Sie sich nicht so latent süchtig instrumentalisieren lassen. Wir arbeiten da grad dran. Werden Sie sicher schon bemerkt haben. Aber Sie machen es dem Theater schwer. Sehr schwer. Sie können sich einfach nicht entscheiden, Distanz zu nehmen, wenn das Theater Ihnen auf den Pelz rückt. Sie fühlen sich immer gleich so angegangen und in ihrer Vorgestimmtheit auf innere Vorgänge abgelenkt. Warum glauben Sie eigentlich, dass ich mit Ihnen rede, wenn ich mit Ihnen an einem Tisch sitze und darüber spreche, wie unübersichtlich für mich, das Theater, alles geworden ist? Sie sollen ja nur zuhören! Sie sind ja im Theater! Im Theater auf kurze Distanz. Und Sie wollen immer mehr Distanz für mehr Distanzlosigkeit! Sie zwingen mich ja zurück ins 18. Jahrhundert! In eine grosse Distanz von hier. Warum hat das Theater bloss immer nur das Publikum, das es verdient... Weil es eben das Publikum nicht anständig instrumentalisiert. Könnten wir Sie voll und ganz instrumentalisieren, wäre das Theater auf der Höhe seiner Zeit. Vollkommen distanzlos. Aber dafür gibt es eben keine Ausbildungsstätten, zumindest keine, die sich um die Instrumentalisierung auf dem Theater kümmern. Ja, jetzt versteh ich, sie wollen hier entkommen. Eskapismus, der reinste Eskapismus. Weil Sie glauben, dass Sie anderswo instrumentalisiert werden, kommen Sie ins Theater als einem der letzten Horte des Freiraums, eben der Distanz. Aber daran glauben Sie ja selbst nicht, sonst würden Sie doch nicht dem Theater beständig unter den Rock linsen, in seinen.... Sie wissen schon. Also, irgendetwas läuft hier im Theater grundfalsch. Und ich neige, immer distanzloser, zur Annahme, dass Sie, verehrtes Publikum, einfach noch nicht begriffen haben, was das arme Theater braucht. Es braucht, nein, keine Distanz, nein, es braucht die vollkommene, allumfassende, jede Faser betreffende Vereinnahmung durch Sie, denn nur dann haben Sie die nötige Distanz zum Theater. Und das nächste Mal überlegen Sie es sich gründlich, ob sie überhaupt ins Theater gehen. Ein bisschen mehr Distanz zum Theater, wenn ich bitten darf!
Balkontext 2:
Sie glauben doch nicht wirklich, daß es hier nicht um Sie geht! Sie denken vielleicht, ich kümmere mich nicht um Sie? Oder ich kümmere mich zu viel um Sie. Ich soll Sie doch endlich in Ruh` lassen. Aber so einfach geht das ja nicht. Ich kann mich nicht einfach nicht um Sie kümmern. Um Sie persönlich kümmere ich mich eh nicht so sehr. Aber um Sie in Ihrer Situation. Aber nein, Ihre Situation kann ich ja auch gar nicht begreifen. Sie und Ihre Position, das ist es, was mich bewegt. Ja, ja die Position. Und Sie haben eine. Das können Sie gar nicht leugnen. Ob Sie wollen oder nicht, Sie haben eine Position. Natürlich können Sie die verändern. Aber tut das jetzt etwas zur Sache? Bleiben Sie doch einfach einmal dort, wo Sie gerade sind. Ich bleibe ja auch da, wo ich gerade bin. Auch ich könnte meine Position verändern. Aber das macht die Sache nicht einfacher, auch nicht komplizierter, nur unnötig unscharf. Wobei unscharf nicht das richtige Wort ist. Es wäre eine Veränderung um der Veränderung willen ohne daß wir es vorher auf den Punkt gebracht haben, um was es eigentlich geht. Nämlich um Sie, Sie in Ihrer Position und um mich, die ich auch eine solche innehabe. Also bleiben wir einmal bei der Position. Wir und unsere Position. Meine unterscheidet sich von der Ihrigen. Das ist notwendig. Stellen Sie sich vor, wir hätten dieselbe. Schon allein räumlich gedacht wird das sehr eng. Außer ich würde auch wechseln, aber das habe ich gar nicht vor. Den ganzen Weg wieder zurück, das gäbe überhaupt keinen Sinn. Also bleibe ich hier und bitte Sie, das ebenfalls zu tun, nämlich an Ort und Stelle zu bleiben. Allerdings möchte ich Sie nicht hindern, der Kollegin, dem Kollegen zuzuhören, die ja auch Ihre Position behaupten. Ich verspreche, ich werde vorläufig noch da bleiben, wo ich bin. Ich kann ja auch einfach so weiter reden. Meine Worte werden dann verhallen, möglicherweise wird niemand mehr zuhören, aber hören werden meine Stimme dann doch alle, außer ich rede zu leise. Aber ich kann Ihnen dann nicht weiter ausführen, um was es eigentlich geht. Es schaut ja so aus, als ob es nur mir um etwas geht, weil ich Sie ja gar nicht zu Wort kommen lasse, aber ich möchte einmal meine Position behaupten und Sie, Sie können dann später antworten, vielleicht, wenn noch Zeit bleibt, aber für unser Szenario, und in einem solchen befinden wir uns hier ja, ist es wesentlich, daß ich mit Ihnen spreche, dass wir räumlich getrennt sind und uns in unserer Position deutlich voneinander unterscheiden. In der Sprache vermutlich weniger, weil, wie Sie vermuten, habe ich diesen Text, und um einen Text handelt es sich bei dem, was ich von mir gebe, also ich habe diesen Text nicht auswendig gelernt. Also würden Sie, wenn Sie hier sprechen würden, vielleicht eine ähnliche Wortwahl treffen, aber Sie würden dann von Ihrer Sichtweise und Ihrer Position, sprechen. Obwohl ich zugeben muss, daß ich, obzwar ich mit Ihnen spreche, und in diesem Moment, wo ich mit Ihnen spreche auch Sie meine, nur Sie, die Sie mir jetzt zuhören, aber es könnte ja auch wer anderer an Ihrer Stelle sitzen und ich muß gestehen, dass ich auch mit dieser anderen Person so sprechen würde, auch diese Person würde ich meinen, vielleicht würde ich ein bißchen lauter reden, oder leiser, aber im Grund genommen muß ich Ihnen leider mitteilen, daß Sie austauschbar sind, nehmen Sie es bitte nicht persönlich, es geht ja nicht um Sie als Person, sondern sehen Sie es mehr von außen, oder von oben, ich könnte natürlich auch behaupten, daß ich austauschbar bin, was wiederum stimmt, aber dann doch nicht ganz stimmt, oje, Sie bringen mich jetzt in ein Dilemma, weil ich ja gerade behaupten muß, daß Sie, nun ja austauschbar, eben nicht persönlich, aber Éich bin es ja auch. Zumindest, wenn ich wiederum zur Position zurückkehre, in der ich mich befinde, ich kann ohne weiters den Platz mit meiner Kollegin tauschen, was relativ wenig im Gesamtszenario verändert, obwohl es für Sie persönlich vermutlich doch etwas Einschneidendes bedeutet, wenn ich nun verschwinde und mich einem anderen Menschen zuwende, obwohl ich dieses Abwenden natürlich mehr oder weniger freundlich gestalten kann, ich könnte mich nun quasi verabschieden von Ihnen, oder Ihnen erklären, was ich vorhabe, aber das würde nur von der Tatsache ablenken, daß ich meinen Platz verändern kann, ohne daß das Gesamszenario sich wesentlich verändert, also wäre es fast höflicher, wenn das überhaupt eine Kategorie ist, die hier eine Gültigkeit hat, mich abrupt abzuwenden und meine Rede an einem anderen Ort fortzusetzen. Wobei es Ihnen natürlich frei steht, mir zu folgen, weiterhin zu beobachten, was ich tue, mir zuzuhören, wir könnten weiter in diesem Kontakt bleiben, ich spreche mit Ihnen und Sie hören mir zu, was aber über unsere Position immer noch nicht sehr viel aussagt. Oder doch, ich könnte nun behaupten, daß wir durch dieses Manöver überhaupt nichts erfahren haben über unser Thema, daß wir es gar nicht erst angegangen sind, daß wir uns darum herumgewunden haben..
Balkontext 3:
Sehen Sie sich dieses scheinbar so einfache Formenspiel an. Richtig - die Dame mit dem blauen Pullover spürt ganz deutlich die Gefahr, die in der Luft liegt. Instinkte werden hier angesprochen, die nicht übergangslos abreagiert werden können. Spüren sie, wie sich Ihre Leber in sich zusammenzieht? "Warum beende ich diese Belästigung nicht?" Schon schnappt die Falle zu. Kleine, aber sich häufende Kälteschauer laufen über den Rücken. Der Atem hat sich aus seiner Selbstverständlichkeit gelöst. Er bräuchte eine breitere Nase für seinen Fluss. Schnauben sollte man können, in der grossen anonymen Masse der Leiber verschwimmen dürfen. Welche Fantasie liesse sich daraus entwickeln! Revolutionen könnten den schützenden Schatten ihrer Inhalte leihen und die skandierten Atemgeräusche Worte gebären, deren Gefühlswelt weitgehend unbekannt noch ist. Musik weht uns an. Es zuckt in den Gliedern und das Ohr weiss sich gehört. Schnalzen und Wippen und Federn und schon versinken die Störungen rundum.
(Radetzkymarsch)
Hochkonzentriert gestaltet sich das Gefühl. Wir haben es wachgerüttelt.
So ernst nehme ich meine Verantwortung Ihnen gegenüber, dass ich zutiefst erschrocken diesen Film anhalte. Um aller Güte willen, wohin haben wir uns wegreissen lassen! Wir haben Gottlob noch unseren kultivierten Boden, die gepflegte Vereinzelung, als transparente Atmosphäre. Die Aura des Individuums erlaubt eine nahe Distanz und eine distanzierte Nähe.
Wir versuchen, unsere Augen auf Weitwinkelart einzustellen. Wir spüren, wie sich von der Schläfe abwärts, links und rechts, eine warm abwärts- fliessende Linie entwickelt, sie gleitet seitwärts am Hals herab und breitet sich über die Schultern, Oberarme, Ellenbogen, Unterarme, das Handgelenk, in die Fingerkuppen aus. Die Arme lösen sich in Wohlgefallen aus ihren zuvor entstandenen Haltungen und das kaum mehr erhoffte Wohlgefühl lässt dem Denken keinen Raum. Nur nicht denken, der Körper will seine Wichtigkeit ohne logische Schlüsse ziehen dürfen.
Schlafen, vielleicht auch träumen, ja, da liegts.
Schon wieder haben wir die Chance verspielt, miteinander im Theater, oder was immer, zu sein. Sie sind doch die Mächtigen, die mich am Faden führen. Was mach ich nicht alles, um von Ihnen akzeptiert zu werden. Von "mögen" kann ich nur träumen. Ich verkleide mich ....... etc. , ich entspanne mich, ich verkrampfe mich, ich bin doch nur wie Ihr "ein Mensch, ich brauche Freunde", sagt Richard II, oder sagt es Shakespeare, oder der Schauspieler Schmidinger....