03. 05. 2009
20.20 Uhr
Aus einem dem Fritzpunkt von Physiker Rainer Gruber zugesandten Mail, vielleicht für mehr als nur für uns bestimmt:
"eine Minderheit...
sich tollkühn erdreistet,
ein ökonomisches System, das kapitalistische...
mit dem tatsächlichen Menschen...
zur ZUSAMMENSCHAU zu zwingen,
woran ICH nun emsig und immer emsiger sitze, ist:
die Belege zu festigen, daß die europäisch-rationale Denkweise,
also die Abstraktheit, die mein Herzblut ist,
meine Leidenschaft für Theoretische Physik,
sei es Quantenfeldtheorie oder Kosmologie,
daß diese abstrakte Denkweise gerade in ihrer spezifischen Abstraktheit
nicht einem metaphysischen Apriori entspringt,
sondern ÖKONOMISCHEN Ursprungs ist.
Und zwar aus der TAUSCHABSTRAKTION resultiert,
die sich hinter dem Rücken der Tauschenden ausbildet und deren Kategorien sich in den Köpfen der Menschen DANN wiederfinden,
wenn sie als ihre Gewohnheit angenommen haben,
die Dinge des täglichen Lebens nicht mehr als Gebrauchswerte sondern als Tauschwerte, für den Markt, zu produzieren; wenn dieser Tausch also die Synthesis der Gesellschaft bewerkstelligt, in der sich die solipsistischen Privatbesitzer -
"mein und nicht dein" als Voraussetzung des Tausches
und der warenproduzierenden Gesellschaften -
als gesellschaftliche Wesen treffen.
Dieser geschichtliche Zeitpunkt ist gekennzeichnet durch zwei Ereignisse:
das Auftauchen des ersten gemünzten Geldes,
im 7. Jahrhundert v.u.Z. im ionischen Kleinasien,
Und, wer hätte das gedacht,
das Auftreten der Vorsokratiker auf der europäischen Bühne - erste Vorboten der europäisch-rationalen Philosophie, die sich einer spezifischen Abstraktheit verschrieben haben, der ABSTRAKTEN Zeit, dem ABSTRAKTEN Raum und der abstrakten Trennung der Welt in Subjekte und Objekte.
Die abstrakte Denkweise der Physik, die mein Herzblut ausmacht, also einer gemeinsamen Wurzel mit dem Geld entstammend: wie dieses
GLEICH GÜLTIG auf alles anwendbar und GLEICHGÜLTIG gegenüber allem, das es sich untertan macht.Und die Kategorien dieses Denkens der Tauschabstraktion entstammend, in all ihrer Abstraktheit doch auf dem Markt eingeübt.
Und wenn nun also Marianne, diese Festung,
eine Schießscharte eröffnet gegen eine Minderheit,
die sich tollkühn erdreistet, ein ökonomisches System,
das kapitalistische, mit dem tatsächlichen Menschen in seiner Mehrdeutigkeit, seiner Vielfalt und kreatürlichen Verletzlichkeit zur ZUSAMMENSCHAU zu zwingen,
so fühle ich mich betroffen,
zu Recht, denn dieses Denken Sohn-Rethels (und meines)
das den Kulminationspunkt der europäischen Kultur,
ihre abstrakt-logische Ansehensweise der Welt,
mit dem niederen, stinkenden Geld in eine Verbindung
genetischer Art bringt, zur Zusammenschau zwingt,
repräsentiert nichts als eine MINDERHEIT
und bin doch nicht gemeint,
denn Marianne Fritz meint
die kapitalistische Wirklichkeit als solche,
wie sie uns erscheint,
mit ihren Börsenspekulanten und Immobilienhaien
und ihren flankierenden Rittern der traurigsten Gestalt,
der rechtlich-ideologischen Abfederungsmaßnahmen.
"Zur Zusammenschau zu bringen", sagt Marianne Fritz,
"um sie zu entzweien".
Einesteils: richtig!
als ob das kapitalistische System unsere Embryonalhaut wäre, durch die wir in ewiger Konkurrenz
jedes isoliert als stolzes Individuum gegen jedes andere
nie eine andere Möglichkeit hätten als die der Entzweiung,
die uns gegenüber den unverfrorenen Anliegen
und bitteren Umständen der Mehrwertaneignung
so herrlich wehrlos macht
und doch ebenso falsch!
denn dieser Solipsismus gehört zur VORAUSSETZUNG des Kapitalismus,
und nicht zu seinem Resultat.
Diese Entzweiung ist schon im Mein und nicht Dein angelegt, das den gesellschaftlichen Austausch regelt auf der existentiellen Ebene, auf der
das Brot, das Einer isst,
den Anderen nicht satt macht,
(wie Sohn-Rethel formulierte).
Und dieser Grundsachverhalt findet sich tief eingeprägt in das kulturell hochqualifizierte Denken des europäisierten Menschen,
über Kant einbetoniert
in die Hirne hunderttausender Gymnasiasten,
die nicht unbedingt und per se
etwas mit dem Kapitalismus zu tun haben wollen.
Ach Ihr Lieben,
der Kopf ist rund, damit
das Denken die Richtung wechseln kann
(war das Duchamps? nein, mein Gedächtnis
hat die Attraktivität eines schwarzen Loches):
auf dass Marianne Fritz nicht zur Festung werde, sondern
die Festung ihr Projekt.
Und was, Ihr Lieben, hat es mit Eurem wachsenden Unmut
über "einige Ausformungen" des "allseits beliebten zeitgenössischen Musiktheaters" auf sich?"...
11. 05. 2009
20.03 Uhr
Heute versandtes mail für Die Festung - Teil 4a:
Das Büro für theatralische Sofortmaßnahmen läßt nichts aus:
Die Partitur zur Krise
Ein Musiktheaterkollaps
Auf seiner Reise durch das Gesamtwerk der österreichischen Autorin Marianne Fritz hält das Theaterkollektiv Fritzpunkt mit seinem Projekt Die Festung mittlerweile bei Teil 4, der dem Roman Naturgemäß I und unveröffentlichten Texten aus dem Nachlass von Marianne Fritz gewidmet ist. Luzide kapitalismuskritische Essays aus den Jahren 1994 und 2005 erlauben dem Fritzpunkt ein derart aktuelles Statement, daß es ihm selbst nicht mehr geheuer ist. Der medial allgegenwärtige Krisenwahn provoziert jedenfalls bei uns eine musiktheatralische Widerrede, polemische Aufschwünge und inständiges Kollabieren, immer dem eigenen Hang zum Überflüssigen verpflichtet. Resultat ist ein auf höchst gefährdetem Können beruhender Musiktheaterkollaps in der Krise. Diese erheiternde Versuchsanordnung kann naturgemäß auch von Ihrem Unternehmen zu vorteilhaften Konditionen gebucht werden. Die Opferbereitschaft Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird durch den Drahtseil-Charakter unseres Kollapses, hochgefährdet 5 Zentimeter über dem Erdboden, enorm gefördert. Damit uns das Lachen garantiert im Halse stecken bleibt, wird die von einem Kamera-Sänger erstellte Video-Dokumentation gleich an Ort und Stelle in den Musiktheaterkollaps integriert. Ein Dirigent, drei teilweise singende Sprecherinnen und Sprecher und ein Chor geben ihr Bestes. In jedem Fall freut sich der Fritzpunkt auf Ihren Besuch, wie krisenresistent Sie auch immer sein mögen.
"Wer gegen totalitäre Ansätze, Rutschbahnen, wer gegen diktatorische Vollkommenheitsgebote, wer gegen Effizienzgott anbetende Apostel allergisch ist, ich bin das zweifellos, wird zwangsläufig so nebenbei vollkommen "vergessen", was ich nicht vergessen "sollte". Ökonomische Zwänge haben mit Bücherverbrennungen etwas gemein: Eingriff in die Wirkungsgeschichte von Menschen, die scheinbar mit "Kunst" nichts, aber auch gar nichts gemein haben müssen. Eingriffe katastrophaler "Natur"." (Marianne Fritz 2005)
Texte: Marianne Fritz, Deutsche Bank Stiftung,
Wiener Staatsoper
Mitwirkende: Fred Büchel, Susanne Hahnl, Anne Mertin, Ingomar Rainer und Gen Seto
Samstag, 6. Juni 2009, 20.00 Uhr
im Depot
Breite Gasse 3
1070 Wien
Eine Kooperation mit der Universität für Musik und darstellende Kunst im Rahmen des Projekts "Zwischen Bearbeitung und Recycling" (Ingomar Rainer, Dieter Torkewitz und Thomas Desi)
Eintritt frei
Limitierte Platzanzahl
Um Reservierung wird gebeten unter
+43 (0)699 11685616
buero@fritzpunkt.at
Fritzpunkt
Büro für theatralische Sofortmaßnahmen
Ein Konzept des Stadt Theater Wien
Die Partitur zur Krise
Ein Musiktheaterkollaps
Die Festung - Teil 4a
Fritzpunkt wird gefördert von der MA7 Kultur
der Stadt Wien
12. 05. 2009
18.34 Uhr
Anläßlich eines Besuches in der Wiener Theaterwissenschaft: Kampf dem Erinnerungsprotokoll, eine Performance für hunderte Theaterwissenschaftlerinnen und Theaterwissenschaftler, die einigen wenigen Schauspielern bis zu deren Zusammenbruch die Protokolle anderer Aufführungen quasi als direkte Textinfusion verabreichen. Die Schauspieler werden bis zum völligen Kollaps angehalten, die Texte zu sprechen und mit entsprechenden oder gegenläufigen Handlungen zu versehen.
16. 05. 2009
19.39 Uhr
Entwurf eines dreiwöchigen Projekts für ein Theaterwissenschaftsinstitut Ihrer Wahl unter dem Titel Blanko. Näheres auf Anfrage.
19. 05. 2009
16.54 Uhr
Zwei Frauen im Depot
26. 05. 2009
19.48 Uhr
An der Wiener Angewandten ein Round-Table-Gespräch zu "Kunst, Kultur und Krise", das wir im Hinblick auf unsere Partitur zur Krise am 6. Juni naturgemäß besuchen: Fetzen wie "zum immanenenten produktiven Witz anhalten", "die glücklichen Fälle, in denen das System selbstbezüglich wird", "ins Mitleid integriert" und "Kunstbegriff perforieren" bleiben hängen.