01. 05. 2004
10.54 Uhr
Fritzpunkt sucht für seine Versuche Gäste,
die bereit sind, sich zu ihrem Fachgebiet öffentlich interviewen zu lassen. Theaterberufsdienst.
06. 05. 2004
22.03 Uhr
Fritz anwenden (Versuch 4)
Eine Parallelaktion in drei Strängen zum Thema
Das Netz :
Ein Chat mit den Zuschauern und einem Fritzpunkt hinter einer Maske,
Ein Interview mit Ing. Franz Hahnl über die technischen Grundlagen des Internet mit dem zweiten Fritzpunkt und
Eine Fritz-Text-Tankstelle in einer Hörkiste für einen einzelnen Zuschauer mit dem dritten Fritzpunkt.
Im Verlauf des Versuchs betreiben alle drei Fritzpunkte jeweils einmal jede Station. Die Stationswechsel sowie der Auftritt zu Beginn des Versuchs werden mit drei selbstverfassten Texten markiert, die bei jedem Wechsel mehr ineinandergeschoben werden.
22.04 Uhr
Chat -Text:
Es ist ein wirklich wichtiger Termin, an dem ich heute die Gelegenheit wahrnehme, miteinander einen Teil des Events zu bestreiten. Der Kommunikationszustand, der zwischen uns entstehen soll, ist ein demokratischer Akt. Ich will in der Gruppe der Besucherinnen und Besucher richtig untertauchen dürfen und die kleinen Sorgen und Freuden teilen. Weil ich aber doch kein(e) Besucher(in) bin und damit nicht zum Publikum gehöre, habe ich mir eine Maske vom Stadt Theater Wien ausgeborgt. Die kann auch von Ihnen benutzt werden. Ob sich unsere Sprache verändert, wenn wir einen anderen Kopf aufhaben oder nicht, wird sich weisen. Wichtig ist, daß zwischen uns ein Gespräch entsteht. Sie können die Stühle auch anders aufstellen, aber von ihrem Platz sollten sie nicht verrückt werden. Ich gehe davon aus, daß der Tisch, der fehlt, keine gröberen Probleme machen wird. Wenn ich mich darin täusche, ist es ein entsetzlicher Fehler, den ich mir nie verzeihen werde, weil er ja nicht ausgebessert werden kann. Ist es möglich, daß alles was ist, richtig ist? Rechtzeitig ausgesprochen gibt es keine bösen Überraschungen. Oder?
Interview -Text:
Dort drüben sitzt mein Vater. Aber das tut wenig zur Sache. In erster Linie ist er einer, der mehr weiß über viele Dinge als ich. Was nahe liegend ist. Es weiß immer jemand mehr oder etwas anderes als die anderen. Nun geht es aber nicht um irgendetwas, sondern um etwas sehr Spezielles. Etwas, was ein anderes Wissen voraussetzt, als ich habe. Ich möchte nun aber wissen, was er weiß. Ich könnte sogar sagen, ich bin brennend daran interessiert, was er weiß. Auch wenn ich weiß, ich werde von ihm nur sehr wenig lernen können. Ich werde ihn fragen, was er weiß. Aber ich werde nur das aufnehmen können, was ich irgendwie eh schon weiß. Wozu ich irgendwie auch schon eine Frage habe. Aber ich werde ihn trotzdem fragen. Auch Sie werden etwas aufnehmen können, von dem Sie noch nichts wissen. Oder vielleicht, vielleicht sehr viel wissen. Viel mehr als der Befragte. Aber vermutlich wissen Sie es anders. Und Sie werden die Fragen anders stellen wollen. Oder vielleicht werden Sie mir oder ihm die Antworten geben wollen. Aber ich stelle hier die Fragen. Denn darum geht es ja. Ich stelle Fragen und er, mein Vater, der eingeladen ist, hier Fragen zu beantworten, beantwortet sie. Wir besprechen hier ein Thema. Das uns interessiert. Mich ebenso, wie ihn. Sonst könnte ich ihn ja nicht befragen. Und er hätte nichts zu sagen. Und dass ich weniger weiß als er, ist Teil dieses Versuchs. Und Sie können hören. Uns zuhören. Aber bitte stellen Sie keine Fragen an mich oder an ihn. Stellen Sie Fragen an sich. Oder an andere. Aber bitte nicht an uns. Dieses Gespräch wird nicht aufgezeichnet. Das ist einmalig. Es wird sich so nicht mehr wiederholen. Wir sind hier an den Ort gebunden. Das heißt, ich bin an den Ort gebunden. Der Befragte weniger. Aber das ist sein Vorteil. Zumindest hier im Raum. Ich werde aber, da es hier nicht um die körperliche Mobilität geht, meinen Platz nicht verändern. Und habe meinen Vater ebenso darum gebeten, möglichst am selben Ort zu bleiben. Sonst würden Sie glauben, dass es um den Ort geht. Was wiederum stimmt. Um den geht es auch, aber vielleicht nicht so, wie Sie es vermuten. Der Ort sollte gleich bleiben. Für den Interviewten. Ich, die ich weniger weiß von seinem Fachgebiet, ich werde dann, wenn es Zeit ist, meinen Platz verändern. Ich werde gehen. Aber mein Platz wird nicht frei bleiben. Der wird von dem Kollegen, der Kollegin eingenommen werden. Und diese sind ähnlich unwissend, wie ich. Ähnlich aber doch anders unwissend. Deshalb werden sie in ihren Fragestellungen versuchen das einzuholen, was bisher schon gehört werden konnte. Sie werden zurückgehen müssen, weil auch sie nicht gehört haben, was wir bereits besprochen haben. Und sie werden vielleicht wieder von vorne anfangen. Sie werden den zu Interviewenden fragen, welche Fragen er bisher beantwortet hat Und er wird diese Fragen nochmals beantworten. Vermutlich wird es nicht ganz genau das gleiche sagen, was er mir gesagt hat. Er wird sich nicht wortwörtlich an das erinnern können, was er vorher, im ersten Gespräch genau gesagt hat. Außerdem hat er ja ein anderes Gegenüber. Dieses andere Gegenüber wird sich auf meinen Platz setzen. Sie als Anwesende und Zuhörende können ebenfalls Ihren Platz beibehalten. Sie können aber auch jeden anderen Platz einnehmen. Das tut nichts zur Sache. Zumindest zu unsere Sache. Und die liegt im Versuch eine externe Person zu befragen. Zum Thema. Das uns so brennend bewegt.
Fritz-Text-Tankstelle -Text:
Die Kiste. Die ist für Sie. Die Kiste. Für ihre Ohren. Die Kiste, die geht so: Sie setzen sich hinein. Einzeln, natürlich. Wenn Sie einmal drin sind, hören Sie einfach zu. Nichts weiter. Das wars auch schon. Das mit der Kiste. Ein Japaner hat uns drauf gebracht. Auf die Kiste. In der Kiste. War er. Während wir Texte von Marianne Fritz gelesen haben. Auf der Kiste. Danach erzählte er vom Wirrwarr des Gehörten, von der Klarheit, die im Stimmengewirr entsteht und von der Nützlichkeit der Müdigkeit für das Verständnis dieser Texte. Und von den Angriffen der Leute, die nicht verstanden, warum der Japaner in der Kiste sass. Klopften, trommelten, lachten, fragten sich. Warum wohl der Japaner in der Kiste. Jetzt ist die Kiste hier. In der Postgasse. Die japanische Hörkiste. Lachen Sie nicht. Das ist nicht zum lachen. Es ist alles ernst gemeint. In der Kiste. Sind sie ganz Ohr. Sie müssen sich nur hineinsetzen. In die Kiste.
22.05 Uhr
Marianne Fritz-Text für die Hörkiste:
Eismasse, mit Erinnerung mich / speisend / an Birnen und Pyramiden mit Kanten, die abgerundet / sind, während du selbst geworden bist Zerrinnendes, / ja! Gleichzeitig bist du geworden das Andere, als / meine Phantasie - / kein Wort / hält dich / zurück, wenigstens als / Erinnerung an / deine Form! / Auch versäumte ich dir / kühl / das Urteil verkünden, / sagen: an dir / entzündet / sich meine Phantasie nicht. / Selbst das, auch solche Eismasse war / in meiner Hand, / entzog sich. Auch hatte ich und das ist mein Sieg: / auch hatte ich dich / in meiner Hand, / Eismasse, mit Erinnerung mich / speisend / an die Grenzen meiner / Phantasie / und wie arm, wie / begrenzt ist sie. / Glichen diese unförmigen Eismassen nun / Bruchstücken? / Wenn ja, welchen? / Eismasse / in meiner Hand / gleichend einem / Bruchstück, / Worte für dich, die mir / bleiben, / wenn du zerronnen bist: / Gleichen Bruchstücke größerer / Körper von bestimmter, / ja gottverdammt! welcher? / Form. / Grüble, suche / und / stammle / und / ringe stumm / mit dieser / Eismasse, / entzünde / an ihrer / Form / die Phantasie! / Was dir abringen für eine / Erinnerung, / nichts bleibt / für / dich, / kein Wort / hält dich / zurück, wenigstens / als Zeichen, daß / du / und / aber! / Du warst doch! Ich hatte dich / in meiner Hand! / dich mit Worten / belegen, / Worte für dich, die bei mir / bleiben, / wenn du zerronnen bist:
Naturgemäß I, S.273-274
(kein Originalsatz!)
19. 05. 2004
22.57 Uhr
Theater mit Fritz: sich an die Gegenwart erinnern.
Kann man sich aus dem Stand an die Gegenwart erinnern? Beim Lesen geht das. Weil Lesen schon Verfremdung bedeutet, schon eine hermetische Welt ist.
20. 05. 2004
23.15 Uhr
Fritz anwenden (Versuch 5)
Eine strikte Lesung des Beginns des zweiten Bandes von Naturgemäß I (ab S.444). Zwei Reihen Sessel stehen in der Mitte des Raumes gegeneinander ausgerichtet, das Publikum sitzt sich also gegenüber. Hinter jeder Reihe je ein Lesender an einem Tisch. Die Texte verfolgen auf jeder Seite drei verschiedene Stränge von Erzählung, Gedicht, Anmerkung, Untertitel, Orts- und Zeitbestimmungen.
"Aber man soll mit der Grausamkeit nicht beginnen"
Trotz des -danach geäusserten- dringenden Wunsches, Fragen zu stellen, andere Teile des Publikums zu befragen, bleibt es still. Eine strikte Lesung eben.
27. 05. 2004
18.48 Uhr