01. 05. 2002
09.23 Uhr
"Die Flechten ernähren sich von den Felsen; deren
vom Regen ausgewaschenen steinigen Oberflächen entziehen sie ihre Nahrung. Wenn nach einem Vulkanausbruch alles Leben in einem Umkreis von Kilometern verschwunden ist, sind diese winzigen Organismen die ersten Lebensform, die wiederauftaucht und sich mit den Steinatomen und dem Regenwasser einzurichten weiß."
Hubert Reeves, Die kosmische Uhr
11.15 Uhr
S.70
"Das Glück auf dem Stein". Ein Dialog, er erinnert an Beckett. Schon auf S.12 "am 9.März hat Block-ad eine Zunge in den Eimer geworfen". Der Seher, die Pantomime und die Sprache begegnen einander.
13.20 Uhr
Die Fritz verlangt nach einem Beladenen, lässt die kleine Form nicht zu, dh. die Texte sind nur als Ganzes zu verwenden, zB. "Wo ist sie?" (S.21 - 72). Keine Textfizzelei. Zwang, Bilderreigen zu bauen. Keine kleinen (dantesken) Schlaglichter.
Ein schnell umdefinierbares System schaffen (vgl. Puppenspiel) auf Raumebene, Handlungsebene, Sprachebene.
"was-er-tat" als Ausdruck eines Zustands, eines Systems, das sich in der Krise befindet.
14.25 Uhr
Den Text von der Anatomie her begreifen:
Nervensystem / Blutgefässe / Knochen / Meridiane etc.
Und als zentralen Rückkehrpunkt / Relais die Zerstörungssequenz (S. 47)
Mental Mapping?
Grammatik
Bestehende Ordnungssysteme benutzen, ummodellieren. Wir brauchen ein provisorisches Referenzsystem, von dem aus wir überhaupt in Aktion kommen können (Haltung / Stadt umbenennen / Biologieanalogien).
Verzweifelte Rückgriffe auf nichteffektive Sicherheitssysteme: das geschieht den Figuren.
Wie kommt man zu seinem Namen?
04. 05. 2002
17.32 Uhr
Funktionsweisen der Wege im Text:
1.Weg:
Wie wirkt sich Macht aus?
Menschen und ihre durch Geschichte vordefinierten Verhältnisse. Alltäglichere Welt. Dialogisch, oral.
2. Weg:
Wie funktioniert Macht?
Prinzipien, die Herrschaftsverhalten aufzeigen.
Mythologische Ebene. Episch, schriftlich.
17.34 Uhr
1.Weg
S.73-111
Das grosse musikalische Lehrstück
Das Lied vom guten Holz
Ein fertiges Theater ?
18.02 Uhr
"Aussagen sind paradox, wenn sie sich als
wahr und falsch zugleich erweisen."
Ohne Vorurteil kein Paradoxon.
Etienne Klein, Gespräche mit der Sphinx
19.11 Uhr
Aufgabe ist die Konstruktion einer theatralischen Realität, die sich im Moment der Realisierung selbst auflöst (aufhebt). Das Anlegen verschiedener Realitäten hintereinander wäre eine blosse Notkonstruktion.
"Aufhebekunst" und Denktraining.
Immer an der Aufhebekunst scheitern: das eine und das andere darstellen, in der Mitte liegt die Lösung.
Übung im Paradoxon. Paradoxien sind kathartisch.
Jedes Wort ein Dogma. Wie spricht man solche Worte aus?
Fritz verlangt, dass wir mit ihrem Material ein Lehrstück schreiben/ machen. Nicht wie Brecht, der für uns ein Lehrstück schreibt. Sie verweigert Geschichte als verständlichen Ablauf.
11. 05. 2002
12.10 Uhr
"Nur
muss ich nun einmal mehr unterschlagen, wie mir die Tunwörter ins Schweigen flüchten, sodaß überall das Wo aufscheint und nirgends das Wohin? Muß ich nun vom dritten Fall in den vierten rutschen, das bedeutet, ich muß tun, fortlaufend muß ich tun, sodaß ich für mein Tun kein Wort mehr weiß, so ratlos bin ich, so verzweifelt, so erbittert gegen dieses Rutschen ins Tun, ich werde, das fürchte ich, ich werde ewig Bewegung sein, das bedeutet, ich werde nicht mehr wirklich vom Fleck kommen, stets werde ich der Fall verwechselnde Fallfehler sein, ein Zurück zum dritten Fall, dazu bin ich zu stolz, ein Vor zum vierten Fall, mir versagt die Stimme. Ich habe kein Wort mehr für mein Tun, ob so oder so, das ergibt den schrecklich erhabenen Fallfehler, einer wird ihn aufheben, der Tod, keiner darf hoffen, vor dem schrecklich Erhabenen rettet einer den dritten Fall vor dem Sturz in den vierten Fall. Das bleibt und schwankt als Fallfehler ewig zwischen Wo und Wohin hin und her, her und hin und nie wird die Antwort anders aufscheinen denn als falsch, das fürchte ich, diesen hartnäckigen Fallfehler werde ich verwandeln müssen in Fleisch, das töricht genug ist, es nicht wahrhaben zu mögen, das Gesehenes nicht vor Gesehenem schützt." (S.98/99)
12. 05. 2002
12.10 Uhr
Logarithmische Tabelle
"Ich stelle fest, daß es in der mathematischen Praxis nichts mühseligeres gibt und daß ein Kalkulator durch nichts so belästigt und behindert wird, wie durch Multiplikationen und Divisionen großer Zahlen und das Ziehen von Quadratwurzeln und Kubikwurzeln aus denselben.... Ich begann daher in meinem Geiste Überlegungen anzustellen, durch welche sicherere und schnellere Kunst ich diese Hindernisse beseitigen könnte."
John Napier, mirifici logarithmorum canonis descriptio (1614) in: Die Zahl e - Geschichte und Geschichten
14. 05. 2002
14.57 Uhr
Logarithmische Spirale
15. 05. 2002
22.30 Uhr
Welches Wappen im ukrainischen Raum trägt den Raben?
Weggenommene Eindrücke verhindern Ausdruck. Zurück bleibt Druck, Abdruck.
Europa nimmt Urlaub von seiner Historie.
23.27 Uhr
2.Weg
"Warum weinst du?"
(Der Schreitende)
Das Schluchzen ist die Klanggeburt für das "dritte Ohr", die Tränen die Produktion des Auges.
Ein Dilemma: Schaust du weg, bist du blind, schaust du hin, wirst du vor Tränen blind.
Die Tragödie des blinden Sehers, der blinde Sänger überwindet sie, wenn auch mit Themenkürzung: Der Rest ist Schweigen. Ödipus kontra Hamlet: Sing Weide, grüne Weide....
Theaterformen werden virulent. Ist die Aneignung die konsequenteste Prozeßform und macht ihren Zauber der fehlende Vorsprung der Theaterleute gegenüber dem Publikum aus? Wie wird der Gestaltungswille in der fertigen Vorstellung erlebbar? Ist der Ort des gezeigten Geschehens Vergangenheit und Zukunft?
Die Themen treten ganz langsam und scheinbar nebenbei hinter dem Werk hervor: "der Schreitende".
16. 05. 2002
10.15 Uhr
Die kleinste notwendige Struktureinheit zur Staatsbildung:
Die Hymne (permanentes Singen bildet die
Grenze nach aussen)
Die Flagge (Logo)
Der Name ("wie soll es sich nennen?")
Die Grenze (Ausschluss)
Das Territorium (materiell/immateriell)
Erste Ebene: Fritzpunkt, sich ereignend
Zweite Ebene: Darstellung des sich ereignenden Fritzpunkts (=Rahmen zu erster Ebene).
Wie muss dieser Rahmen aussehen?
Maske des Fritzpunkts? Ein Glassturz?
Wer nicht im Fritzpunkt war, wird zur Aufführung ("Vorstellung") nicht zugelassen (totalitärer open space).
Die Aufführung ist die Zukunft und Vergangenheit
des gegenwärtigen Fritzpunkts.
Wiederholung: Wiederkehr als Zusammenschmelzen von Zukunft und Vergangenheit.
11.45 Uhr
"Alle umkehrbaren Ereignisse haben gemeinsam, dass sie nichts Neues hervorbringen: Die Vergangenheit und die Zukunft sind austauschbar.
Die Ausdehnung ist umkehrbar, aber aus den Bedingungen, die sie der Materie auferlegt, erwachsen das Irreversible und das Neue in der Natur. Indem sie Ungleichgewicht entstehen läßt, führt sie das nicht Umkehrbare ein und macht möglich, dass Komplexität und Vielfalt im Universum wachsen."
Hubert Reeves, Die kosmische Uhr
"...Man wird sehen, dass die Systeme mit hohem Informationsgrad (und niedriger Entropie) Systeme
von sehr geringer "Wahrscheinlichkeit" sind. Je höher dagegen die Entropie angestiegen ist, desto größer
ist die Wahrscheinlichkeit, dass das System von ungesteuerten Vorgängen beeinflußt wird, das heißt, dem Zufall überlassen ist.
Das Wachstum der Entropie entspricht immer einer Verringerung an Information.
Man kann sagen, dass die Zustände von größter Entropie (die am meisten vertretenen) diejenigen sind, die im Laufe der Zeit am häufigsten wiederkehren. Man hat viel mehr Chancen, von einem unwahrscheinlichen Zustand zu einem wahrscheinlichen zu gelangen als umgekehrt. Doch das Gegenteil ist keineswegs ausgeschlossen; wenn man nur lange genug wartet, wird es schon eintreten.
Der Zustand höchster Entropie ist der, über den ich
am wenigsten weiß (Würfeln mit 2 Würfeln, Summe
der Augenzahl 7 befindet sich in einem Zustand höherer Entropie. Im Gegensatz dazu entspricht
die 2 einem Zustand niedrigerer Entropie, der aber mehr Information über die Art des Ereignisses, enthält, das sie hervorgebracht hat. Das heißt, wir kennen die genaue Position, dieses Ereignisses in der Darstellung aller möglichen Ergebnisse mit zwei Würfeln).
Die Summe der Entropie und Information ist immer konstant. Entropie verringert sich, wenn Information wächst und umgekehrt.
Hubert Reeves, Die kosmische Uhr
18. 05. 2002
07.24 Uhr
Sprachliche Darstellung von Auflösungsprozessen. Wie das körperlich darstellen? (Die Verfassung des Moments ist mein Körper, Archiv der Erinnerung).
Den Moment auflösen und Zukunft und Vergangenheit darstellen: daran arbeiten ist schon die Darstellung.
Gegen die normale Zeit.
Eine Vergangenheit (filmische Dokumentation des Fritzpunkts) in die Aufführung einziehen. Was wäre in einem solchen Fall die Darstellung der Zukunft?
Fritz will etwas erzeugen, was sich im Erzeugen verschlingt und im Verschlingen erzeugt: es geht ums "Zeitloch" (S. 114) Vgl. die Kronos-Geschichte.
07.45 Uhr
Goya: Desastres
08.15 Uhr
S.112/113
Laut lesen. Jeder versucht, die ihm wichtig erscheinende Struktur auszuarbeiten und vorzulesen. Die gänzlich verschiedenen Gefäße desselben Textes machen die Wiederholung zur Variation und zur Erholung für den Hörenden, sprich für das "3. Ohr".
Die Gäste oder die Kundschaft-er des Fritzpunkts
fühlen sich tatsächlich beschenkt.
S.114
"was gewesen sein wird": Erinnerung, die Vermutungen zuläßt, das ist das große Spiel mit Sprache.
Das kollektive Gedächtnis ist der Krieg, das Individuum geht höchstpersönlich damit um, aber rottet sich nie und nimmer für dieses Thema zum Kollektiv zusammen. Da ist die "Stromschnelle" im Fluß des Lebens eingebaut.
S.120
"... Dummheit: Er schenkte sie dem Tod und entwand diesem das Wesentliche. Die Übersicht über den eigentlichen Fluß der Dinge. Und den schafft die
Tat, die das Sagen hat, den Überblick schafft das Sagen." Eine weise Kasperliade.
21. 05. 2002
10.55 Uhr
Fritz als geistiger Tanz ums Verhältnis von Kollektiv
und Individuum. Das kollektive Gedächtnis ist der Krieg. Nur mit diesem kollektiven Kriegsgedächtnis kann gegen den Krieg vorgegangen werden.
.
11.02 Uhr
Ist der Fritzpunkt: eine Live-Homepage ?
(cit. Kurt Neumann) / ein Dramaturgiebüro ?/
eine Leseprobe ?/ ein Theater ?
11.17 Uhr
"Denken Sie doch, der Blick vom rennenden Pferde in der Bahn, wenn man seine Augen behalten kann, der Blick von einem über die Hürde springenden Pferd zeigt einem sicher allein das äußerste, gegenwärtige, ganz wahrhafte Wesen des Rennbetriebs. Die Einheit der Tribünen, die Einheit des lebenden Publikums, die Einheit der umliegenden Gegend in der bestimmten Jahreszeit usw., auch den letzten Walzer des Orchesters und wie man ihn heute zu spielen liebt. Wendet sich aber mein Pferd zurück und will es nicht springen und umgeht die Hürde oder bricht aus und begeistert sich im Innenraum oder wirft mich gar ab, natürlich hat der Gesamtblick scheinbar sehr gewonnen. Im Publikum sind Lücken, die einen fliegen, die anderen fallen, die Hände wehen hin und her wie bei jedem möglichen Wind, ein Regen flüchtiger Relationen fällt auf mich und sehr leicht möglich, daß einige Zuschauer ihn fühlen und mir zustimmen, während ich auf dem Grase liege wie ein Wurm. Sollte das etwas beweisen?"
Franz Kafka
25. 05. 2002
15.18 Uhr
Ein Quadrat
17.10 Uhr
Techniken des Spracherwerbs als Darstellungsform verwenden.
Fritzpunkte sammeln! (cit. Katharina Brenner)
17.20 Uhr
zu (S.112/113)
Militärische Camouflage/Tarnung, die sich in der Grammatik abspielt. Tarnung, damit etwas
nicht gesehen / erst recht gesehen wird.
Notwehr gegenüber Fritz-Texten: "zu schwach uns zu verteidigen, gehen wir zum Angriff über" (Brecht)
Zum Lesen des Textes: Im selben Kampf sich befinden, in dem sich der Text befindet. Keine Übersicht simulieren.
Gegenwart braucht immer einen Code, einen Transmissionsriemen der Gegenwart, damit sie überhaupt entsteht.
Gegenwart: "ursprüngliche Bedeutung eines feindlichen Entgegenstehens, bedeutsame Nebenform: Gegenwert"
Grimm, Deutsches Wörterbuch
"Wollt ihr die totale Gegenwart?"
17.47 Uhr
Der Text verträgt keine "Verkörperung" eher die "Beschreibung"
28. 05. 2002
11.54 Uhr
Nachtrag zum 1. Weg:
Es begann im Klassenzimmer des Lycèe von Vilnus. Eine Stunde war vorüber, aber der nächste Lehrer noch nicht erschienen. Ein Viertkläßler namens Plater schlich sich an die Tafel und schrieb mit Kreide Vivat Konstancja darauf. Er dachte dabei an ein Mädchen. Aber ein Klassenkamarad, ein ernsthafter Junge mit Namen Czechowicz, wischte das Ende des zweiten Wortes aus und ergänzte es zu Konstytucja - Es lebe die Verfassung. Jeder Junge in der Klasse wußte, was das bedeutete. Gemeint war die Verfassung vom 3. Mai 1791, die Verfassung der polnischen Aufklärung und Freiheit, die von den tyrannischen Teilungsmächten ausgelöscht worden war. Jemand fügte noch ein Ausrufungszeichen hinzu. Dann griff sich noch ein Junge die Kreide und schrieb darunter: "Ah, welch süße Erinnerung!" Der Klassenraum erbebte, und die Unruhe breitete sich durch die Korridore der Schule aus. Es war zu spät, den Ausbruch einzudämmen. Die Schulaufsicht setzte drei der Jungen fest und wurde selbst von den Russen festgenommen. Danach waren plötzlich die rosafarbenen, weißen und gelben Wände des barocken Vilnius überall mit Inschriften bedeckt: "Lang lebe die Verfassung! Tod den Tyrannen!"
Neal Ascherson, Schwarzes Meer
12.04 Uhr
Odessa und die Krim als Verbannungsorte des zaristischen Russlands (vgl. Tschetschenien).
"Dieser Text ist amoralisch. Er will nichts verantworten. Und er bewertet nichts." (Jan Christ)
29. 05. 2002
13.26 Uhr
System : Fass-ad
Zwang
Zumutung
zuverlässig
Wiederholung
dienen
guten Ruf erhalten vor seinem Herrn
gehorchen
Gehorchen ertragen
dringend Sündenbock brauchen
Sündenbock erschaffen...
"Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen!"