04. 04. 2004
16.00 Uhr
040404, 4pm
Fritzpunkt im Exil
Pilotversuch einer Salonarbeit
in der Eitelbergergasse 4 ,
den das folgende, uns im Vorfeld zugesandte Zitat mitangeregt hat:
"Gibt es ein Bewußtsein jenseits des medialen? Der Befreiung von der Verengung, den Konventionen der "bürgerlichen Klasse" widmeten sich viele Künstler seit der vorletzten Jahrhundertwende. Ein ebenso universelles Projekt wäre nun die Auflehnung gegen die ungeheure Erniedrigung des Menschen durch eine totalitäre Unterhaltungsindustrie. Hier aber hat sich die Intelligenz nach kurzem Zögern zur Kollaboration entschlossen. Man kann es auch eine ironische Mitläuferschaft nennen."
Botho Strauss
Teilnehmer: 50 Personen
Herzlichen Dank an Herrn und Frau Fritz und Wanda und alle Fritz-Freundinnen und Fritz-Freunde!
08. 04. 2004
22.20 Uhr
Fritz anwenden (Versuch 3)
Einzeln eintretend werden die Besucherinnen und Besucher mit einer brillenbewehrten Generalstabsrunde in Staubmänteln konfrontiert, die sich über seltsame Landkarten mit eingeschriebenen Texten beugt und diese murmelnd liest. Die Antwort auf die schroff an die Eintretenden gestellte Frage "Weshalb sind Sie hier?" wird gar nicht erst abgewartet, geschweige denn behandelt. Nach der nächsten Frage: "Wer erstellt das Protokoll?" wird der Krieg auf semantischer Ebene erklärt: Eingepasst in den Grundtext S.2187 (Niko wie Unschuld) aus Naturgemäß II lesen die drei Kostümierten während der nächsten 90 Minuten folgende Texte in dieser Reihenfolge: S.6 (weder ein Bächlein noch ein Fluß), S.208 (die naßen Wege), S.211 (wenn die Gespenster), S.69 (die Taten hatten das Sagen), S.165 (Nie, das heißt dann wieder: sehr oft), S.202 (Alswüßte), S.42/43 (die Skala der Niederschlagshöhen), S.212 (die 11 Flüche des Landes), S. 35-38 (seine Exzellenz und was-er-tat) und S.94/95 (die Rübe). Nach abgeschlossener Lesung die Frage an das Publikum: "Was hat Ihnen gefehlt?" Beim gemeinsamen Essen der mitgebrachten Ostereier und Mannerschnitten wird von Zuschauerseite der fehlende Text zum Mitlesen angesprochen, die Überforderung des Verständnisses, die fehlende "Erklärung" des Ganzen: allesamt detaillierte Beschreibungen einer erlebten Kriegserklärung an das sogenannte "Verstehen", die nicht bewusst als solche erkannt wurde, erkannt werden konnte. Wurde der Krieg im "Land der Aporien" (S.2187) mit dem heutigen Versuch nicht erst erklärt, sondern bereits geführt?
22.22 Uhr
aus: Naturgemäß II , S.2187
09. 04. 2004
19.29 Uhr
Ernst Blumenthal
Erster und langjähriger Mitarbeiter von Silvio Gesell. Blumenthal wuchs in Ostpreussen und Berlin auf und war als Tischler bei der Deutschen Reichspost tätig. Über die Arbeiterbildungsschule fand er zu Ideen des freiheitlichen Sozialismus und den Bodenreformern. 1906 wurde er mit Hilfe Gesells selbständiger Kaufmann, Herausgeber sowie Vertreiber von dessen Buch "Verwirklichung des Rechts auf vollen Arbeitsertrag".
1907 versuchte er vergeblich, 10 000 Exemplare von Gesells "Kannte Moses das Pulver?" in Deutschland abzusetzen. Bis 1908 stand er in Briefkontakt mit Gesell während dessen Argentiniengeschäfte.
1909/10 baute er den physiokratischen Verlag auf, um Gesells Hauptwerke "Aktive Währungspolitik" (1908 mit Ernst Frankfurter), "Neue Lehre von Zins und Geld" (1911), "Die natürliche Wirtschaftsordnung" (NWO 1916) wieder mit nur wenig Resonanz herauszubringen. 1909 gründete er den Verein für physiokratische Politik mit Sitz in Berlin Lichterfelde und Hamburg und 200 RM Starthilfe von Gesell, der sich aus christlichen Gewerkschaftlern, Bodenreformern, Individualanarchisten und Syndikalisten zusammensetzte. In seinen Vorträgen verband er die gesellsche Bodenrechts- und Geldreform mit Ideen der natürlichen Ordnung der Physiokraten-Schule von Quesnay, Proudhon und Henry George.
1913 erfolgte die Erweiterung in die Physiokratische Vereinigung, die moderne Physiokratieideen verbreitete, um proletarische Zielgruppen durch die Garantie des vollen Arbeitsertrags für die anvisierte Geld- und Bodenreform zu gewinnen. Er schuf mit seiner "Flussschrift" eine freie Organisationsform autonomer Gruppen ohne Vorstand, die das "Flussbett" der Physiokraten frei gestalten konnten. Ab 1911 hatte er eine feste Arbeitsgemeinschaft mit Gesell, der nun in Eden bei Berlin wohnte. Seit Mai 1912 gab er die kleine Zeitschrift "Der Physiokrat" heraus, in der ersten Ausgabe mit einem eigenem Gedicht über Mammons Sturz.
1912 propagierte er in einem Artikel erstmals die Idee des Geldstreiks, als Ausgangspunkt für spätere physiokratische Reformgeld-Experimente. Er verfasste die "Prinzipienerklärung der Physiokratie" den Übergang zur natürlichen Wirtschaftsordnung mittels Reformgeld und Reformboden versus kapitalistischen Markt und marxistischer Staatswirtschaft, einen "Dritten Weg" zwischen sozialer Marktwirtschaft und liberalen Sozialismus. Seine programmatische Zielrichtung des "Physiokrat" ist im Aufsatz "Unsere Daseinsberechtigung" in Band 7 von Gesells Werken aufgenommen. Auf Flugblättern wurde damals für die " Prinzipienerklärung" und mit Mustern eines "Grundbesitz-Ablösescheins" sowie eines "Physiokratischen Geldes" geworben, um sozialdemokratische Anhänger für die Anliegen und Ziele der physiokratischen Geld- und Bodenreform zu gewinnen.
1913 unterstützte Gesell den "Physiokrat" mit 2000 Reichsmark aus Argentinien und schrieb neben Blumenthal zahlreiche Artikel.
1914 musste der "Physiokrat" sein Erscheinen unterbrechen, es folgten Kriegsflugblätter mit 5 physiokratischen Friedensdiktaten. 1915 erschienen sporadisch drei Ausgaben der Zeitschrift mit Artikeln über die Deutsche Reichsbank im Krieg. 1916 erschien der letzte "Physiokrat" mit einem Nachkriegsordnungsaufsatz über die Schaffung eines mitteleuropäischen Bundes, analog dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nationen. 1916 fiel der "Physiokrat" der Kriegszensur zum Opfer und Blumenthal musste zum Kriegsdienst.
Allmählich wurde die Physiokratie durch den Ausdruck Freiwirtschaft ersetzt - aus Reformgeld wurde Freigeld - der Term Freiland wurde von Bodenreformern übernommen - mit dem Ziel Freiwirtschaft statt physiokratischer Ordnung.
1916 erschien die "Natürliche Wirtschaftsordnung mit Freiland und Freigeld" von Gesell in 4 Teilen in seinem Physiokratischen Verlag als Neuauflage aus "Recht auf vollem Arbeitsertrag" von 1906 und "Neue Lehre von Zins und Geld" von 1911.
Mit seinem eigenem Buch "Die Befreiung von der Geld- und Zinswirtschaft" 1917 sollten sich Arbeiter aus ihrer proletarischen Tretmühle befreien und sich nicht für ein Linsengericht an Gewerkschaft und Staat verkaufen, statt in den Arbeits-, sollten sie in Geldstreik treten und den Kapitalismus in Arbeit und Kapital ersäufen.
1918 in der Novemberrevolution fanden seine physiokratische Ideen erstmals größere Resonanz. Während Gesell in Haft saß, bereitete er 1919 das Wiedererscheinen des "Physiokraten" vor - nun als "sozialökonomisches Kampfblatt für das arbeitende Volk" gegen marxistische Ideen, Staatskapitalismus und Militärdiktatur. Er setzte sich für die Fortsetzung Physiokratischer Ideen ein, warnte vor Abstrichen an physiokratischen Geld- und Bodenreformen und Kompromissen gegenüber anderen Gruppen. Er selbst machte mit der Aufnahme seines allgemeinen Aufteilungsplans des Produktionsvermögens beim Übergang zur physiokratischen Ordnung in das Programm der Physiokraten Zugeständnisse, was zu Spannungen in der Vereinigung und Problemen für die Zeitschrift führte. Im Zuge proletarischer Einheitsbestrebungen auf Basis der Boden- und Geldreform bildete sein Berliner Verein Ableger in Hamburg und im Ruhrgebiet. Er übernahm die Redaktion der Zeitung "Der Befreier" um eine linke NWO-Einheitsfront vorzubereiten, die nach 7 Ausgaben wegen Defizits eingestellt wurde. Blumenthal verfasste für den Fisiokratischen Kampfbund noch die Prinzipienerklärung. Freiwirtschaft war für ihn aber nur ein Mittel der Physiokratie. 1925 kam seine letzte Schrift "Individuum und Allgemeinheit" heraus.
1924 zerfiel die Physiokratische Vereinigung und es erfolgte sein Rückzug aus der NWO-Bewegung und seine Hinwendung zur Esoterik.
Am 27. 6. 1929 ist der herzkranke Blumenthal gestorben. Gesell hielt seine Grabrede.
Deutsches Historisches Museum, Berlin
19. 04. 2004
22.00 Uhr
Fritzpunkt zieht aus
Eine sich verselbständigende Drucksache
Nachdem die öffentliche Hand glaubt, es sich leisten zu können, auf die Qualität unserer Arbeit zu verzichten, wir aber selbstverständlich unsere Ziele weiterverfolgen, laden wir Sie herzlich ein, eine Woche lang an Fritzpunkt zieht aus teilzunehmen, einer theatralischen Versuchsreihe, die den Diskurs über die angewandte Theaterform mit Texten aus dem Riesenwerk der österreichischen Autorin Marianne Fritz verzahnt und damit selbstreferentielle Distanz ermöglicht.
Am siebenten Tag der Woche schliesst der Fritzpunkt mit einer Hommage an die Autorin Marianne Fritz das Lokal in der Frankgasse 6 . Bereits seit März 2004 arbeitet der Fritzpunkt am Ordinariat für Kunst- und Wissenstransfer an der Universität für angewandte Kunst Wien in der Postgasse 6 .
19. - 24. April 2004, jeweils 19.00 Uhr
Ein Block Theater in sechs Vorwänden
mit Fred Büchel, Susanne Hahnl, Anne Mertin
und Markus Redl
Text: Marianne Fritz / Kommentartexte
25. April 2004, 19.00 Uhr
"erlöst auch/>irgendwie<."
Eine er-lesene Veranstaltung
mit Karl Bruckschwaiger, Klaus Kastberger,
Kurt Neumann, Ronald Pohl, Christian Reder,
Heinz Schafroth, Christel Weiler und Christiane Zintzen
im
Fritzpunkt, Frankgasse 6, 1090 Wien
Fritzpunkt - ein Projekt des STADT THEATER WIEN
wird derzeit nicht gefördert von der Magistratsabteilung Kultur der Stadt Wien und - schon lange nicht - von der Kunstsektion des Bundeskanzleramtes
(Drei Blicke in die Rauminstallation:)
22.01 Uhr
Die Vorwand
22.02 Uhr
Der Begriffssandkasten
22.03 Uhr
Der Auszug
20. 04. 2004
11.02 Uhr
Am Morgen Dreh eines Kommentarvideos zu
Fritzpunkt zieht aus . Da aufgrund der abendlichen Interaktion mit dem Publikum keine 1:1-Dokumentation des (jeweils verschiedenen) Ablaufs möglich ist, werden alle Gespräche und Handlungen von den Fritzpunktzen während des Drehs zusätzlich kommentiert. Diese Form der "Dokumentation" zum eigenen Genre (weiter)entwickeln!
21. 04. 2004
20.47 Uhr
Variierbares Ablaufsschema für
Ein Block Theater in sechs Vorwänden
22. 04. 2004
20.45 Uhr
Neufeld, Redl, Mertin und Schafroth
im Gespräch am Abend des/der 4. Vorwand(s)
23. 04. 2004
20.55 Uhr
Begriffe im Begriffssandkasten:
Postdramatisches Theater
Improvisation
Chor
Gegenchor
Menge
Situation
Anlaßdramaturgie
Performativität
Textualität
Material
Kommentar
Provokateurin
Improvisation
Körper
Rhythmus
Atmosphäre
Rote Begriffe
Publikum
Rezeption
Post-
Dramatisches Theater
Szene
4.Wand
Bühne
Tänzer
Schauspieler
Statisten
Dramaturgie
Dialog
Monolog
Dekoration
Requisiten
Kostüm
Stimmung
à part
24. 04. 2004
21.06 Uhr
Drei Fritzpunkte kurz vor dem Auszug
25. 04. 2004
17.15 Uhr
Fritzpunkt als Caféhaus
vor der Abschlussdiskussion:
"erlöst auch/>irgendwie<."
Eine er-lesene Veranstaltung
mit Karl Bruckschwaiger, Klaus Kastberger ,
Kurt Neumann , Ronald Pohl , Christian Reder ,
Heinz Schafroth und Christel Weiler
Der Fritzpunkt platzt aus allen Nähten / Die Diskussion verläuft wunderbar ungeordnet / Keine vorbereiteten Abschiedsstatements / "Diese Diskussion ist überflüssig, das Wichtige lief in den vergangenen Tagen" / "Die Fritz führt Krieg mit uns, Krieg!!" / Przemysl als aktueller Lagerort / Wer schreibt heute zeitgemäße Dramatik? / Was um Müllerswillen macht Brecht im Fritzpunkt??? / Der Fotograf ist unglaublich penetrant / Vor dem Fenster auf der Straße Zuseher, die nichts verstehen können / "Die Studenten miteinander verbinden" / "Manchmal war es auch langweilig" / Nein, keine Kulturpolitik! / Josef ist still, wie versprochen / und viel später, am Ende eines langen Abends, zerspringt noch ein Glas :-) / Das wars.
Herzlichen Dank an alle Anwesenden!