09. 04. 2002
07.00 Uhr
Der Menüpunkt Dokumentation versammelt die im Lauf des Aneignungsprozesses im Fritzpunkt anfallenden Beobachtungen, Notizen, Inszenierungsvorschläge, Skizzen, Fotos, Einwände und Vorbehalte in chronologischer Ordnung. Jegliche weitere Strukturierung, etwa nach Themen, wird bewusst unterlassen. Die Texte werden - abgesehen von zitierten Stellen - nicht mit den Namen der Verfasser gekennzeichnet. Copyright, wenn nicht anders angegeben, © Fritzpunkt. Zitieren unter Angabe der Quelle und (gegebenenfalls) Verlinkung gestattet. Fotorechte bitte gesondert nachfragen.
07.34 Uhr
Fritzpunkt, Frankgasse 6, 1090 Wien
07.41 Uhr
Marianne Fritz
Naturgemäß I
Entweder Angstschweiß
Ohnend
Oder Pluralhaft
Frankfurt / Main 1996
Im Folgenden beziehen sich Seitenangaben, soweit nicht anders benannt, auf diesen Roman.
07.48 Uhr
(...)Wirklichkeiten werden durch das engmaschige Netz aus Übereinkünften >regelrecht< Verkleidungen angetan, sie werden >förmlich< angezogen, umgekleidet, unkenntlich, verzerrt, es wird schwerer, oft fast unmöglich, oft auch nur verzögert, an sie heranzukommen: glatte Sätze, blendend wie Brillanten, gläserne Berge wie Menschen aus Glas, glatte, spiegelartige, angeblich dem Himmel näher wachsende Fastwolkenkratzer, keine Brüche, keine Risse, weithin nur spiegelnde Glätte.
Übereinkünften unterordne ich mich dann, wenn sie mich aus irgendwelchen >Gründen< überzeugen. Aber nicht, WEIL die Übereinkünfte >nun einmal< gegeben sind. Sinn- wie Zweck>fragen< erlaube ich mir, auch Abweichungen DEM Umstande zuliebe, wie einem ANDEREN Umstande zuliebe, denn wenn Übereinkünfte nur mehr an dieser oder jener Wirklichkeit vorbei wirksam sind, ich aber finde, die oder jene Wirklichkeit einer Übereinkunft schädigt, glättet, behindert, stutzt zurecht, vereinfacht, verflacht; deckt zu, wo ich abdecken möchte; bekleidet, wo ich ausziehen möchte; macht ruhig, wo Unruhe ist; vollendet, was eine Ruine ist; schafft Übersicht, wo keine ist; da sag ich mir dann: So nicht, liebes Wort, liebes Zeichen. Du leistest noch viel mehr, wenn es dir zugebilligt wird. Du kannst noch viel mehr, wenn du nicht derartigen Einschnürungen ausgesetzt bist und bleibst. Also, es mir, wie schon gesagt, gesagt, dann getan: Auf dem Papier ist dann die Verletzung einer Regel? Sozusagen: ein Fehler? Etwas Nichtrichtiges?
Vielleicht ist dann auf dem Papier nur ein noch näheres Herangekommensein an eine Figur, an eine Situationskonstellation, an DEN Zustand, an DEN Prozeß, an DIE Rückwirkung von Ereignissen auf Gruppen, Einzelne; Aufheben einer Eindeutigkeit, die mir unangebracht vorkommt (wenn ich dieses wie jenes bedenke); vielleicht ist dann auf dem Papier nur ein anderer Inhalt als >erwartet<, ein durch Übereinkünfte sozusagen automatisch fortgesetztes Transformationsgeschehen verhindern, ist öfters nötig, hat auch durchaus Gründe, die nachvollziehbar sind, nur dann allerdings nachvollziehbar, wenn unter anderem die Fähigkeit zu Blick-Richtungswechsel zum Beispiel, entfaltet, entwickelt, gesteigert wird, wenn unter anderem immer tiefer ins eigene Bewußtsein eindringt und dieses darauf reagiert, damit arbeiten, sehen, begreifen lernt, daß die Sprache, das (sich entwickelnde) System verbaler Zeichen, eigentlich dem Erfassen von Wirklichkeit(en), dem Vermitteln von unter anderem auch Sachverhalten (egal wie komplex die sind) dient, daß ohne sie NICHT MÖGLICH WIRD das hiefür nötige Denken, daß die Unzertrennlichen >Sprache und Denken< aufeinander gewiß intensivst, vielfältigst, einwirken und daß darauf zu achten ist, daß nicht das Denken auf eine Weise durch das >System verbaler Zeichen< gesteuert >wird<, daß es sozusagen beginnt >vorbeisteuern< an Inhalten, wie sie von Wirklichkeiten vielfältigst zum >Entstehen wie Werden, Vergehen< hinbewegt werden, daß es sozusagen verselbständigt eigenen Zwecken folgt; dieses System verbaler Zeichen >unbemerkt<, also hinterrücks, gleichsam zum >Herrn< sich emporgeschwungen hat, auf dessen >Dienste< zu verzichten zwar nicht möglich wird, der aber dafür >mehr haben< möchte, als ihm eigentlich zusteht; auch >mehr erhält< als es der Weiterentwicklung (der Sprache wie der Denkfähigkeit) guttut. So >ist< es wohl in der täglichen Praxis: es passiert, daß Sätze >weitergestrickt< - >weitergebaut< - >fertiggebaut< werden, ohne daß hiebei bemerkt >wird<, den Satzbedürfnissen, den grammatikalischen und anderen Regeln wird zu ihrer Verwirklichung, zu ihrer Verkörperung auf dem Papier, verholfen, denen wird Rechnung getragen, aber nicht mehr der Wirklichkeit, der näherzukommen, die besser erfassen stets Voraussetzung ist für ihre Veränderung, für ihre brauchbare, nützliche, planvolle, Menschen erleichternde, weiterbringende, bewußte Veränderung, für ihre in ihr angereicherten, aber nicht so ohne weiteres sichtbaren, oftmals verborgenen - Segen wie Fluch aus sich herauswachsen lassen könnende - Sprengkräfte. (...)
Marianne Fritz, Was soll man da machen
08.46 Uhr
Schema der drei ineinander
verzahnten, formal eindeutig
unterschiedenen Wege durch
den Text von Naturgemäß I
10. 04. 2002
08.54 Uhr
Warum Naturgemäß I ?
Das wirklich schmerzliche Problem ist für mich, die hohe literarische Qualität der von uns verwendeten Texte und den vergänglichen Augenblick Theater verweben zu müssen. Der nahezu aussichtslose Kampf, diese Unvereinbarkeit in den Dienst des Besuchers zu stellen, ist der wirkliche Motor der Formensuche. In Naturgemäß I signalisiert mir die Dichtung einen ähnlichen Kampf in entgegengesetzter Richtung. Alle Erzählstrukturen des Romans wollen den Augenblick des Geschehens fühlbar machen, dieser Kampf schimmert immer durch, während das Schreiben verlaufende Zeit diktiert. Müssen sich solch unterschiedliche Sehnsüchte nicht gegenseitig nähren?
Öffentlich versuchen wir - das ist der harte Kern des Stadt Theater Wien - diese Frage zu be-handeln.
08.57 Uhr
Paul Klee: Angelus Novus
09.00 Uhr
Ein Theatergeschäft, das veräussert (nicht verkauft), was wir zeigen.
Prinzip des Nichtzurückgezogenen.
Begriff des "Grenzlands".
Festungsprojekt in permanenter Öffentlichkeit: Gegenbewegung zum Schreibvorgang der
Marianne Fritz.
Ein unabdingbares Gegenuniversum zum schon bestehenden Textuniversum schaffen. Das Textuniversum braucht uns nicht! --- Um die theatralische Kapazität des Textes fruchtbar und sichtbar zu machen, braucht es uns und unser Gegenuniversum.
Regeln für die öffentliche Auseinandersetzung mit
Fritz-Texten erarbeiten. Dann wird diese öffentliche Aneignung permanenter Ausdruck (Lehrstück). Und
die Aufführung ist nur eine Form; für die Material gesammelt wird.
Die Entwicklung eines Strategiespiels ist möglich
über Detailtextstränge von Weg 1 (Zinnentext).
" ... in ihren Liedern merken sich alle die Erfahrung,
die sie nicht lesen können, weil sie nicht Herr sind, ...."
(S. 20)
09.19 Uhr
Stell dir vor, du siehst keine rosa Elephanten!
09.31 Uhr
" Das Lanzettfischchen (Branchiostoma)
verkörpert den Grundtyp des Chordatenbauplans wohl am reinsten (A, B). Der von einer einschichtigen Epidermis bedeckte, einen Flossensaum tragende, lanzettförm. Körper ist segmentiert (u. a. die somat. Muskulatur, gegliedert in rd. 60 Segmente oder Myomere). Nicht metamer ist die Rückenseite (Chorda dorsalis) , ein hier erstmals auftretendes elast. Stützorgan, stabförm. den Körper durchziehend und von einer bindegewebigen nichtzelligen Faserscheide umgeben (Achsenskelett).
Das ZNS (Neuralrohr) liegt über der Chorda und wird von einem Zentralkanal durchzogen. Ein Gehirn fehlt, obwohl eine vorn liegende ventrikelartige Erweiterung des Zentralkanals als Hirnbläschen bezeichnet wird. Je Segment zweigen je 1 Paar dorsale (überwiegend sensible) und ventrale (überwiegend motorische) Nerven ab, die sich nicht zu Spinalnerven vereinigen.
Der Darmkanal beginnt mit einer weiten, von Lippententakeln (Cirren) umgebenen Mundöffnung, an die sich der als Kiemenkorb ausgebildete Vorderdarm (Pharynx) anschließt, der auf jeder Seite bis zu 180 alternierend angeordnete Kiemenspalten aufweist.
Er dient zur Atmung und als Filterapparat bei der Ernährung. Je eine dorsale und ventrale drüsige Flimmerrinne (Epi- und Hypobranchialrinne) befördern die durch Schleim zusammengeballten, aus dem Atemwasser stammenden Nahrungsteilchen nach hinten zum Mitteldarm (vgl. Muscheln; I, S. 115).
Die Kiemenspalten führen zunächst in einen Peribranchialraum (Ektodermeinstülpung), der sich im Branchialporus nach außen öffnet. - Der verdauende Darmteil, ein gerades Rohr, bildet keinen Magen, wohl aber einen nach vorn gerichteten Blindsack, Leber genannt.
Im geschlossenen Blutgefäßsystem wird das Blut, dem Blutzellen fehlen, durch kontraktile Gefäßabschnitte bewegt; ein zentrales Herz fehlt. Die ventral liegende Kiemenarterie führt das Blut nach vorn. Von ihr abzweigende, paarige Kiemengegefäße, beginnend mit kontraktilen Anschwellungen (Kiemenherzen, Bulbilli), bringen es durch die Kiemenbögen, wo es sich mit Sauerstoff anreichert. Es gelangt dann in die dorsal liegenden Aortenwurzeln, die sich zur Aorta vereinigen. Die von dieser abgehenden Gefäße versorgen die Organe und sammeln sich in der ventralen Darmvene, die das Blut nach vorn transportiert. Nach Durchlaufen eines die »Leber« umspinnenden Kapillarnetzes sammelt es sich in der Lebervene, die nach starker Erweiterung (Sinus venosus) in die Kiemenarterie übergeht. An dieser Stelle entwickelt sich bei den Fischen das Herz ."
dtv-Lexikon Biologie
Die Lanzettfischchen leben im Sand vergraben an Meeresküsten. Urtyp der Wirbeltiere.
Es is für die Fisch!
09.41 Uhr
1.Weg
Klassenzimmer im weißen Adlerweißland
AUFKLÄRUNG I :
1) Landschaft und Mensch
2) Drei Religionen und deren Differenzen
Ist die Wertung das einzige Mittel, damit aufklärerisch umzugehen oder setzt das in diese Gedankenwelt eingeschriebene Paradoxon schon die Chance einer neuen Blickrichtung............?!
09.44 Uhr
2. Tag im Fritzpunkt
"Der Sack ist zu": lauter geschlossene Säcke mit Aufschriften: "Technischer Diskurs", "Abfangjäger"etc. als Kommentarlandschaft.
12. 04. 2002
14.30 Uhr
"Diese Flüsse, anderswo Quelle so reichen Lebens, haben über Zehntausende von Jahren das Leben in den Tiefen des Schwarzen Meeres ausgelöscht. Das Einströmen organischen Materials aus den Flüssen überforderte die Bakterien im Meereswasser, die es normalerweise zersetzen. Sie ernähren sich, indem sie ihre Nährstoffe mit Sauerstoff verbinden, oxidieren, wozu sie den, im Meerwasser vorhandenen gelösten Sauerstoff verwenden. Wenn der organische Eintrag jedoch derart groß ist, daß der Vorrat an gelöstem Sauerstoff aufgebraucht wird, kommt es zu einem anderen biochemischen Verfahren: Die Bakterien entziehen den Schwefelionen, die ein Bestandteil des Meerwassers sind, ihren Sauerstoff. Bei diesem Prozeß entsteht Gas: Schwefelwasserstoff, H2S.
Schwefelwasserstoff ist eine der giftigsten Substanzen in der Natur. Ein einziger tiefer Atemzug ist für den Menschen in der Regel tödlich."
"Oberhalb der Linie, die die Grenze der Sauerstofflosigkeit markiert, war das Meer voller Leben."
Neal Ascherson, Schwarzes Meer
14.40 Uhr
S.15
Unentwirrbare Hierarchie.
Schule ------- Gefängnis ------- Nation ------- Folter
"Zur" ist die Brücke zum Detail.
"Allerhand" kann beschreiben: eine Zumutung, eine Blödheit, eine Ironie. Am besten mindestens diese
drei Möglichkeiten durchspielen mit der Realität des Tages.
S.16
"Wirbelchen, beginn dich zu drehen". Das alte Lied:
der Brandfackel der Revolution mit Musik und unverstandenem Text zu dienen.
Die Unterdrückten erpressen den Erpresser.
Der Ketzer (Führer) weiß einen Ausweg.
Die Unterdrückten werden der Erpresser.
S.18
" Ochsen seid ihr. Fleißaufgaben der Einfalt!"
Was ist ein Torso?
S.20
Am Grunde der Moldau wandern die Steine.........
Ist der Unterschied zwischen Herrchen und Herr der Grund? Zugrundegehen, im "Wirbelchen" versaufen?
Am Boden der Lieder liegt der Spiegel, wer bis dahin schauen kann, erkennt das System seines Lebens.
13. 04. 2002
15.42 Uhr
Tartaros , griech. Mythologie: ein finsterer Abgrund, nach Homer so tief unter der Unterwelt wie der Himmel über der Erde
Tartar , falsch für Tatar.
dtv-Lexikon
15.50 Uhr
"Nächst dem, sprach ich, vergleiche dir unsere Natur in bezug auf Bildung und Unbildung folgendem Zustande. Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber herumzudrehen der Fesseln wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht obenher ein Weg, längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt wie die Schranken, welche die Gaukler vor den Zuschauern sich erbauen, über welche herüber sie ihre Kunststücke zeigen.
- Ich sehe, sagte er.
Sieh nun längs dieser Mauer Menschen allerlei Geräte tragen, die über die Mauer herüberragen, und Bildsäulen und andere steinerne und hölzerne Bilder und von allerlei Arbeit; einige, wie natürlich, reden dabei, andere schweigen.
- Ein gar wunderliches Bild, sprach er, stellst du dar und wunderliche Gefangene.; Uns ganz ähnlich entgegnete ich. Dann zuerst, meinst du wohl, daß dergleichen Menschen von sich selbst und voneinander je etwas anderes gesehen haben als die Schatten, welche das Feuer auf die ihnen gegenüberstehende Wand der Höhle wirft?
- Was sollten sie, sprach er, wenn sie gezwungen sind, zeitlebens den Kopf unbeweglich zu halten!
- Und von dem Vorübergetragenen nicht eben dieses?
- Was sonst?
Wenn sie nun miteinander reden könnten, glaubst du nicht, daß sie auch pflegen würden, dieses Vorhandene zu benennen, was sie sähen?
- Notwendig.
- Und wie, wenn ihr Kerker auch einen Widerhall hätte von drüben her, meinst du, wenn einer von den Vorübergehenden spräche, sie würden denken, etwas anderes rede als der eben vorübergehende Schatten ?
- Nein, beim Zeus, sagte er.
- Auf keine Weise also könnten diese irgendetwas anderes für das Wahre halten als die Schatten jener Kunstwerke?
- Ganz unmöglich."
Platon, Höhlengleichnis
15. 04. 2002
08.27 Uhr
2. Weg
"die Bedeutung des brennend Wachen"
Gefahr Erwartung Eifer
Mein Vater, Professor Josef Mertin, gestorben 1998,
hat in kürzester Zeit neben dem "Broterwerb" sieben Staatsprüfungen abgelegt. Um dafür wach zu bleiben, setzte er sich Spennnadeln unter die Fingernägel!
"Grenzland L"
Klare und verschwimmende Grenzen und ihre Folgen
Es gibt zwei Bewegungsarten: der Kreis und die Strecke. Im Kreis verschwimmt die Grenze zwischen "Gräte", "Fluß" und "Fisch". Auf der Strecke grenzt sich das wiederkehrende Bild klar von sich selbst ab: Verehrung und Fluch. Die beiden können aber auch deckungsgleich sein, dann wird ihre Gleichzeitigkeit sichtbar. (Die Technik des Computers).
Die Gleichzeitgkeit ist eine der großen Überraschungen, mit der das Theater operiert.
Der Haken der "Luftmaschenbrücke" sitzt tief im Fleisch. Luftmaschen! Meine erste Handarbeitsstunde: Hat die Frau Lehrerin wirklich systematisch diese Frauentätigkeit erklärt, oder war das meine schwache Gedächtnisleistung, die eine Analyse als Krücke gebraucht hat? Die Masche, der Knoten. Der "Schmerzknoten in der Brücke der Vergänglichkeit".
Die Frauenarbeit definiert sich oft als vergängliche. Penelope trennt heimlich die Stickerei des Wandteppichs wieder auf, um der Zeit ein Schnippchen zu schlagen. Die Luftmasche besteht zu 90% aus Luft, warum ist das Auftrennen so weit weg aus unserer Vorstellungsgabe?!
Leichen pflastern den Weg.
16. 04. 2002
10.13 Uhr
17. 04. 2002
11.00 Uhr
"Haßt du Flöhe, dann ist Cetrina deine Schutzheilige"
Fischleim: Die beim Auskochen von Fischknochen entstehende übelriechende Brühe, die so vielfache Anwendung gefunden hat. 1. als Grundierung von Leinwand vor dem Bemalen. 2. als immer wieder neu gemischter Lack von Musikinstrumenten. 3. als Stärke für Kleidung, notabene der Soldaten - und Beamtenhemden, 4. als Fliegenfänger (siehe Robert Musil) und 5. als Flöhefänger. Flöhe übertragen Seuchen.
Immer deutlicher werden Namen Eigenschaften,
die mythologische Ebene pflanzt sich damit fort,
auch Humor hat da Platz (Nestroy).
"Block-ad"e
die ersten Reiter sind die e
"Fass-ad" e
18. 04. 2002
16.51 Uhr
Die Namen verlangen eine ästhetische Zugehörigkeit. Um die persönliche Erinnerung zu erleichtern, kleben wir sie an die Wand.
20. 04. 2002
20.56 Uhr
S.21
Der erste eklatante Zeitsprung von 1614 nach 1914, "die Verbindungen herstellen zwischem weit Entfernten".
Naturbetrachtungen Naturgemäß
Kunstbetrachtungen Naturgemäß
Menschheitsbetrachtungen Naturgemäß,
deren Systematiken setzen einander die
Metaphern ins Bild.
21. 04. 2002
17.01 Uhr
"Also: wenn wir über die kleinen Fische reden, dann sollten wir nicht einmal davon träumen, sie jemals zu fangen. Sie sind eben auch etwas anderes als nur Fische. Sie sind zugleich auch das Meer oder das Salz im Wasser und sie lassen sich prinzipiell nicht fangen. Der Versuch wäre sinnlos, das Netz immer dichter zu machen, es geht eben nicht."
"So ist es."
"Aber dennoch wissen wir einiges über die kleinen Fische, ohne, dass wir sie fangen."
"Ja, weil sozusagen die Ursachen der großen Fische
in den kleinen Fischen liegen könnten. Das heißt,
die Realität entsteht aus der Potentialität. Eine reale Wirkung braucht nicht eine reale Ursache zu haben.
Sie kann auch eine potentielle Ursache haben, die nicht etwas Reales ist. Aber sie kommt nicht aus dem Nichts. Darüber hinaus ist Potentialität nicht das völlige Durcheinander, in dem nur der Zufall regiert. Wenn ich aus der Potentialität heraus schaffe, dann realisiere ich nichts Zufälliges, dann stürze ich nicht in die absolute Willkür ab, sondern ich stürze in den gemeinsamen Kosmos. Der gemeinsame Kosmos macht keine Glücksspiele. Das Glücksspiel, das Reden vom absoluten Zufall, ist etwas, das wir erfunden haben. Die Vorstellung vom Zufall macht nur Sinn, wenn man glaubt, es gibt Dinge, die isoliert sind. Aber es gibt keine isolierten Dinge in der Quantentheorie, es gibt nur das Eine, das Verbundene."
H.-P. Dürr/M.Österreicher,
Wir erleben mehr als wir begreifen
" Krim" (Kyrym), "Fels" oder "Festung". Schon lange vor den Tartaren lebten Völker auf der Halbinsel im Schwarzen Meer, u.a. Kimmerier und Taurier, nach ihnen hieß die heutige Krim "Kimmerija" oder "Tauris".
Dumont Reise-Taschenführer, Krim
""Ja und dann? Dann ist der Dualismus da. Besser ist doch: ich lasse die Interaktion zwischen Verschiedenen weg und ich sage, die Welt ist nur Interaktion. Dann habe ich schon beide beieinander."
H.-P. Dürr/M.Österreicher,
Wir erleben mehr als wir begreifen
"Dir zeige ich, wo Gott wohnt."
22. 04. 2002
17.48 Uhr
S.24 - 35
Der Fall der Hälse: Festungshals, das ist die Kehle, das ist auch der zerbrechlichste Teil der Wirbelsäule. Der Angriff erfolgt durch Anhäufung und Wiederholung. Alte, beinahe abgenutzte Theaterszenarien drängen sich in den über dem Hals befindlichen Kopf und müssen angegriffen werden.
"Im Palast wurde gestöhnt. In der Riesin wurde gestöhnt."
Auch wenn die Laune, unabhängige Phänomene zu schaffen, einen ganzen Trickfilm ablaufen läßt, das Ergebnis ist "aussichtslos".
S.45
Für mich die erste ganz klare Anspielung auf Shakespeare:
"Und fährt mit einem Spann von Sonnenstäubchen
Den Schlafenden quer auf der Nase hin.
Die Speichen sind gemacht aus Spinnenbeinen,
Des Wagens Deck aus eines Heupferds Flügeln,
Aus feinem Spinngewebe das Geschirr,
Die Zügel aus des Mondes feuchtem Strahl;
Aus Heimschenknochen ist der Peitsche Griff,
Die Schnur aus Fasern;"
Romeo und Julia, 1.Aufzug 4.Szene
S.47
Plötzlich eine ganze lautmalerische Situationsbeschreibung des Menschenzerstörens mit drei Buchstaben: o, g, u. So könnte eine immer wieder sich wiederholende Klangmontage der Kern unterschiedlichster Kontexte werden.
23. 04. 2002
18.00 Uhr
Goya: Desastres
24. 04. 2002
18.01 Uhr
"Eine Paradoxie läßt sich als ein Widerspruch definieren, der sich durch folgerichtige Deduktion aus widerspruchsfreien Prämissen ergibt."
Etienne Klein, Gespräche mit der Sphinx
Ukraine , Grenzland
Es gibt nur Wirklichkeiten, keine Realitäten (in der Quantenmechanik) ?
20.05 Uhr
S.48
"Ohne Blitz ? Schreckstarre nicht.
Ohne Riesen mit Fels ? Furcht nicht.
Ohne Schatten ? Panik nicht.
Ohne Nebel ? Angst nicht."
Die "Trennwand" verschiebt alle abhängigen Bezüge und macht aus dem Tun ein Kinderliedchen: Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg......
"Liebe unwandelbare Starre von Weißglut". Die nächsten drei Jahre sind diesem Sprachbild gewidmet: "Wo ist sie?"
S.62
"Herrin der Sinne": diese wunderbare Prosa erzählt
von und ist gleichzeit eine Kreisbewegung. Dieser Abschnitt ließe sich ausschneiden.
S.64/65
Noch ein böses Märchen.
25. 04. 2002
19.09 Uhr
"Was bei allen blinden Flecken auf-fällig ins Auge sticht, auf-dringlich ins Ohr quillt, es ist, sie sind alle liegen geblieben. Was nicht liegen geblieben ist, ist nicht mehr da. Ist es ein Ding, ist es nicht ganz. Ist es ein Tier, ist es hungrig. Ist es ein Gegenstand, ist es kein Ding. Kein Ding braucht in der stechenden Sonne die Blendung nicht zu fürchten, die Verwesung schreitet: zügig voran. Kein Ding zieht an, wird bewohnt sehr rasch, es ist voll Leben, der Hunger ist groß, kein Ding wehrt sich nicht gegen den Hunger. Reißt kein Ding den Mund weit auf, steigen in kein Ding die Fliegen vorwärts, seitwärts, aufwärts, leichtfüßig steigen die Fliegen in kein Ding, keiner stört sie, der Mund schließt sich nicht, weit auf, offen bleibe kein Ding, immerzu offen, kein Ding hat geschrien? Vielleicht hat kein Ding nicht geschrien, nur aufgerissen, es quoll ja aus kein Ding in vielen Verschlingungen wollte es aus kein Ding nicht heraus, sodaß es kein Ding deswegen aufriß, weil kein Ding dem Offenen entnahm, das Öffnen raubt kein Ding die Verschlingungen nicht, aber sie haben das Quellen, sie drängen zum Ausgang, der Ausgang ist nachgiebig, unnachgiebig ist der Schmerz, er weicht aus kein Ding im Moment, den kein Ding nicht kennt. Kein Ding reißt den Mund auf. Wer weiß? jedenfalls reißt kein Ding den Mund weit auf. Und wer weiß? Wird liegenbleiben wie kein Ding." (S. 67)
"liegenbleiben wie kein Ding". Eine Zusammenfassung wichtiger Erinnerungsbestandteile. Aber das beschleunigte Tempo verhindert jeden Überblick: " Auf der Milchstraße gehen die Augen von Dennwenn". Ein Tanz als Entsprechung, darunter und dahinter der Text.
28. 04. 2002
18.21 Uhr
Textgelände als Aufführungsraum: digital visualisierte Texte, ständig wechselnd, ein Raum aus Texten.
Eigene, gemeinsame Erinnerung schaffen, um Worte wie "Individuum" und "Kollektiv" neu belegen zu können.
Mit Vergessen und Mangel umgehen, damit das Kollektiv uns unbekannt ist, damit wir ein eigenes entwickeln können.
Das Verlassensein gegenüber diesem Material im Gegensatz zu Brecht (Fatzer), der zum gemeinsamen Diskutieren auffordert. Die Eigenverantwortlichkeit bei Fritz ist viel grösser, sie wirft einem das Material vor die Füsse.
Vielleicht ist ein komplett untheatralisches Theater anzustreben, ein verschwindendes Theater, ein paradoxes Theater, das entstehen muss, ohne angestrebt zu werden.
Das zeitgemässe Theater ein paradoxes Theater.
Die Stadt steht zu unserer Verfügung.