10. 01. 2009

 

17.15 Uhr 

 

Aus dem Hörstück “Und also es geschah - Näherungen an Marianne Fritz” von Alban Nikolai Herbst:

 

“Ihre Dichtungen sind, komplexen Musikstücken ähnlich, gewebt. Sie kennen nicht nur die Horizontale, also den Zeitverlauf, also die Story - den plot, um es banal auszudrücken - sondern sie legen auch v e r t i k a l e Wirkzusammenhänge frei oder stellen sie vielleicht auch erst her. Deshalb vermitteln sie etwas so nahezu Unmittelbares und strahlen eine Sinnlichkeit aus, die nicht mehr abstrahiert wird. Um das zu spüren, muß man sich allerdings v e r f ü h r e n lassen wollen. ... Wer Marianne Fritz mit Genuß lesen will, muß akzeptieren, daß die Grundlagen unserer kommunikativen Übereinkünfte außer Kraft gesetzt werden. Damit geht die Zielrichtung, also die konkrete I n t e n t i o n verloren, die man in Romanen so gerne aufgehoben sähe. Imgrunde ist hier ein matriarchaler Erzählansatz Dichtung geworden. Anders als die in ihrer egomanen Radikalität vergleichbaren Vertreter der art brut wie Henry Dargers oder Wölffli ist Marianne Fritzens eben n i c h t graphoman, sondern radikal sozial. Bei allem konkreten Lebensverzicht, den die Erschaffung solch eines Werks objektiv bedeutet, ist kein Gran Solipsismus in ihm.”

Und:

“Gerhard Melzer hat bemerkt, die von Marianne Fritz bevorzugte “einfache” Sprache sei ein Kunstidiom, das die Dumpfheit und wie sehr Menschen ihren Lebensumständen ausgeliefert sind, s p r a c h l i c h erfahrbar mache. Darin sei Fritzens Romanwerk den Volksstücken Ödön von Horvaths vergleichbar.Doch werden die tatsächlich oft sehr einfachen Ausdrücke Vergleiche Metaphern, sowie die kindliche Namensgebung der Figuren von einer hochkomplexen Konstruktion getragen: das Wort ist eben n i c h t einfach, sondern letzlich verhinderter Ausdruck. Die scheinbare Simplizität ist e r z w u n g e n. Indem Marianne Fritz beides aufdeckt, sozusagen die Verhältnisse wie Hautlappen je zur Seite klappt, damit man das Organ sehen kann, wird in vielen Lesern ein Widerstand gegen diese Bücher erzeugt: denn sie erlauben weder Befriedung von noch gar ein - und wäre es nur aus sprachgeniesserischen Gründen - sentimentales Einverständnis mit den Verhältnissen. Schon insofern ist dieses Werk kein graphomaner Eskapismus. Die Banalität selbst wird als Ausdruck eines Systems rücksichtslos ineinandergefalteter Wirkungen und Ursachen entlarvt, die man “Geschichte” nennt. Insofern die Grammatik ein schriftgewordener Spiegel der herrschenden Verhältnisse ist, in der sie entstand und gilt, ist der Angriff auf die Grammatik ein Angriff auf die herrschenden Verhältnisse.”

 

 

14. 01. 2009

 

17.57 Uhr 

 

Abgabe eines Ansuchens um Zweijahresförderung bei der Gemeinde Wien: Fritzpunkt schliesst mit Die Festung - Teil 5 - 7 in den Jahren 2010 und 2011 in Koproduktionen mit Institutionen der Bildenden Kunst das Gesamtprojekt Fritzpunkt ab. Fritzpunkt in das Betriebssystem Kunst einspeisen. FP oder die Zertrümmerung der Verhältnisse durch die Anschauung...

Einige kreuz und quer gewürfelte Stichworte aus den Projektbeschreibungen: Hochleistungsperformance, und aber, verräumlichtes Textgelände, Zeitkauf, gesulzte Farce, andererseits, Zwangssystem, Erarbeitungsweise überlanger Dauern, einnisten, Theater-Bastarde, Abspaltung ist Verbindung, Modell Fritzpunkt, Handlungsszenarien, “Rührmichnichtan!”, allgemeingebräuchliche Verkehrsformen von Theater, zyklischer Prozess, etabliert, Nachsage, das Tages-Format, Spielfeld, qualitätssteigernde Adaptierungen,
3100 Tage Fritzpunkt, Essen in der Küche, Naturgemäß III, Kontextverschiebungen, sekundäre Bedürfnisse, Bauprinzip verstehen lernen, performative Installation, massiv, von Inneneinrichtung befreit, Überwachungskamera, theatrale Einlassung, Text durch alle Formate jagen, Performance-Festung, Schluß-Publikation, Büchel und Büchel, 2011, theatrale Werbekampagne, das Archiv, ein Proband, Einladungspolitik, Regeln selbst finden, Vorwegnahme der Vergangenheit als Dokumentation der Zukunft, ach ja, und nicht zu vergessen: Versuchsanordnung. Genug?

 

 

17. 01. 2009

 

03.00 Uhr 

 

Für J. ("Das isch Musig!")

Einer meiner Lieblingstexte der Fritz. Die Wiederholung sei aus gegebenem Anlaß erlaubt:

"Was bei allen blinden Flecken auf-fällig ins Auge sticht, auf-dringlich ins Ohr quillt, es ist, sie sind alle liegen geblieben. Was nicht liegen geblieben ist, ist nicht mehr da. Ist es ein Ding, ist es nicht ganz. Ist es ein Tier, ist es hungrig. Ist es ein Gegenstand, ist es kein Ding. Kein Ding braucht in der stechenden Sonne die Blendung nicht zu fürchten, die Verwesung schreitet: zügig voran. Kein Ding zieht an, wird bewohnt sehr rasch, es ist voll Leben, der Hunger ist groß, kein Ding wehrt sich nicht gegen den Hunger. Reißt kein Ding den Mund weit auf, steigen in kein Ding die Fliegen vorwärts, seitwärts, aufwärts, leichtfüßig steigen die Fliegen in kein Ding, keiner stört sie, der Mund schließt sich nicht, weit auf, offen bleibe kein Ding, immerzu offen, kein Ding hat geschrien? Vielleicht hat kein Ding nicht geschrien, nur aufgerissen, es quoll ja aus kein Ding in vielen Verschlingungen wollte es aus kein Ding nicht heraus, sodaß es kein Ding deswegen aufriß, weil kein Ding dem Offenen entnahm, das Öffnen raubt kein Ding die Verschlingungen nicht, aber sie haben das Quellen, sie drängen zum Ausgang, der Ausgang ist nachgiebig, unnachgiebig ist der Schmerz, er weicht aus kein Ding im Moment, den kein Ding nicht kennt. Kein Ding reißt den Mund auf. Wer weiß? jedenfalls reißt kein Ding den Mund weit auf. Und wer weiß? Wird liegenbleiben wie kein Ding."
Marianne Fritz, Naturgemäß I 1996