09. 01. 2006
09.22 Uhr
Beginn einer nichtöffentlichen chronologischen Re-Lektüre der Marianne Fritz-Werke:
1
Die Schwerkraft der Verhältnisse , erschienen 1978, Umfang 109 Seiten:
"Kurz und gut; Wilhelm war der Bilderbuch-Chauffeur und der ideale Geh-her-da. Daß dieses Bild von Wilhelm dem Brotgeber erhalten blieb, dafür sorgte Wilhelms Lächeln. Er wußte genau, wann es besser war, in sein Rezept einen Schuß mehr Ergebenheit einzuschmuggeln und das Dümmliche mit einem Schuß Pfiffigkeit aufzuhellen, wußte, wann und an welchem Ort und unter welchen Umständen sein Lächeln seine Abwesenheit signalisieren sollte oder seine Anwesenheit, wußte, wie er mit seinem Lächeln dieser oder jener Fuhr bestätigte, was dieselbe eh schon immer gewußt hatte. So lächelte er als Zweifler, Grübler und Wissender, als Dummer und Pfiffiger, als Hellseher und Blindgänger, als dienstbeflissenener, untertänigst ergebener Geist und als aufmüpfiger, durchaus kritischen Gedanken zugeneigter Geist, und das niemals plump und eindeutig, immer teils-teils und ständig bereit, die eine oder andere Nuance in seinem Lächeln zurückzustellen, hervorzuheben oder gar verschwinden zu lassen. Diese seine schon bedeutende Begabung zum nuancierten Lächeln wurde nicht nur durch die Zulagen ungemein gefördert. Auch seine eher dem "Wenn" und "Aber", "Dann zu bedenken" und "In Anbetracht der Umstände", "Dafür, wenn man betrachtet", "Dagegen, wenn man in Erwägung zieht" zugeneigten Gedanken förderten die Vielfalt seines Lächelns. Er glaubte alles und nichts, er bezweifelte alles und nichts, er war der geborene Träumer, der nicht träumte. Kurz und gut; er war ein würdiger Repräsentant seiner Nation."
12. 01. 2006
22.23 Uhr
Das Choratorium
Zum neuen Tier
Folge 3
12. Januar 2006, 19 Uhr
Weiter im (Chor)Text:
Das Ende aller Dinge bereitete sich vor
(Marianne Fritz: Naturgemäß I)
zu der zeit wo die menschheit
(Bertolt Brecht: Lehrstück)
einer von uns
(Bertolt Brecht: Lehrstück)
Da sich diese vier
(Bertolt Brecht: Fatzer)
Lange glaubte er noch
(Heiner Müller: Herakles 2 oder die Hydra)
Lajos war König in Theben.
(Heiner Müller: ÖDIPUSKOMMENTAR)
Ich beklag dein, Prometheus, heilloses Geschick. (Aischylos/Peter Witzmann/Heiner Müller: Prometheus)
Dich begrüß ich in Ehrfurcht
(Friedrich Schiller: Die Braut von Messina)
Ungeheuer ist viel. Doch nichts
(Sophokles/Hölderlin: Antigonä)
Kontakt und Information:
0699 / 11 68 56 16
stadttheaterwien@nextra.at
Eine Kooperation des Stadt Theater Wien mit dem Zentrum für Kunst- und Wissenstransfer /
Universität für angewandte Kunst Wien /
Univ.-Prof. Dr. Christian Reder
19 Personen suchen einen Chor, lesen gemeinsam, versetzt, einzeln, repetitiv, ungezügelt, laut und leis,
nicht oder doch, angeleitet-unangeleitet wiederum aus Herakles 2 oder die Hydra (Heiner Müller) und - neu - aus der Braut von Messina (Friedrich Schiller). Im bereits am 22.12.2005 auf dieser Homepage eingeübten Gestus wird hier ein am heutigen Abend nicht behandelter Text zitiert, der - auch - die 1991er Geschichte des Stadt Theater Wien markiert:
(der chor:)
einer von uns
an gesicht gestalt und gedanke
uns gleichend durchaus
muß uns verlassen denn
er ist gezeichnet über nacht und
seit heut morgen ist sein atem faulig
seine gestalt verfällt sein gesicht
einst uns vertraut wird schon unbekannt
mensch rede mit uns wir erwarten
an dem gewohnten platz deine stimme sprich
(marsch)
er spricht nicht seine stimme
bleibt aus jetzt erschrick nicht mensch
jetzt mußt du weggehen gehe rasch
blick dich nicht um geh
weg von uns
Bertolt Brecht Lehrstück, 1929
16. 01. 2006
11.14 Uhr
Fortsetzung der nichtöffentlichen chronologischen Re-Lektüre der Marianne Fritz-Werke:
2
Das Kind der Gewalt
oder die Sterne der Romani
erschienen 1980, Umfang 548 Seiten:
"Die Truhe Hirn umzugestalten
So wie der Stein stets jenes Ganze gewesen ist, mit dem es dem Menschen - und das doch seit vordenklichen Zeiten - gegeben war, sich vor seinesgleichen zu schützen: vor Dieben und Raubrittern, und sich auszuzeichnen durch die Planung und die Errichtung von Festungen, die durch nichts und niemanden zerstörbar waren; so ist doch das Wort stets jenes Ganze gewesen, mit dem es dem Menschen - und das doch seit unvordenklichen Zeiten - gegeben war, die Truhe Hirn zu einer Festung auszubauen, die zerstörbar war: durch nichts und niemanden.
Und dem Bruder war das Wort gegeben als jenes Ganze - und das doch seit vordenklichen Zeiten - mit dem die Geschwister die ihrige Trutzburg mit ihrer doch stets eifrigen und tatkräftigsten Unterstützung - ersonnen und errichtet, ausgebaut und verändert, renoviert und zerstört hatten. Und das so lange und immer wieder, bis sich das ihrige Erinnerungsvermögen den kostbaren Schatz: die ihrigen Geschichten zu ersparen vermocht hatte, ohne den es doch nie und nimmer gelingen hätte können, die ihrige Trutzburg zu ersinnen: so gescheit und so stolz; wie nur zerstörbar vom Nichts und vom Niemanden. ... Und das kostbarste Kleinod des Menschen: sein Erinnerungs- vermögen, einmal entdeckt, hatten Bruder und Schwester nicht nur die ihrigen Geschichten in der Truhe Hirn zu sammeln, aufzubewahren und auch und gerade verbergen gelernt: vor Dieben und Raubrittern. Vielmehr hatten sie auch entdeckt, daß sich die ihrigen Geschichten so und auch ganz, ganz anders ordnen ließen: in der Truhe Hirn."
19. 01. 2006
16.48 Uhr
2. Besprechung zum Projekt Fritz-Film .
Näheres dazu zu gegebener Zeit, will heißen,
nach Fertigstellung desselben.
26. 01. 2006
21.10 Uhr
Das Choratorium
Zum neuen Tier
Folge 4
26. Januar 2006, 19 Uhr
Wir hören uns das an. Wenn gewollt auch mehrfach:
D.E.Sattler
Frei gehaltener Vortrag über Hölderlin
und tragische Identifikation
anlässlich des Wien modern-Festivals 1988
"Noch besser ist Auswendiglernen. Doch das Wort dafür ist falsch: Inwendigwissen wäre besser.
Das unwissende Wissen."
D.E.Sattler
Kontakt und Information:
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Eine Kooperation des Stadt Theater Wien mit dem Zentrum für Kunst- und Wissenstransfer /
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Univ.-Prof. Dr. Christian Reder
Auf www.hoelderlin.de zu findende Inhaltsangabe zum etwa 55 Minuten dauernden Vortrag von
D.E. Sattler, der oft und oft gehört werden kann/muß:
mythische analyse I
FREUD UND ÖDIPUS
frei gehaltener vortrag, um 1989
wien modern, musikverein
zuvor spielten márta und györgy kurtág (`für Margret und D E Sattler`) erstmals eine der bach-transkriptionen (`Aus tiefer Not`)
beginn:
hier in der freudianischen nacht ...
inhalt:
wenn sigmund freud als symbolfigur der aufgeklärten und aufklärenden vernunft mit der gestalt des ödipus gleichgesetzt wird läßt sich unser jahrhundert im mythischen prozeß als derjenige augenblick bestimmen in welchem die selbstherrliche vernunft den seher tiresias und damit die möglichkeit des offenbarten wissens von sich gewiesen hat; der verdrängung des tiresianischen wissens durch ödipus entspricht die reduktion des freudianischen ödipus-paradigmas auf das verborgene verhängnis (der austauschbare stoff der tragödien) und die verdrängung jenes zentralen konflikts an dessen ende der sibyllinische mund und der des tiresias sich als mächtiger erweist als die vorkehrungen und folgerungen einer vom wahn der selbstgewißheit umfangenen moderne; an anderen parametern zu messen die noch übrige zeit bis zur blendung; danach noch übrig der `planetenweg` an antigones hand bis zum entrückungsort
d e sattler
27. 01. 2006
00.43 Uhr
Phaeton-Segmente
In lieblicher Bläue blühet mit dem metallenen Dache der Kirchthurm. Den umschwebet Geschrei der Schwalben, den umgiebt die rührendste Bläue. Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben stille krähet die Fahne. Wenn einer unter der Gloke dann herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Gloken tönen, sind wie Thore an Schönheit. Nemlich, weil noch der Natur nach sind die Thore, haben diese die Ähnlichkeit von Bäumen des Walds. Reinheit aber ist auch Schönheit. Innen aus Verschiedenem entsteht ein ernster Geist. So sehr einfältig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, daß man wirklich oft fürchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber, die immer gut sind, alles zumal, wie Reiche, haben diese, Tugend und Freude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch seyn? Ja. So lange die Freundlichkeit noch am Herzen, die Reine, dauert, misset nicht unglüklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbekannt Gott? Ist er offenbar wie der Himmel? Dieses glaub` ich eher. Des Menschen Maaß ist`s. Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde. Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen könnte, als der Mensch, der heißet ein Bild der Gottheit.
Giebt es auf Erden ein Maaß? Es giebt keines. Nemlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers. Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne. Es findet das Aug` oft im Leben Wesen, die viel schöner noch zu nennen wären als die Blumen. O! ich weiß das wohl! Denn zu bluten an Gestalt und Herz, und ganz nicht mehr zu seyn, gefällt das Gott? Die Seele aber, wie ich glaube, muß rein bleiben, sonst reicht an das Mächtige auf Fittigen der Adler mit lobendem Gesange und der Stimme so vieler Vögel. Es ist die Wesenheit, die Gestalt ist`s. Du schönes Bächlein, du scheinest rührend, indem du rollest so klar, wie das Auge der Gottheit, durch
die Milchstraße. Ich kenne dich wohl, aber Thränen quillen aus dem Auge. Ein heiteres Leben seh` ich in den Gestalten mich umblühen der Schöpfung, weil ich es nicht unbillig vergleiche den einsamen Tauben auf dem Kirchhof. Das Lachen aber scheint mich zu grämen der Menschen, nemlich ich hab` ein Herz. Möcht` ich ein Komet seyn? Ich glaube. Denn sie haben die Schnelligkeit der Vögel; sie blühen an Feuer, und sind wie Kinder an Reinheit. Größeres zu wünschen, kann nicht des Menschen Natur sich vermessen. Der Tugend Heiterkeit verdient auch gelobt zu werden vom ernsten Geiste, der zwischen den drei Säulen wehet des Gartens. Eine schöne Jungfrau muß das Haupt umkränzen mit Myrthenblumen, weil sie einfach ist ihrem Wesen nach und ihrem Gefühl. Myrthen aber giebt es in Griechenland.
Wenn einer in den Spiegel siehet, ein Mann, und siehet darinn sein Bild, wie abgemahlt; es gleicht dem Mann. Augen hat des Menschen Bild, hingegen Licht der Mond. Der König Oedipus hat ein Auge zuviel vieleicht. Diese Leiden dieses Mannes, sie scheinen unbeschreiblich, unaussprechlich, unausdrücklich. Wenn das Schauspiel ein solches darstellt, kommt`s daher. Wie ist mir`s aber, gedenk` ich deiner jezt? Wie Bäche reißt das Ende von Etwas mich dahin, welches sich wie Asien ausdehnet. Natürlich dieses Leiden, das hat Oedipus. Natürlich ist`s darum. Hat auch Herkules gelitten? Wohl. Die Dioskuren in ihrer Freundschaft haben die nicht Leiden auch getragen? Nemlich wie Herkules mit Gott zu streiten, das ist Leiden. Und die Unsterblichkeit im Neide dieses Lebens, diese zu theilen, ist ein Leiden auch. Doch das ist auch ein Leiden, wenn mit Sommerfleken ist bedekt ein Mensch, mit manchen Fleken ganz überdekt zu seyn! Das thut die schöne Sonne: nemlich die ziehet alles auf. Die Jünglinge führt die Bahn sie mit Reizen ihrer Stralen wie mit Rossen. Die Leiden scheinen so, die Oedipus getragen, als wie ein armer Mann klagt, das ihm etwas fehle. Sohn Laios, armer Fremdling in Griechenland! Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.
Friedrich Hölderlin In lieblicher Bläue, 1807
13.39 Uhr
Fortsetzung der nichtöffentlichen chronologischen Re-Lektüre der Marianne Fritz-Werke:
3
Dessen Sprache du nicht verstehst
erschienen 1985; Band 1, Umfang 1054 Seiten:
"Seele, was, wer bist du? Wie bist du: ein zusammen- geballter Knäuel von Vorgängen, entwirren Erscheinungen, klären die: den Erscheinungen, zugrunde, liegenden Tatsachen, geklärtsein, einsichtig gemacht werden? Sollen nicht immer einfache Zu-sammen-hänge nicht gemacht werden: einsichtig, javerheerend, begannen ihm selbst entgleiten die Worte, verselbständigten sich schon die Worte innerhalb eines Satz-Gefüges, konnte er fortlaufend etwas im Kopf suchen und gleichzeitig untersuchen javerheerend, das ging sich noch nie aus. Er hatte doch etwas gemeint, ohne besondere Schwierigkeiten, was hatte er nur gemeint; aja.
Ein zusammengeballter Knäuel von Vorgängen.
Das, entwirren Erscheinungen, klären die den Erscheinungen zugrunde liegenden Tatsachen, geklärtsein, einsichtig gemacht werden, sollen nicht immer einfache Zusammenhänge, nicht gemacht werden: einsichtig, das hatte Johannes gemeint und selbstverständlich nichts anderes; genau das. Und es war eine rhetorische Frage, die Johannes sich selbst gestellt, natürlich.
Ihm fehlte das brauchbare Etikett für seinen Zustand, er war hineingeraten in den verheerenden Zustand. Alles geschah doch in gehöriger oder auch nicht gehöriger - auf jeden Fall geschah es - in Aufeinanderfolge und Ursächlichkeit, selbst das angebliche Chaos ließ sich entwirren, das Chaos nichts anderes als eine zu beträchtliche Vielfalt von Eindrücken, von Geschehendem rundum, in einem selbst, überviel geschah, betrachtete
Man den mangelhaft ausgestatteten Menschen, der doch nur aufnehmen konnte winzigste Bruchteile von Wirklichkeit, vielleicht verwirrte ihn die Vielfalt, das gleichzeitige die Zukunft wie Vergangenheit in sich vereinigt, rundum gebündelt, zusammengeballt zu sehen, spüren, riechen und hören.
Wußte so wenig, wußte noch so wenig, war noch so wenig vollgepumpt von den, einem Menschen angebotenen Möglichkeiten, ehe er geworden ging er schon sterben, verrückt, hatte absolut kein Bedürfnis wegen einem anderen Toten selbst sterben; als wäre ein Tod Grund genug den Tod diktieren Massen. Sollte der eine Tod Grund genug sein, Massen gegeneinander hetzen zu dürfen, war dies möglich; Vorwand, Anlaß, dämmerten rundumihn den Menschen die Zusammenhänge erst, wenn sie wußten, aus vorbei gewesen und dann begannen sie fragen, Warum."