06. 01. 2005

 

22.48 Uhr 

 

Textabfolge für das Tribunal

 

18. 01. 2005

 

11.24 Uhr 

 

Zur Folter :

"Wer einen Torso auslöschen wollte, ohne ihn sichtbar zu töten, ohne eine Leiche zu erzeugen, ohne daß die genauesten, noch nicht gekannten Uhren des Universums anzeigen könnten, >so</viel Zeit hat das Auslöschen des Torso [leben]s >gekostet<, vorübergehend sah die >Zeit< unheimlich deutlich, wie etwas war, das dann: vollkommen aufgehört hatte, die >seh<ende Zeit jedoch wohnt im Fleisch und zieht mit dem Schmerz aus dem durch Peinigung zu dicht gewordenen Fleisch aus. Der Auszug aus dem Fleisch jedoch wird nur durch den Tod garantiert, ansonsten versöhnte sich das durch P[einigung] zu dicht gewordene Fleisch >nie wieder<, weder mit dem, der solches dem Fleisch antun konnte, noch mit jenem, der das Fleisch nicht zu schützen vermochte vor zu großer Verdichtung: Diese >Uhr< hat keinen Zeitanzeiger, kein Wort, keine Spur von Ziffernblatt, kein>Raum</gefühl, die >Zeit< des Schmerzes hat keine Uhr, sie läßt sich nichtwirklich m>essen<, nichtwirklich ausscheiden, nur der Tod tötet sie. Diese >Uhr< hat keine Vernunft, in ihr sp>richt< die Sp>rache< der Schmerz, der ist ortlos, geradezu überall im Fleisch, scheinbar, wohnhaft, nirgends jedoch greifbar.
Marianne Fritz Naturgemäß II, 1998

 

20. 01. 2005

 

20.57 Uhr 

 

Eine Probenspur

 

22. 01. 2005

 

17.20 Uhr 

 

(Ich muß meine Fratze herumführen)

Der Bänkelsänger: Was tust du da?
Der Zeitgott: Ich muß meine Fratze herumführen.
Der Bänkelsänger: Wo hast du sie dir geholt?
Der Zeitgott: Die fehlt keinem.
Der Bänkelsänger: Der sie jetzt nicht hat, dem fehlt sie.
Der Zeitgott: Sei nicht so streng. - Bevor er stirbt, geb ich sie ihm wieder.-
Marianne Fritz Naturgemäß I, 1996

 

27. 01. 2005

 

19.19 Uhr 

 

Das Tätschprogramm als Abwehrgeschichtlein:

"Bei den Neurosenquellen : natürlich ist die Schreibweise dieses Wortes ein eigenes Tätschprogramm zusammenstellend, in allen Schulen des Landes, die sich mit höheren Dingen befassend, der Blüte des Landes zum Beispiel, die deutlich nicht unter der Erde Wurzeln treibt, sondern sichtbar auf den Ästen und Zweigen duftet. Dieses Mißverstehen von Zusammenhängen und Zusammenwirken also im Baumgeschehen, gerade dieses hier zur Sprache gebrachte Mißverstehen erlauben auch die Neurosenquellen dem Lehrkörper. Je nach Parteiung schlägt man sich dieser oder jener Einsicht zu. Weisze ziehen die weisze, Erdfarbene die erdfarbene Lesart vor, zwischen den Extremen breiten sie sich aus, die Nuancen, nach allen Windrichtungen hin streuen Nuancen wie Rosen verschiedene Düfte und Hoffnung hat bald einer, den richtigen Duftstoff für sich gefunden zu haben. Hats einer vernommen rechtzeitig, daß Auffassungen zu duften haben und vermögen sie das nicht, sind sie verloren, ob richtig, ob falsch, ob unsinnig, ob dazwischen irgendwo im Sinn der Unsinn sein Unwesen oder der Sinn im Unsinn seine Verrenkungen in Schutz nimmt, auf daß er ihn nicht erlebe, den alles ordnenden und zurecht rückenden Sinn des im Lande herrschenden Unsinns, berührt einen Mann nicht mehr, der bei den Neurosenquellen zur Welt gekommen und in Kleine Knospe zum Rad geführt worden ist, auf Rädern ist er gestanden, gefesselt, vollkommen besessen von allen, die es nun sehen mögen, was ihm geschieht, der von den Neurosenquellen her gekommen ist, um in der Stadt Kleine Knospe das Geheimnis des Rades neu zusammenzusetzen. Es immer das uralte Rätsel ist. Was hat das Rad mit dem Schmerz gemein? Das drehende Wesen trägt eine schwarze Zipfelmütze, die Augen haben den Schlitz, der von den Neurosenquellen her kommt, wird zeitweilig schreien, jedeskind das schon weiß in Kleine Knospe und sie warten auf den Schauer, sie schauen zu und wissen sehr wohl, es ist das beste an der ganzen Vorführung, man merkt gleich, besser den hat das Rad gefunden, besser ihn hat das Rad geflochten, besser ihn hat das Rad gefesselt und gebändigt wird besser er, alles merkt sich jedeskind nur eines vergißt jedeskind. Das Gesicht des Rades ist kein eigenes Gesicht, das Rad muß sich die Gesichter ausborgen, ebenso die Knochen, auf daß es komme zu seinem Schmerz. Das Rad schreit im Gedrehten und brüllt vor Freude, denn es kommt endlich zu seinem Blut. Ohne die Qual hätte kein Rad den Blick auf sich gezogen, die Bannkraft des Rades kommt aus seiner Seele, und die drechselt der Schmerz aus dem Leib.

Nach der Entstehung dieses Abwehrgeschichtleins eines übermütigen Fabulierens, das nicht nach tieferem Sinn fragt, sondern schlicht fabuliert, eher genüßlich spinnt und sich nicht darum schert, ob es nun tiefsinnig daherstakst oder storchenbeinig, mit hochgeschwellter Brust oder weise gebückt vor der Weisheit in die Knie brechend oder schluchzend, zumal ihre Unsichtbarkeit oftmals als Schmerz empfunden wird und in Kindern der steckt, der Nachahmungstrieb, also sei er nachgeahmt! Der Schmerz! O! O! O! Tief genug? Tief genug (gelitten), also: Punkt."
Marianne Fritz Naturgemäß I, 1996

 

 

19.39 Uhr 

 

Oder so:

"Ich kann das Wort Neurosen nicht mehr hören [ die Aufzeichnungen der Vorlesung lesend, bin ich eingeschlafen; aufwachend, habe ich die schroffe Dummheit, die ich noch zu vergegenwärtigen habe, zu Ende gedacht; haben meine Hände, ohne sich bei höherer Instanz zu Erkundungen anzumelden, obs denn erlaubt sei, die Aufzeichnungen des flott Vorgetragenen zu vernichten, das Vermessene gewagt, die Entscheidung an sich gerissen, haben in wenigen Augenblicken Ordnung in meinen inneren Pallawatsch gebracht, sodaß ich nun mit zerrissenen Aufzeichnungen in den werdenden Tag starren durfte, ich weiß nicht, wann das Starren einem hektischen Eifer ausgewichen ist, was mir aber auffällt, ewig hält keine Vertiefung an, das Hineinkriechenmögen in diesen Kopf ist mir arg verleidet worden durch jene Schleier vor den Augen, die sich nicht zerreißen ließen, mein Handrücken wischt zur Seite, doch das Zurseitewissen bringt mir meine Berufsglücksempfindungen nicht zurück, natürlich wollte ich schreiben, das Zurseitewischen; Sandor Ferenczi lesend, es mir wieder unangenehm auffällt, wie das psychoanalytische Vorgehen mit der Pathologie sich verschwistert gibt. Diese siamesischen Zwillinge zu trennen, eine noch ausstehende Pioniertat. ] !"
Marianne Fritz Naturgemäß I, 1996