23. 01. 2003
08.52 Uhr
Ab heute arbeitet das Stadt Theater Wien am Projekt Etwas ist dran - ein Lehrstück zum Vorurteil , das in Kooperation mit dem Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin vom 31.März bis 5. April an verschiedenen Orten der Stadt Wien und im Fritzpunkt stattfinden wird.
Teilnehmer: Fred Büchel Susanne Hahnl Sabine Krüger Agnes Manier Yoshie Maruoka Johannes Mergner Anne Mertin Nina Tecklenburg Dominik Walther und Christel Weiler.
Material dieses Lehrstücks sind Texte aus
Naturgemäß I (S.3/8/11/20/74-84/87/94-95/98-99/109-111) und von den Theaterwissenschaftler/innen verfasste Kommentartexte zum Thema "Sind wir Leute mit Vergangenheit? Sind wir Leute mit Zukunft?" .
Etwas ist dran ist als Lehrstück eine geschlossene Veranstaltung für die Schauspieler/innen des Stadt Theater Wien und die Theaterwissenschaftler/innen der Freien Universität Berlin. Diese sechstägige Auseinandersetzung zwischen Theorie und Praxis fungiert als Brücke zwischen den im letzten Jahr im Fritzpunkt gezeigten Miniaturen (Fritzpunkt hüpft / Gräten im Fritzpunkt / Lesen, naturgemäß / Im Grunde ist die Unterwerfung eine zurecht Befreiung genannte Tatsache) und dem geplanten grossen Sommerprojekt zu Naturgemäß I von Marianne Fritz .
25. 01. 2003
10.27 Uhr
Die folgenden Eintragungen dokumentieren den Arbeitsprozess des Stadt Theater Wien bis zum direkten Aufeinandertreffen der beiden Teilnehmergruppen am 31. März 2003.
26. 01. 2003
21.28 Uhr
Das Stadt Theater Wien als Chor, der mit den ausgewählten Fritz-Texten agiert.
Die Theaterwissenschaftler/innen als Solisten mit ihren eigenen Kommentaren.
(Oder der Austausch der Textsorten (nicht der Verhaltensweise!), sodass beide Gruppen mit jeweils fremden Texten zu agieren hätten.)
Publikum als dritte Gruppe, als Störung in das vom Grundgedanken her publikumslose Lehrstück einbauen?
27. 01. 2003
13.51 Uhr
"Kindchen, was willst du suchen! Die Gerechtigkeit, die Spur zum Herzen des gnädigen Herrn? Scheinheilig fragt der Chor, heuchlerische Antwort ist: Nicht die Gerechtigkeit suche ich, nicht die Spur, die es nicht gibt, ich suche den Unterschied, Herrchen und Herr, da ist doch ein Unterschied? Eine Frage, die gewissenhaft geprüft wird?! Das würde zuwiderlaufen der Erfahrung, in ihren Liedern merken sich alle die Erfahrung, die sie nicht lesen können, weil sie nicht Herr sind" ( Naturgemäß I , S.20)
Wie, wenn die ewige Untersuchung derselben Frage "Wer ist Herr? Wer ist Knecht?" die Zementierung ebendieser Kategorien in sich birgt und der immer noch vorhandene Glaube an die Wichtigkeit dieser Frage ad absurdum geführt werden müsste?
Die Frage "Wer verarscht wen zu welchem Preis?" spricht eine zeitgenössische, lauere Situation an, die nicht mehr an grundsätzliche Veränderung appelliert wie die abgenutzten Termini Revolution, Befreiung, Unterdrückung etc.
Oder?
28. 01. 2003
09.33 Uhr
Das Stadt Theater Wien als Chor, die Theaterwissenschaftler/innen als Gegenchor, als kollektives Gedächtnis aus Einzelstimmen, als Splitterberg.
Das Ineinanderverschmelzen von Singen und Sprechen als Grundform im modulartig angelegten Lehrstück. Eine dezent manipulierende Situation aus Wiederholungen bauen = "Wirbelchen". Eine "halbe Wahrheit", "Etwas ist dran". Wiederholung als Methode.
29. 01. 2003
17.45 Uhr
Erinnern und Vergessen als Bedingungen der "Aufhebekunst".
30. 01. 2003
13.59 Uhr
Überlegt wird, unter die ausgesuchten Marianne Fritz-Texte einen Plot von 4 Figuren zu legen, deren gegenseitige Misstrauenshaltung als Subtext unsere Aktionen bestimmen, ohne dass sich der Konflikt der 4 Figuren je direkt äussern würde. Die Lieder als Zwischenspiele würden das Figurenverhalten fallen lassen.
Kämen diese Figuren aus den Zinnentexten von Naturgemäß I : Der Aufklärungsoffizier / Kaiser Timur / Ein Mitglied des Vereins ohne Erinnerung / Der Herr der Buchstaben oder eher aus unserem zeitgenössischen Leben, zB. Bewährungshelfer mit einander ausschliessenden Ideologien (Bezug zu Gewalt)?